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Riedstadt Je weniger Benzin, desto gefährlicher

24.07.2006 ·  Ein spektakulärer Filmstunt wird auf einer abgesperrten Straße bei Crumstadt gedreht: Sprengladungen explodieren, ein Auto samt Insasse rast auf eine Rampe zu.

Von Daniel Hoh
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Mit knapp 70 Stundenkilometern soll der schwarze BMW auf die Rampe zurasen, sich überschlagen, und die Benzinladung soll am Straßenrand explodieren. Auf einem Schreibblock hat Tanja de Wendt diese Filmszene mit Kugelschreiber skizziert. Das Blatt liegt auf einem der Biertische, für alle gut sichtbar. Unter einer dreckigen Zeltplane, die einmal weiß gewesen war, findet die Sicherheitsbesprechung statt. De Wendts Tonfall ist sachlich. „Danach geht die Safety Crew sofort zum Wagen“, sagt die erfahrene Stuntfrau.

„Haben Sie Messer zum Gurte-Aufschneiden dabei?“ fragt de Wendt einen der umstehenden Feuerwehrmänner. Er nickt. Einige Minuten später gehen sie alle wieder auseinander, jeder zu dem ihm angestammten Platz: der Kameramann hinter sein Objektiv, der Produzent, der auch den Unglückswagen fahren wird, zur Rampe, der Aufnahmeleiter auf das goldbraune Stoppelfeld, auf dem sich schon einige Schaulustige eingefunden haben.

Vier Meter großer Feuerball

Die Handlung des Films, dessen letzte Szene nun auf der Landstraße bei Crumstadt gedreht wird, ist an diesem Tag nebensächlich. Der Streifen - vielleicht später in einem privaten Fernsehsender zu sehen, so die Hoffnung - bezieht sich auf sich selbst: Es geht um ein junges, ehrgeiziges Stuntteam, das auf einen profitgierigen Produzenten trifft. Ein „actiongeladener“ Film soll es laut Ankündigungstext werden. Wegen der bevorstehenden „Action“ muß der Aufnahmeleiter die Zuschauer am Rande immer wieder ermahnen, doch bitte hinter dem rotweiß gestreiften Band zu bleiben - aus Sicherheitsgründen.

Die 38 Jahre alte de Wendt mit den langen blonden Naturlocken wird nicht wie sonst selbst hinter dem Steuer sitzen, das erledigt Produzent Dirk Quasten. Dieser wird um Punkt 17.09 Uhr mit laufendem Motor auf der abgesperrten Landstraße stehen, dann hupen - das Signal für alle, daß er nun Gas gibt. Bis es soweit ist, plant das Filmteam gemeinsam mit der selbsternannten „Stuntwoman“ penibel den Ablauf. Die Rampe aus schwarzem Stahl, mehr als ein Meter hoch, muß fest in der Straße verankert sein. Eine Bohrmaschine mit dazugehörigem Generator hämmert Löcher in den Asphalt, die großen Nägel schlägt ein stämmiger Bursche mit einem Hammer ein. Der Himmel ist fast wolkenfrei, die platte Landschaft ringsum bietet kaum Schutz vor den sengenden Sonnenstrahlen.

Das Auto soll mit dem Unterboden über die Rampe gleiten und erst 15 Meter weiter auf dem harten Teerboden aufschlagen. Die Stelle ist mit weißer Kreide markiert. Kurz nach 16 Uhr macht der Pyrotechniker Harry Haarstark die erste Probe. Einen Liter Benzin füllt er in die versteckte Mulde am Straßenrand, mit einem Schaltpult in der Hand löst er den Zündmechanismus per Funk aus. Ein rund vier Meter großer Feuerball türmt sich plötzlich vor den Augen des Publikums, wenige Sekunden später sind die Flammen schon wieder verpufft. Beim Stunt, sagt Haarstark, wird er die doppelte Menge Benzin verwenden. Langsam steigt die Spannung, bei den Zuschauern wie dem Filmteam. Arm in Arm schreitet Quasten mit seiner Freundin noch einmal die Strecke ab, dann setzt er sich in den Wagen und macht die ersten Fahrversuche.

Auto überschlägt sich zweimal

De Wendt steht an der Rampe und weist ihn ein. „Eine Handbreit Spielraum, mehr nicht“, hat sie zuvor gesagt. Der Wagen soll sich in der Luft nach rechts drehen, damit die Kameras, die links von der Straße auf dem Feld postiert sind, unversehrt bleiben. Die Rettungskräfte stehen bereit, um kurz nach dem Aufprall eventuelle Brände schnell zu löschen. Eine Explosion des Fahrzeugs gilt als unwahrscheinlich, obwohl ein Feuerwehrmann während der Besprechung anmerkte: „Je weniger Benzin drin ist, desto gefährlicher ist es, weil die Gase brennen.“ Fünf Liter sind nun im Tank.

Kurz nach 17 Uhr hat das Warten für die 60 Schaulustigen ein Ende. Der Aufnahmeleiter gibt mit dem Megaphon letzte Anweisungen. De Wendt in Befehlston: „Niemand nähert sich dem Wagen, auch wenn er schon ein paar Minuten liegt. Es herrschen hohe Temperaturen, und wir arbeiten hier mit Benzin.“ Am Himmel ziehen langsam Gewitterwolken auf. Dann ertönt die Hupe des schwarzen BMW. Quasten legt den ersten Gang ein, fährt an - und trifft die Rampe genau. Während der Explosion überschlägt sich der Wagen einmal, zweimal und bleibt dann, das Dach unten, auf dem Asphalt liegen.

Der Pyrotechniker Haarstark rennt auf das trockene Feld, um ein kleines Feuer zu löschen. De Wendt und die Einsatzkräfte stürmen heran, im Publikum ist es still geworden. Dann das erlösende Zeichen: Ein Mitarbeiter reckt den Daumen in die Höhe. Bis Quasten sich aus dem Sitz befreit hat und aus dem Wagen gekrabbelt ist, vergehen ein, zwei Minuten. Dann kann er endlich die Freundin wieder im Arm halten, die Mutter, den Tränen nahe, lehnt sich an die Schulter des Sohns, der abgeklärt in die Kamera sagt: „Je perfekter die Planung, desto besser das Gelingen.“

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