Home
http://www.faz.net/-gzl-us6m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schule Früh übt sich

13.04.2007 ·  Immer mehr Kinder werden vor dem sechsten Lebensjahr eingeschult. Sinnvoll ist das nur, wenn sie intellektuell und sozial reif für die Schule sind. Kritiker bemängeln den Leistungsdruck, den Eltern an ihre Kinder weitergeben.

Von Lisa Uphoff
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Das Mädchen war wohlerzogen, äußerst liebenswürdig und wirklich pfiffig. Das einzige Problem: Das Kind war gerade erst vier Jahre alt geworden, sollte nach dem Willen seiner Eltern aber unverzüglich eingeschult werden. Selbst erfahrene Schulleiter staunen derzeit, wie viele Eltern mit aller Macht versuchen, ihre Kinder noch vor Beginn der Schulpflicht in die erste Klasse zu schleusen.

Die Zahl dieser sogenannten Kann-Kinder, die erst nach dem Stichtag 30. Juni sechs Jahre alt werden, ist in Hessen nach Angaben der Techniker Krankenkasse in den vergangenen zehn Jahren um 70 Prozent gestiegen. Die Krankenkasse beruft sich auf Angaben des Statistischen Bundesamtes. Danach wurden im Schuljahr 2005/2006 rund 7880 Kann-Kinder eingeschult – 3270 Kinder mehr als vor zehn Jahren. Kritiker sehen darin die Auswüchse eines ungeheuren Leistungsdrucks, den Eltern an ihre Kinder weitergeben.

Chance für frühreife Kinder

Leider gebe es im hessischen Bildungssystem eine generelle Tendenz zu immer mehr Schnelligkeit wie beispielsweise beim Turbo-Abitur, meint der Landesvorsitzende der Erziehungsgewerkschaft GEW, Jochen Nagel. „Dabei kommt es gerade bei der Bildung auf Tiefe und Qualität an“, meint Nagel. Er plädiert dafür, die Kitas verstärkt zu Bildungseinrichtungen weiterzuentwickeln, um eine frühe, aber kindgerechte Förderung zu gewährleisten. Dafür müssten die Erzieherinnen verstärkt qualifiziert und die Einrichtungen besser ausgestattet werden.

Skeptisch sieht auch die Vorsitzende des Landeselternbeirats, Kerstin Geis, die Entwicklung. Eine frühe Einschulung sei sinnvoll, wenn das Kind schon vor dem sechsten Geburtstag sowohl intellektuell als auch sozial reif für die Schule sei. Aber manche Eltern versuchten, ihr Kind aus übersteigertem Leistungsdenken möglichst schnell durch das Bildungssystem zu peitschen. Geis sieht eine Chance für frühreife Kinder vor allem in den „leider spärlich vorhandenen“ offenen Eingangsstufen. Dort werden Kinder generell mit fünf Jahren aufgenommen, können die ersten zwei Jahre aber je nach Entwicklung in ein bis drei Jahren absolvieren. Vorklassen hingegen seien keine Alternative, da hier nur schulpflichtige, also sechs Jahre alte Kinder mit Defiziten untergebracht würden.

Auch Michael Damian, Referent von Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen), kennt den Trend zur vorzeitigen Einschulung. Er verweist aber darauf, dass jeder Fall individuell betrachtet werden müsse. So gebe es Untersuchungen, die besagten, eine frühe Beschulung habe keine negativen Auswirkungen auf das Kind. Andere Studien hingegen kämen zu dem Ergebnis, dass später eingeschulte Kinder bessere Noten erzielten. In Ländern wie Frankreich und Irland würden alle Kinder bereits mit fünf Jahren eingeschult, in den Pisa-Siegerländern wie Schweden jedoch erst mit sieben Jahren. Aufgeschreckt von den Diskussionen rund um die Pisa-Studien und von neuen Erkenntnissen von Neurologen über die Notwendigkeit möglichst früher Förderung, dürften Eltern keineswegs schon bei fünf Jahre alten Kindern in „Torschlusspanik“ verfallen.

Schere zwischen zwei Elterntypen

In Hessen wurde die frühe Einschulung vor fünf Jahren erheblich erleichtert. Nach der Neuregelung im Schulgesetz ist „das Kann-Kind-Alter nach hinten offen gelassen“, sagt Christian Boergen, Sprecher des Kultusministeriums. Das bedeutet, dass sogar Kinder, die erst nach dem 31. Dezember sechs Jahre alt werden, auf Antrag der Eltern in die erste Klasse kommen können. Dann allerdings kann ein Schulpsychologe zu Rate gezogen werden.

Ansonsten ist die Einschulung von Kann-Kindern in das Ermessen der Schulleiter gestellt, unter Berücksichtigung des schulärztlichen Gutachtens. Pädagogen wie Christa Timpe, Leiterin der Peter-Petersen-Schule, gehen vorsichtig mit dem Thema um. Denn meist sind es nicht mangelnde intellektuelle, sondern fehlende soziale Fähigkeiten, die Schulleiter dazu veranlassen, von einer frühen Einschulung abzuraten. Viele Kinder seien für die Schulreifeuntersuchung regelrecht getrimmt worden und könnten schon rechnen oder schreiben, sagt Timpe. „Aber die Kinder müssen auch in der Gruppe zurechtkommen, kontaktfähig sein und mit neuen Situationen umgehen“, so die Lehrerin. Meist seien die Eltern einsichtig, doch immer wieder gebe es beratungsresistente Mütter und Väter.

Generell werde die Schere zwischen zwei Elterntypen immer größer. Während viele ihre Kinder leider gar nicht förderten, gebe es auch immer mehr Väter und Mütter, die ihr Kind um jeden Preis und mit unglaublich viel Aufwand vorantreiben wollten, oft in der Hoffnung, das Kind sei hochbegabt. Fast alle Eltern wollten inzwischen, dass ihr Kind ein Gymnasium besuche. „Die Empfehlungen der Grundschule zu Beginn der Schulkarriere werden meist akzeptiert, spätestens aber in der vierten Klasse werden die Empfehlungen für eine weiterführende Schule komplett ignoriert“, moniert Timpe. Auch die Gefahr einer Querversetzung schon in Klasse fünf schrecke die Eltern nicht. Denn von der Möglichkeit solcher Versetzungen auf andere Schulformen werde nur selten Gebrauch gemacht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr