03.12.2009 · Sammler aus Polen und Ungarn transportieren vom Sperrmüll ab, was sich noch verkaufen lässt. Zum Beispiel in Hofheim. Nicht für alle ist das ein lohnendes Geschäft.
Von Arne Leyenberg, HofheimDie Polen kommen. Zsolt baut sich auf. Er stellt sich breitbeinig hin, streckt die Brust raus. Der weiße Kleintransporter fährt im Schritttempo vorbei, Zsolt fixiert den Fahrer durch die Scheibe. „Die sind viel mehr als wir“, sagt Zsolt. „Die“ sind die Polen, „wir“ sind die Ungarn. Alle zusammen sind sie auf den Straßen des Hofheimer Stadtteils Diedenbergen unterwegs. Dort wird morgen der Sperrmüll abgeholt. Und den ganzen Tag schon kreisen Kleintransporter durch die Siedlungen auf der Suche nach Brauchbarem. „25 Polen, 7 Ungarn“, sagt Zsolt. Er leuchtet den Haufen neben ihm mit einer Taschenlampe an. Es ist nichts dabei, also steigt er wieder zu seinem Kumpel in den Wagen, es geht weiter. Weiter die Straßen entlang, die sie schon seit Stunden abfahren, immer in der Hoffnung, es könnte noch jemand neuen Sperrmüll vor die Tür stellen.
„Sperrmülltourismus ist ein bundesweites Phänomen, das wir schon seit mehr als zehn Jahren beobachten“, sagt Jürgen Willm, Fachberater Kommunalentsorgung von Meinhardt Städtereinigung. Das Unternehmen mit Sitz im Hofheimer Stadtteil Wallau ist für den Abtransport des Sperrmülls in der Kreisstadt zuständig. Die Kommunen zahlen nach eingesammelter Tonnage, je weniger Müll abtransportiert wird, desto geringer fällt der Lohn aus. „Jeder weiß es, jeder kennt es, aber keiner handelt“, sagt Willm.
„Wir machen alles im Auto“
In Zsolts Laderaum stapeln sich Möbel, Kinderwagen, Hometrainer, Fahrräder, Lampen, Matratzen. Aber erst, wenn der Wagen voll ist, geht es zurück in die Heimat. „Vielleicht morgen, vielleicht in drei Tagen“, sagt Zsolt und zuckt mit den Achseln. „Ist egal“, sagt er, sie hätten ja ihren Wagen dabei. „Wir machen alles im Auto“, sagt Zsolt, „schlafen, wohnen, fahren.“ 1200 Kilometer haben sie zurückgelegt, aus der Weinregion Tokaj an der der ungarisch-ukrainischen Grenze bis ins Rhein-Main-Gebiet. Er rechnet vor: Ungefähr 10.000 Forint, rund 39 Euro, koste ihn die Fahrt hin und zurück, 100.000 Forinth könne er verdienen. Jede Woche fährt er nach Deutschland, irgendwo ist immer Sperrmüll – München, Saarbrücken, Frankfurt. Fernseher, Fahrräder, Möbel interessieren ihn am meisten. Wie er von den Sperrmüllterminen erfahre? „Telefon, Zeitung, Internet“, sagt er.
Solange Abfallkalender im Internet gehandelt würden, werde sich am Mülltourismus nichts ändern, sagt Willm. Seiner Firma entstehe zwar der ökonomische Schaden, der juristische allerdings der Kommune. Sobald der Müll auf der Straße steht, gehört er nicht mehr dem Bürger, sondern der Stadt und erst im Wagen der Müllabfuhr. „Um das zu verfolgen, müssten wir an jede Ecke einen Hilfspolizisten stellen“, sagt Rüdiger Ackermann vom Team Abfallwirtschaft der Stadt Hofheim. Die Ordnungskräfte seien an den Sperrmüllterminen jedoch verstärkt im Einsatz.
„Früher war der Müll viel besser“
Mariusz hat schlechte Laune. Der Sperrmüll ist nicht mehr das, was er mal war. „Früher war er viel besser“, sagt der junge Pole. Noch lohne sich die Fahrt aus Breslau nach Westen, bald wohl nicht mehr. Er entdeckt einen kleinen Koffer. „Fünf Euro bringt der“, schätzt er. In Polen auf dem Flohmarkt verkauft er die Dinge, die die Deutschen wegwerfen. Seine Landsleute kauften die Sachen aus Deutschland gerne. Aber meistens kämen Händler zu ihm, die den Müll weiter Richtung Osten transportierten: Russland, Ukraine, Litauen. „Sperrmülltermine Hessen“, sagt er, müsse man im Internet eingeben, dann wisse man immer, wo es etwas zu holen gibt. In Hofheim hat er fast ein Heimspiel. Zwei Jahre lang hat er in Wiesbaden gearbeitet, bevor er in die Heimat zurückkehrte. Was er mit der Fuhre aus Hofheim verdiene, will er nicht verraten. „Das ist eine ganz schlechte Frage“, sagt er, steigt in den Kleinlaster und fährt davon.
