04.11.2009 · Im Prozess um die Morde vor dem Rüsselsheimer Eiscafé „De Rocco“ am Abend des 12. August vorigen Jahres hat der Angeklagte Taylan K. jede Tatbeteiligung von sich gewiesen. Der Todesschütze sei ein gewisser Hakan T., sagte er.
Von Heidi Müller-Gerbes, DarmstadtIm Prozess um die Morde vor dem Rüsselsheimer Eiscafé „De Rocco“ am Abend des 12. August vorigen Jahres hat der Angeklagte Taylan K. jede Tatbeteiligung von sich gewiesen: „Ich sitze hier wegen nichts“, sagte der 29 Jahre alte Mann in seiner ersten mündlichen Stellungnahme vor der 11. Großen Strafkammer am Darmstädter Landgericht. Die Anklage lastet ihm an, vor dem Eiscafé mindestens dreimal auf dort miteinander kämpfende Personen geschossen zu haben. Eine der Kugeln habe seinen Vetter Erkan K. tödlich getroffen, eine andere den zu diesem Zeitpunkt bereits verletzten Erdal E., der zuvor seinerseits versucht haben soll, Erkan K. zu erstechen.
Der Angeklagte bemühte sich in ausschweifender Rede das Schwurgericht von seiner Unschuld zu überzeugen und davon, dass der eigentliche Todesschütze nicht auf der Anklagebank sitze. Bei diesem handele es sich um einen gewissen Hakan T., behauptete er. Dieser T. sei ihm bei der Auseinandersetzung in dem Einscafé aufgefallen, als er mit ins Gesicht gezogener Baseballkappe die Szene beobachtet habe.
„Nummer eins auf der Todesliste“
Der Grund, warum er mit der Beschuldigung des T. spät herausgerückt ist: Wiederholt sei er von dritter Seite angehalten worden, den Namen nicht zu nennen, sagte K., auch weil zu befürchten sei, dass die Familie des T. sich an ihm rächen würde. „Du stehst dann bei denen ganz oben als Nummer eins auf der Todesliste“, sei er gewarnt worden.
Hintergrund der blutigen Auseinandersetzung war nach Darstellung des Angeklagten, dass die Brüder Erdal, Serdal und Denis E. in Rüsselsheim und Umgebung mehrfach eine Gruppe von Türstehern brutal mit Baseballschlägern und Eisenstangen angegriffen hätten. Weil die Türsteher von den Übergriffen „die Schnauze voll“ gehabt und auf Abhilfe gesonnen hätten, hätten sie seinen Cousin Erkan gewissermaßen als neutrale Person um Vermittlung gebeten, sagte der Angeklagte.
Erkan sei in der Szene beliebt und anerkannt gewesen, so der Angeklagte: „Er hatte ein schönes Haus, ein schönes Auto und war immer elegant gekleidet. Alle wollten sein wie er.“ Denis E. ist bei der Rüsselsheimer Schießerei ums Leben gekommen. Seine Brüder Erdal und Serdal sitzen mit auf der Anklagebank. Der der 32 Jahre alte Erdal E. hat sich bereits im September vor Gericht als unschuldig dargestellt; man habe ihn in eine „Falle gelockt“, behauptete er.
Befangenheitsantrag verworfen
Seinen Bruder Serdal E. hat Anfang Oktober das überraschende Geständnis eines Zeugen scheinbar entlastet. Der aus der Türkei angereiste 31 Jahre alte Mann gab an, nicht Serdal, sondern er sei derjenige gewesen, der laut Anklage 14 Mal auf Erkan K. eingestochen habe. Der Zeuge, gegen den die Staatsanwaltschaft jetzt wegen Falschaussage vor Gericht ermittelt, soll sich mittlerweile wieder in der Türkei befinden.
Ein gegen die drei Berufsrichter der Kammer gerichteten Befangenheitsantrag, den die Verteidigung in dem Zusammenhang gestellt hatte, wurde als unbegründet zurückgewiesen.
Vor dem Eiscafé „De Rocco“ wurde am Tatabend neben den beiden Tatbeteiligten auch die zufällig am Tatort anwesende 55 Jahre alte Griechin Anna K. getötet.