05.09.2007 · Innenminister Volker Bouffier hat bestätigt, dass die festgenommenen Terrorverdächtigen am Jahrestag des 11. September ein Attentat auf den Frankfurter Flughafen erörtert hätten. Die Bedrohungslage in Hessen sei weiter hoch.
Die drei Terrorverdächtigen, die am Dienstagnachmittag in der Nähe der nordhessischen Stadt Korbach festgenommen wurden, haben mehrere militärische und zivile Einrichtungen im Rhein-Main-Gebiet – darunter auch den Frankfurter Flughafen – als mögliche Ziele ins Visier genommen (siehe: Terrorverdächtige in Deutschland festgenommen). Das bestätigte Innenminister Volker Bouffier (CDU) in Wiesbaden. Es handele sich um „zu allem entschlossene“ Männer, deren Absicht es gewesen sei, ein „Blutbad“ anzurichten und dabei möglichst viele Amerikaner zu treffen.
Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden hätten die Verdächtigen sowohl einen Selbstmordanschlag als auch ferngesteuerte Explosionen in Erwägung gezogen, zudem sei die Möglichkeit erörtert worden, zunächst eine kleinere Detonation herbeizuführen, um dann beim Eintreffen der Hilfskräfte den eigentlichen, großen Anschlag zu verüben. Die Menge des von den Männern für die Anschläge beschafften Wasserstoffperoxids entspreche der Sprengkraft von 500 Kilogramm TNT, mithin mehr als bei den verheerenden Bombenattentaten von London.
Größter operativer Einsatz in Hessen
Nur dank einer Konzentration der Kräfte von Landes- und Bundesbehörden sowie mit der Hilfe des amerikanischen Geheimdienstes habe man die möglicherweise für den Jahrestag des 11. September geplanten Taten verhindern können. „Die Männer hatten alles, um losschlagen zu können.“ Bouffier sprach vom größten operativen Einsatz, den die hessische Polizei jemals erlebt habe. Dabei seien über Monate hin und quasi rund um die Uhr 300 Beamte im Einsatz gewesen.
Der Innenminister sieht trotz der Festnahmen keinen Anlass zu einer Warnung der Bevölkerung. Die Bedrohungslage in Deutschland, aber auch speziell in Hessen sei aber grundsätzlich weiter hoch. „Deutschland liegt im Zielspektrum des islamischen Terrorismus.“ Im Zuge der Festnahmen nahe der hessischen Landesgrenze bei Korbach seien allein in Hessen sieben Wohnungen in Frankfurt, Hanau und Darmstadt durchsucht worden; weitere Festnahmen habe es dabei nicht gegeben, aber Beamte hätten umfangreiches Material sichergestellt.
Die Ermittlungen hatten im Dezember vergangenen Jahres begonnen, nachdem mehrere Männer festgenommen worden waren, die einen amerikanischen Militärstandort im Hanauer Stadtteil Lamboy ausspioniert hatten. Dem Vernehmen nach handelte es sich um zwei deutsche Konvertiten zum Islam und drei gebürtige Türken mit deutschem Pass. Generalbundesanwältin Monika Harms bestätigte, einer der Verdächtigen von Hanau sei unter den in Haft Genommenen. Zu ihnen zählt auch ein 29 Jahre alter Türke aus Langen.
Ausbildung in Pakistan
Im Mai noch hatte sich die Bundesanwaltschaft zu dem Vorfall in Hanau nicht geäußert. Lediglich inoffizielle Informationen aus Sicherheitskreisen ließen darauf schließen, dass es sich um keinen vagen Verdacht, sondern um eine akute Bedrohung größeren Ausmaßes handelte. Dies war auch der Grund, weshalb Ende April eine Terrorwarnung der amerikanischen Botschaft herausgegeben worden war, die zur Folge hatte, dass die Sicherheitsvorkehrungen von militärischen Einrichtungen in Hessen und dem gesamten Bundesgebiet verschärft wurden.
Laut Bouffier haben die Verdächtigen vorrangig amerikanische, militärische Einrichtungen als mögliche Anschlagsziele in Betracht gezogen, aber auch der Frankfurter Flughafen sei in dem von Sicherheitsbehörden seit Monaten überwachten E-Mail-Verkehr „erwähnt“ worden. Nach Informationen der F.A.Z. verdichteten sich die Anzeichen, dass die Anschlagserie am 11. September erfolgen solle – genau sechs Jahre nach den Attentaten auf das Word Trade Center in New York und auf das amerikanische Verteidigungsministerium.
Die mutmaßlichen Attentäter bekennen sich laut Bundesanwaltschaft zur Islamischen Dschihad Union – einer radikalen Vereinigung, die bislang vorwiegend in Usbekistan agierte und im Juli 2004 mehrere Anschläge in Taschkent verübt hatte, unter anderem auf die amerikanische Botschaft. Nach Angaben Bouffiers waren die Verhafteten in Pakistan von Terrorgruppen im Umgang mit Sprengstoff ausgebildet worden. Hessens Innenminister lobte gestern die gute Zusammenarbeit der an den Ermittlungen beteiligten Sicherheitsbehörden, der auch den amerikanischen Geheimdienst mit einschließt. Die Ermittler hätten ausgeschöpft, was „technisch möglich“ gewesen sei.
Sicherheit am Rhein-Main-Flughafen
Der Frankfurter Flughafen gilt seit dem 11. September 2001 als mögliches Anschlagsziel von islamistischen Terroristen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind seitdem sukzessiv verschärft worden. Bundes- und Landespolizei, die Fraport AG und private Sicherheitsunternehmen versuchen durch umfangreiche Kontrollen, die Gefahr von Attentaten zu minimieren. Seit dem 1. Januar 2003 wird jeder Koffer, der an Bord einer Maschine kommt, mit der gleichen Sorgfalt untersucht wie zuvor nur das Handgepäck. Aufmerksamer geworden ist die Polizei auch bei „herrenlosen Koffern“: Sie werden im Zweifelsfall als verdächtig eingestuft - und notfalls mit einem Roboter gesprengt.
Stärker kontrolliert wird seit Januar 2004 auch das Personal: Wer Zutritt zum Sicherheitsbereich hat, wird regelmäßig überprüft - auch um möglichst auszuschließen, dass Kriminelle oder gar Terroristen Komplizen rekrutieren. Der gravierendste Einschnitt für die Passagiere ist die seit November 2006 geltende Regelung zum Mitführen von Flüssigkeiten, die nach Ansicht des EU-Parlaments in der strikten Form wieder abgeschafft werden soll. Gel, Shampoo, Deo, Zahnpasta, Creme oder ähnliche Substanzen dürfen nur dann mit an Bord genommen werden, wenn das Volumen im Einzelfall 100 Milliliter nicht übersteigt. Alle Behälter müssen in eine durchsichtige, verschließbare Plastiktüte gepackt werden. Mit dieser Regelung reagierte man auf den Verdacht im Sommer 2006, Terroristen hätten in London geplant, Anschläge mit Flüssigsprengstoff zu verüben.