16.03.2007 · Drei von vier Mainzer Grundschulkindern sollen, geht es nach dem Elternwillen, auf ein Gymnasium wechseln. Doch den staatlichen Gymnasien fehlt der Platz.
Von Oliver KochDrei von vier Grundschülern sollen, wenn es nach dem Willen der Eltern geht, nach der vierten Klasse in eines der Mainzer Gymnasien wechseln – dies unabhängig davon, ob die Kinder eine Empfehlung für diesen Schulwechsel haben oder nicht. Die anhaltend große Nachfrage stellt die fünf staatlichen Gymnasien in der Stadt, die sich wie in den vergangenen Jahren auch in diesem Frühling vor Anmeldungen kaum retten können, vor enorme Schwierigkeiten.
Aktuell besuchen 893 Fünftklässler die fünf staatlichen Schulen, die neben mehreren privaten Gymnasien den Weg zum Abitur anbieten. Für das Schuljahr 2007/2008 liegen nach Angaben der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Trier, der rheinland-pfälzischen Schulaufsichtsbehörde, nun sogar 1034 Anmeldungen vor.
Zunächst werden Mainzer Schüler berücksichtigt
Dementsprechend können Kinder aus Rheinland-Pfalz nicht davon ausgehen, an ihrer „Wunschschule“ aufgenommen zu werden; und der Nachwuchs aus dem benachbarten Hessen dürfte bei der Vergabe der begehrten Plätze im Regelfall gar nicht mehr berücksichtigt werden.
„In den Gymnasien wird es eng“, bestätigt der Mainzer Schuldezernent, Peter Krawietz (CDU). Verantwortlich dafür sei die große Zahl von Schülern, die nach der Grundschule an ein Gymnasium wechseln. Die Übergangsquote liege mittlerweile schon bei rund 70 Prozent. Um die Schülerströme lenken zu können, wurde laut Krawietz eigens eine Arbeitsgruppe eingerichtet, an der sich Schulleiter aus der Stadt und dem Landkreis Mainz-Bingen sowie ein ADD-Vertreter beteiligen.
Bei der Aufnahme werden zunächst Schüler aus Mainz, gefolgt von Kindern aus den Landkreisen Mainz-Bingen und Alzey-Worms, berücksichtigt. Für Interessenten aus dem Hessischen reicht Krawietz zufolge die Kapazität nicht mehr aus; eine Sonderregelung gelte für Familien aus den zu Wiesbaden gehörenden drei früheren Mainzer Stadtteilen Amöneburg, Kastel und Kostheim. Für einen Schulneubau sei in Mainz kein Geld vorhanden. „Es kann nicht sein, dass andernorts Gymnasien geschlossen werden und wir dafür neue bauen müssen“, sagt der Schuldezernent. Die hessischen Schüler müssten sich vielmehr an den jeweils zuständigen eigenen Schulträger wenden.
Aufnahmestopp an den Gymnasien
Die Mainzer Position stößt auf der rechten Rheinseite jedoch auf Unverständnis. So sprach der Hochheimer CDU-Landtagsabgeordnete Axel Wintermeyer angesichts von 50 betroffenen Schülern allein in seiner Stadt von einer Störung der gutnachbarlichen Beziehungen: „Planungsfehler der Mainzer Schulbehörden werden auf dem Rücken der Hochheimer Kinder ausgetragen.“ Schließlich seien in den vergangenen Jahrzehnten pro Jahrgang rund 50 Schüler aus Hochheim auf Mainzer Gymnasien gegangen.
Wintermeyer kritisiert, dass „die Eltern noch vor wenigen Monaten von der Mainzer Seite geradezu in deren Schulen gelockt worden sind“. Zum Anmeldetermin im Februar sei zudem nicht darauf hingewiesen worden, dass sich die Schüler vorsichtshalber auch in Hessen anmelden sollten. Durch das Verhalten der rheinland-pfälzischen Schulbehörden ist seiner Ansicht nach ein zu erfüllender Vertrauenstatbestand geschaffen worden. Im Main-Taunus-Kreis seien die Gymnasien – da quasi ausgebucht – wahrscheinlich nicht in der Lage, noch 50 zusätzliche Schüler aufzunehmen. „Man kann Eltern doch nicht zumuten, ihre Kinder entgegen ihrem Willen auf integrierte Gesamtschulen zu schicken“, beklagt Wintermeyer.
Die kritisierte Aufnahmeregelung sei nicht von ihm festgelegt worden, erklärt Dezernent Krawietz. Vielmehr sei sie im Einvernehmen mit den Schulleitern und der Aufsichtsbehörde vereinbart worden. Nach Schätzungen des zuständigen Schulamts dürften im Main-Taunus-Kreis rund 50 und im Kreis Groß-Gerau rund 70 Schüler von dem Mainzer Aufnahmestopp betroffen sein. Deren Eltern erhielten nun Anmeldeformulare, auf denen sie ihre Schulwünsche eintragen sollen. Anschließend werde man sehen, wie die Kinder in den Schulen der Region unterzubringen seien.
Starke Nachfrage nach Plätzen in Gonsenheim
Auch für Bewerber aus Rheinland-Pfalz sind die Kapazitätsengpässe nicht ohne Folgen: So müssen laut ADD am Gutenberg-Gymnasium (mit 193 Anmeldungen) und am Gymnasium in Gonsenheim (241 Anmeldungen) zusammengenommen 85 Kinder abgewiesen werden. Sie sollen von einem der anderen staatlichen Gymnasien aufgenommen werden: dem Frauenlob-Gymnasium (mit bisher 240 Anmeldungen), dem Rabanus-Maurus-Gymnasium (186 Anmeldungen) oder dem Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss (174 Anmeldungen). Der Schulaufsichtsbehörde zufolge zeigt dies alles deutlich, dass selbst das größte Bemühen aller Beteiligten, den Wünschen der Eltern nachzukommen, an Grenzen stoße.
Besonders stark betroffen ist dabei in diesem Jahr das Gymnasium in Gonsenheim. Wie der Vater eines Viertklässlers berichtet, soll es allein fünf Kinder aus dem Stadtteil geben, die zwar in der Nähe des Gymnasiums wohnen, bei der Platzvergabe aber nicht vorrangig berücksichtigt worden seien: „Stattdessen landen alle in einem großen Lostopf.“ Das Gymnasium habe aufgrund seines bilingualen Zweigs und wegen der angegliederten Hochbegabtenschule deutlich an Attraktivität gewonnen, meint der Vater. „Da darf man sich nicht wundern, wenn immer mehr Eltern ihre Kinder dorthin schicken wollen.“