Es müsse sich am System etwas ändern, fordert Knut Hartberger vom Verein „Selbsthilfe im Taunus“ Hattersheim. Dort kümmern sich vornehmlich Langzeitarbeitslose in Ein-Euro-Jobs um die Wiederverwertung und Entsorgung von Elektro-Schrott. Wenn man sie denn lässt. „Die brauchbaren Geräte werden von den Sperrmülltouristen mitgenommen, die anderen ausgeschlachtet“, sagt Hartberger, Leiter des Recyclinghofs. Er ist für die umweltgerechte Entsorgung etwa von Kühlschränken verantwortlich. Diese würden jedoch an Ort und Stelle auseinandergenommen, sodass oftmals Kühlmittel entweicht.
Eine Frage des Metallpreises
Beim zuständigen Umweltamt Darmstadt habe er sich schon beschwert – ohne Erfolg. „Die Ordnungsbehörden schreiben lieber Strafzettel für Verkehrssünder, das ist lukrativer“, sagt Hartberger. Neben dem ökologischen Schaden entstehe seinem Verein außerdem ein materieller. „Je nach Metallpreis werden wir mal stärker, mal weniger stark beraubt.“ Er plädiert dafür, keine festen Sperrmülltermine mehr im Internet zu veröffentlichen, sondern stattdessen, wie es viele Kommune bereits tun, auf Abholung auf Abruf umzustellen. „Wir haben überlegt, ob wir umstellen“, sagt der Hofheimer Ackermann. Aber die Erfahrungen anderer Kommunen hätten gezeigt, dass die Probleme bestehen bleiben. „Auch da wird gefleddert“, sagt Ackermann.
Dieses Mal habe ihn ein Freund angerufen, sagt Jan, und habe ihm vom Sperrmüll in Hofheim erzählt. Man kennt sich, man hilft sich. Der bullige Glatzkopf aus Südpolen lädt ein Fahrrad in den Wagen. Nach allem, was nicht kaputt ist, hält er Ausschau. Die weite Fahrt lohne sich nicht immer, sagt er, während sein Kumpel den nächsten Sperrmüllhaufen an der Ecke durchwühlt. Sein alter Transporter brauche viel Benzin. Aber 600 bis 700 Euro im Monat kämen meistens schon zusammen.
Unmut in Internetforen
Die Beschwerden der Anwohner über die Lastwagen hielten sich in Grenzen, sagt Ackermann. Der Unmut artikuliert sich allerdings deutlich in Internetforen. „Die fallen ins Dorf ein wie ein Schwarm Hornissen“, heißt es dort etwa oder „Hier tourt zu jedem Sperrmülltermin eine Armada von Transportern mit osteuropäischen Kennzeichen. Das Nervige daran ist, dass alle Straßen verstopft sind und die alten Transporter furchtbar stinken.“
Mittlerweile hat auch die Europäische Union das Problem erkannt und das europaweite Projekt „Trans Waste“ gegen unkontrollierten Müllhandel gestartet. Deutschland, Österreich, Polen, Ungarn und die Slowakei nehmen an der Testphase teil, die bis Ende 2012 laufen und an deren Ende ein gemeinsam entwickelter Leitfaden stehen soll. Die Müllmengen von Gemeinden mit und ohne Müllsammler werden miteinander verglichen, außerdem an den Grenzübergängen die mit Müll befüllten Autos gezählt und so das abtransportierte Volumen berechnet.
Graue Jacke mit Hoechst-Emblem
Der Ungar Zsolt ist überrascht. Sein Wagen ist am Abend schon randvoll. Die Ladefläche ist bis unter das Dach zugestellt, die Türen lassen sich kaum noch schließen. Er macht sich auf den Heimweg nach Tokaj. Mit 16 Stunden Fahrt rechnet er, wenn er gut durchkommt. Der untersetzte Mittfünfziger klettert hinters Steuer. Er trägt eine graue Jacke mit dem Emblem des untergegangenen Pharmariesen Hoechst. Auch die hat er im Müll gefunden.