Die dicke Eiche am Wegesrand ist vielleicht 200 Jahre alt. Gefällt und als Furnierholz verkauft, könnte sie ihrem Eigentümer ein hübsches Sümmchen einbringen. Doch die Motorsäge bleibt im Schuppen, denn die Eiche darf uralt und morsch werden. Sie darf von Pilzen besiedelt werden, absterben und an Ort und Stelle verrotten.
Ein Vermögensverlust ist das nur auf den ersten Blick. Denn dahinter steckt ein ökonomisch durchdachter Plan. Für ihren Verzicht auf die Wertholznutzung an alten Eichen und Buchen erhält die Stadt Rüsselsheim Punkte auf ihrem Ökokonto gutgeschrieben, und das bedeutet einen Mehrwert in mehrfacher Hinsicht.
Auf Baumkulturen wird fast vollständig verzichtet
Vor einem Jahr hat die Opelstadt begonnen, aus der Not eines im hessenweiten Maßstab kleinen und wegen der armen Waldböden auch wenig ertragreichen Kommunalforstes die Tugend eines vielgestaltigen und dynamischen Ökosystems zu entwickeln. Das von Umweltamtsleiter Reinhard Ebert entwickelte Konzept einer radikalen Reform der kommunalen Waldbewirtschaftung fand eine überraschend klare politische Mehrheit. Klar deshalb, weil das innovative Konzept zugleich die häufig als unvereinbar geltenden Ziele einer Senkung des beträchtlichen Defizits im Wald, einer ökologischeren Bewirtschaftung, einer gleichzeitigen Stärkung der Erholungsfunktionen des Waldes für die Bürger und nach einer Antwort auf den Klimawandel miteinander in Einklang brachte.
Rüsselsheim geht zwar (noch) nicht den Weg von Bad Homburg und Bad Orb, von Laubach und Mengerskirchen, auf die Dienste des Landesbetriebs Hessen-Forst bei der Betreuung des Kommunalforstes zu verzichten, doch als Waldeigentümerin hat die Stadt dem sie betreuenden Staatlichen Forstamt Groß-Gerau die klare Vorgabe einer stark veränderten Forstwirtschaft gemacht.
Im knapp 800 Hektar großen Stadtwald Rüsselsheim werden seither keine Zäune mehr zum Schutz heranwachsender Bäume vor Wild errichtet, und die wenigen noch bestehenden Zäune werden sukzessive entfernt, was zudem die sonst unerlässliche Kontrolle überflüssig macht. Auf die teure Anlage und Pflege von Baumkulturen wird völlig verzichtet, ebenso auf die regelmäßige Durchforstung junger Baumbestände. Endgültig aufgegeben hat Rüsselsheim das übliche Ziel der hessischen Forstwirtschaft: die Produktion von „Wertholz“ und damit gerader und ebenmäßiger, möglichst dicker Stämme, aus denen etwa Möbel hergestellt werden können.
Kaminholz aus dem Wald
Stattdessen verrotten die alten, abgestorbenen Eichen und Buchen als „Totholz“ im Wald und bleiben als Lebensraum für Insekten, Pilze und Pflanzen im Wald liegen. Erzeugt und genutzt werden weiterhin aber vornehmlich jüngere und damit dünne Bäume als Brennholz und als Industrieholz, etwa für die Papiererzeugung. Ebert, einst stellvertretender Forstamtsleiter, greift bei der Zielvorgabe für die Bewirtschaftung des Kommunalwaldes auf seine beruflichen Erfahrungen im Naturschutzgebiet Mönchbruch zurück. Ohnehin stehen 60 Prozent des von der Organisation PEFC zertifizierten Waldes unter Schutz, entweder als FFH- oder als Vogelschutzgebiet.
Das Ergebnis des neuen Konzeptes ist eine Art „kontrolliertes Nichtstun“ der Stadt im Wald. Arbeiten dürfen dagegen vor allem jene stetig zunehmende Zahl von Bürgern, die für den heimischen Kamin oder Ofen Holz aus dem Wald holen. Ebert lässt die sogenannten Selbstwerber fachgerecht schulen und lenkt ihren Einsatz so, dass sie gleichzeitig den Wald im Sinn der Stadt pflegen. Die Ökopunkte für den Nutzungsverzicht und den „Umbau“ in stabile Laubwälder zu Lasten von Fichte und Kiefer, Strobe und Douglasie will die Stadt zur naturschutzrechtlichen Kompensation im Wald von Eingriffen in Natur und Landschaft nutzen. Auch ortsansässige Unternehmen sollen davon profitieren.
Das Wild kann sich nach dem Abbau der Zäune ungehindert im Stadtwald bewegen und junge Bäume fressen. Einzige Ausnahme sind die etwa 50 bis 80 Eichen, die Ebert jedes Jahr an einigen ausgewählten Standorten als „ökologische Mutterbäume“ pflanzen lässt. Das Wild sieht Ebert dabei als Helfer, mehr Licht in den Forst zu bringen und den Wald offener und damit für die Bürger sogar erlebbarer zu gestalten: Ein „offener Baumbewuchs auf wiesenartigem Gelände“ werde von den Bürgern eher geschätzt als ein dunkler, „enger“ Wald, heißt es.
Kostensenkung zahlt sich aus
Vor allem die damit schon erreichte starke Senkung der Kosten zahlt sich aus. Bislang war der Wald der Stadt nicht nur lieb, sondern vor allem auch teuer. Im Jahr 2004 lag der Zuschussbedarf bei 80.000 Euro, im Jahr 2005 waren es 40.000 Euro. Im vergangenen Jahr gab es für die Stadt mit einem Plus von 1700 Euro erstmals kein Defizit. Rund 25.000 Euro zahlt Rüsselsheim bislang jährlich an Hessen-Forst für die staatliche Betreuung des Forstes. Angesichts des durch das Konzept sinkenden Aufwandes für das Forstamt will Ebert bald bei Hessen-Forst anklopfen und um eine Verringerung des sogenannten Beförsterungssatzes bitten.
Die Stadtverordneten haben ohnehin offengelassen, ob mittel- oder langfristig Hessen-Forst Partner der Stadt bleiben wird. Bei Hessen-Forst heißt es, als Dienstleister sei man bereit, alle Wünsche der Stadt zu erfüllen, sofern sie mit dem Forstgesetz vereinbar seien. Das Konzept der Stadt werde vom Regierungspräsidium Darmstadt geprüft. Inhaltlich will Hessen-Forst das Rüsselsheimer Konzept nicht kommentieren. Ob der Aufwand für den Landesbetrieb aber geringer werde, sei zweifelhaft.
Die bisherige Waldbewirtschaftung jedenfalls war Ebert „zu teuer, zu wenig ökologisch“, und sie „berücksichtigte nicht in ausreichendem Maße die augenblicklichen Bedürfnisse der im Ballungsraum Rhein-Main lebenden Bevölkerung“. Das ist die Begründung für das Konzept, das Ebert zufolge auch bei anderen Kommunen auf Interesse stößt. Den Vorteil haben seiner Ansicht nach vor allem die Bürger, doch werden sie sich umgewöhnen müssen: „Der Wald wird sein Aussehen gründlich verändern.“

