14.12.2009 · Schwitzen macht von 110 Grad an erst so richtig Spaß. Das finden die Teilnehmer des Saunawettbewerbs und kämpfen Aufguss um Aufguss.
Von Mona Jaeger, RödermarkBei 110 Grad Celsius geht es nicht um Leben und Tod – es geht um viel, viel mehr. Die Glastür zur Sauna wird von außen aufgerissen, Bernd Strohmeier läuft mit verzerrtem Gesicht zur gegenüber liegenden Dusche und drückt auf den Wasserknopf. Es dauert ein paar Sekunden, bis er etwas sagen kann. „Das ist ja so brutal.“ Derweil geht die Tür zur Sauna immer wieder auf und zu. Zwei Minuten, nachdem Strohmeier vor der Hitze geflüchtet ist, kommt als letzter ein lachender Mann mit schulterlangen weißblonden Haaren und schwarzer Badehose aus der Kabine.
Saunaburg heißt der Ort in Rödermark, den sich die Saunaritter als Wettkampfstätte ausgesucht haben. Die Saunaritter sind eine fröhliche Gemeinschaft von 21 Frauen und Männern aus dem Rhein-Main-Gebiet, die es gern etwas heißer haben. Ihrer Einladung zum „2. Thermischen Quartett“ sind 24 Saunafreunde aus ganz Deutschland, Polen, Belgien und Finnland gefolgt.
Alles ganz genau geregelt
„Normal sind so 90 bis 95 Grad in der Sauna. Und der Aufguss ist dann der Höhepunkt“, sagt Bastian Roet, genau wie Strohmeier ein Saunaritter. An diesem Samstag folgt Höhepunkt auf Höhepunkt, Aufguss auf Aufguss. Die Regeln sind schnell erklärt: Es gehen immer zwölf Teilnehmer in die 110 Grad heiße Sauna. In Sekundenabständen, die von Runde zu Runde immer kleiner werden, gibt es einen Wasseraufguss. In der Reihenfolge, in der die Teilnehmer die Sauna verlassen, werden Punkte verteilt. Der erste bekommt einen Punkt, der ausdauerndste zwölf. Nach vier Runden steht dann der Sieger fest.
Es wäre kein von Deutschen ausgerichteter Wettkampf, wenn sie nicht alles ganz genau regelten: Die Badehosen dürfen nicht über Bauchnabel und Knie reichen, die Träger der Badeanzüge für die Frauen dürfen nicht breiter als fünf Zentimeter sein. Zwar hätten die Frauen wegen der Bekleidung einen Vorteil, erklärt ein Saunaritter, doch dafür hätten sie nur halb so viele Schweißdrüsen wie die Männer.
„Wir wollen nicht, wir wollen nicht“
Die erste Runde lief für Saunaritter Bastian Roet nicht so gut. Er flüchtete als erster von der obersten Bankreihe in Richtung Dusche. Fünf Minuten später steht er mit nassen Haaren und Brille neben der Sauna und erklärt, dass er aus „taktischen Gründen“ als erster gegangen sei. „Ich habe gemerkt, dass die anderen stärker waren als ich und ich sowieso als erster gehen musste. Darum bin ich recht früh gegangen, um meine Ressourcen für die nächsten Runden zu sparen.“ Deswegen ist sein Rücken auch nicht ganz so rot, wie der seiner Kollegen. „Wenn man das Gefühl beschreiben will, dann ist es wohl so eine Mischung aus Feuerregen und Lavabad.“ Trotz dieser Selbstquälerei geht er immer wieder in die Sauna. „Es geht eben um Ruhm und Ehre.“
Die nächste Runde beginnt. Bevor es zu den 400 Grad heißen Aufgusssteinen geht, müssen die Teilnehmer fünf Minuten gemeinsam ins Dampfbad, zum „vorschwitzen“. Das dient nicht etwa dazu, den Kreislauf schon mal auf das vorzubereiten, was ihm gleich bevorsteht, sondern gleiche Kampfbedingungen zu ermöglichen. Die Profis würden sonst nämlich vorher schnell einmal ins Eisbecken springen. Nach fünf Minuten wird die Tür zum Dampfbad geöffnet. Von drinnen wird gerufen: „Wir wollen nicht, wir wollen nicht“. Doch dann setzt sich die Kolonne im Gänsemarsch in Richtung Sauna in Bewegung. Vorbei an den vielen Wasserflaschen, die überall in der Saunaburg herum stehen. Mindestens zwei Liter sollten vor dem ersten Saunagang getrunken werden, außerdem auch immer wieder zwischendurch, sonst könnte man austrocknen.
„Das Pendel des Todes“
Damit das nicht passiert, steht Simone Baltes immer nah an der Saunatür und wirft einen Blick auf die schwitzenden Körper. Die Fachkrankenschwester hat an diesem Tag aber nicht viel zu tun. Nur einmal kommt ein junger Pole zu ihr, und beklagt sich über Schmerzen in der Hand und einen sehr schnellen Puls. Baltes führt ihn zu einer am Rand stehenden Liege. Die anderen Teilnehmer beobachten das Geschehen und sagen lachend, dass er doch nur mit der Krankenschwester flirten wolle.
Runde zwei ist vorbei, diesmal pendelte ein mit Wasser gefüllter Eimer über dem Ofen. Roet nennt das „Das Pendel des Todes“. Wieder kommt der Mann mit den weißblonden Haaren als letzter aus der Sauna. Die umstehenden Teilnehmer klatschen mit einem Gesichtsausdruck zwischen Bewunderung und Neid. „Die Finnen spielen einfach in einer anderen Liga“, sagt Roet anerkennend. Der Mann mit den blonden Haaren heißt Timo Kaukonen, ist fünffacher Weltmeister und auch aktuell der führende der Weltrangliste im Saunasport. Als er in die Saunaburg kam, hat er erst einmal drei finnische Flaggen aufgehängt.
Einfach die Gedanken schweifen lassen
Während sich die anderen Teilnehmer noch eine Dusche gönnen und dann ein Wasser an der Bar, gibt der Finne nur wenige Sekunden nach seinem Saunagang einem Fernsehteam ein Interview. Sogar einen eigenen Dolmetscher hat er mitgebracht, Kaukonen ist Profi. Der Interviewer will wissen, wie Kaukonen es schaffe, länger als alle andere durchzuhalten. Der Finne sagt schnell ein paar Sachen zu seinem Dolmetscher und während der noch für die Kamera übersetzt, macht sich Kaukonen im Bademantel auf den Weg nach draußen, um sich etwas abzukühlen. Sein Dolmetscher erklärt, dass er immer auf einen Punkt in der Sauna schaue und die Gedanken schweifen lasse.
Wenn das so einfach wäre. Saunaritter Roet musste in der zweiten Runde wieder als erster raus. „Ich bin aber auch keiner von den Titelfavoriten“, sagt er lachend. Von den Finnen habe er gelernt, dass man sich so wenig wie möglich in der Sauna bewegen dürfe. So sitzen die Damen und Herren mit den Händen um den Oberkörper geschlungen in leicht gebückter Haltung auf der obersten Bank in der Sauna. Jeder zischende Aufguss drückt ihre Rücken noch ein Stück weiter nach unten. Kaukonen sitzt am aufrechtesten. Keiner ist überrascht, dass er als Sieger die Saunaburg verlässt – reich an Ruhm und Ehre.