Das ist ein Wald der extremen Standorte. Hier felsig und hart, dort lehmig und federweich. Einmal geprägt von ungewöhnlich schroffen Steilhängen, einige Kilometer weiter topfeben. Auf engem Raum wechseln sich höchst unterschiedliche Baumgesellschaften und Waldbestände ab. Eine Vielfalt, die der Leiter des nach der Forstreform 2005 einzig verbliebenen Rheingauer Forstamts in Rüdesheim, Hans-Ulrich Dombrowsky, an „seinem“ Wald so schätzt. Der sogenannte Hinterlandswald hat viele Besonderheiten, und er gilt als Hessens größtes zusammenhängendes Waldgebiet.
Dombrowsky nutzt den traditionsreichen Begriff Hinterlandswald allerdings kaum, denn eigentlich steht dieser nur für einen Teil des gesamten Rheingauer Forstes. Historisch bezeichnet Hinterlandswald nämlich die Waldungen jenseits des Rheingauer Gebücks, also jener natürlichen Landwehr aus gebogenen Buchen und dornenreichen Hecken, die im Mittelalter die Rheingauer Besitzungen des Erzbistums Mainz gegen das Raubrittertum aus dem Taunus schützen sollte.
Großer Holzhunger im 18. Jahrhundert
Zum Hinterlandswald zählten vor allem die Waldungen im idyllischen Ernstbachtal oberhalb von Lorch und in dessen Nebentälern. Ein bis heute abgeschiedenes Gebiet, dessen Nutzung von den Kommunen über Jahrhunderte gemeinsam organisiert wurde. Arme Bauern trieben dort ihr Vieh zur Weide in den Wald, und Köhler holzten für ihre Meiler große Bestände ab. Vor allem im 18. Jahrhundert war der Holzhunger so groß, dass von einem Wald im heutigen Sinne kaum gesprochen werden konnte.
Erst unter nassauischer Herrschaft und nachdem der Wald im Jahr 1822 auf die einzelnen Gemeinden aufgeteilt worden war, gelang es, den Raubbau zu stoppen und den Wiederaufbau einzuleiten, der nach 1866 unter preußischer Verwaltung Erfolge zeigte. Zur Erschließung der ausgedehnten Wälder und als Arbeitsbeschaffungsprogramm baute der Reichsarbeitsdienst in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts die rund 13 Kilometer lange, asphaltierte Hinterlandstraße, für deren Erhalt seit 1939 ein bis heute existierender kommunaler Zweckverband verantwortlich ist. Dieses schmale Asphaltband, das der Zweckverband mit einem jährliche Budget von 70.000 Euro unterhält, ist das einzige, das den Hinterlandswald durchschneidet und zugleich erschließt.
Rund 40 Prozent des Hinterlandswaldes sind geschützt
Heute wird dieser Name für den gesamten Rheingauer Wald einschließlich des Schlangenbader Kommunalforstes und sogar darüber hinaus genutzt. Mit fast 22.000 Hektar steht das geschlossene Waldgebiet noch vor dem Spessart an der Spitze in Hessen, und fast 19.000 Hektar betreut das Forstamt Rüdesheim mit seinen elf Förstereien. Rund 3200 Hektar Wald davon gehören dem Land Hessen, etwa 1400 Hektar sind Privat- und 13.600 Hektar Kommunalforst. Oestrich-Winkel und Eltville sind die beiden größten Kommunalwaldbesitzer, und sie erwarten auch eine Rendite.
Rund 40 Prozent des Hinterlandswaldes sind geschützt, als Naturschutz-, FFH- oder Vogelschutzgebiet. Er ist ein wichtiger Lebensraum für Hirsche und Rehe, Wildschafe und Wildschweine, aber auch seltene „Exoten“ wie die stark gefährdete, sich aber stetig ausbreitende Wildkatze und eine große Kolonie Kolkraben. Sogar ein Luchs soll den Forst zur Heimat erkoren haben, auch wenn seine Anwesenheit noch nicht eindeutig bestätigt wurde.
Jedes Jahr wächst mehr Holz nach, als geerntet wird
Neben seiner Bedeutung für Erholungssuchende als Teil des Naturparks Rhein-Taunus, neben der Funktion als Grundwasserfilter, Kohlendioxidspeicher und Sauerstoffproduzent ist der Hinterlandswald vor allem ein Holzproduzent.
Forstmann Dombrowsky schätzt, dass allein auf dem Gebiet des Forstamts Rüdesheim jährlich rund 100.000 Kubikmeter Holz erzeugt werden. Etwa 80 Prozent davon sind direkt vermarktbar und stehen für einen Wert zwischen drei und vier Millionen Euro – je nach Nachfrage und den Preisen auf dem von starken Preisschwankungen geprägten Holzmarkt. Dennoch wächst jedes Jahr mehr Holz nach, als geerntet wird, und das, obwohl die Kommunen seit der Einführung der kaufmännischen Buchführung und der Aufstellung von Eröffnungsbilanzen genau wissen, was ihr Wald in Euro und Cent einbringen könnte. In Schlangenbad beispielsweise wurden die gut 1600 Hektar Kommunalforst mit 13 Millionen Euro bewertet, und das ist fast das Doppelte des Werts aller bebauten und unbebauten Grundstücke der Kurgemeinde.
Schon vor 30 Jahren schlugen Naturschutzverbände das Rheingaugebirge als Nationalpark vor
Schlangenbad ist auch die einzige Kommune, die sich an die strengeren FSC-Kriterien bei der Bewirtschaftung hält, obwohl das dem Wald einiges an Rentabilität nimmt. Die übrigen Kommunen begnügen sich mit der Zertifizierung nach PEFC, und für sie ist der Wald auch eine bedeutsame Einnahmequelle. Braucht der Rheingauer Wald aber mehr Schutz? Greenpeace zumindest ist dieser Ansicht und hat das „Internationale Jahr der Wälder“ im Frühjahr zum Anlass genommen, ein Buchenwald-Verbundsystem für Deutschland und zehn neue Nationalparks als „Urwälder von morgen“ vorzuschlagen, darunter auch das Rheingaugebirge, wie der Hinterlandswald auch genannt wird.
Solche Bestrebungen sind nicht neu. Schon vor 30 Jahren schlugen Naturschutzverbände das Rheingaugebirge als Nationalpark vor. Mitte der neunziger Jahre wollte das Regierungspräsidium ein erweitertes Schutzkonzept durchsetzen, das aber am erbitterten Widerstand der Kommunen scheiterte, die um ihre Handlungsfreiheit im Kommunalwald fürchteten. Auf dem Höhepunkt des Streits sah sich der damalige Umweltminister Gerhard Bökel (SPD) gezwungen, öffentlich zu versichern, dass das Rheingaugebirge weder als Nationalpark, als Biosphärenreservat noch als großflächiges Naturschutzgebiet ausgewiesen werden solle.
Der Hinterlandswald kann und soll auch einen Beitrag zur Energiewende leisten
Aus Sicht von Dombrowsky gibt es bis heute keinen Zweifel daran, dass der beste Schutz des Waldes und der Artenvielfalt eine geregelte und nachhaltige Forstwirtschaft ist. Dass der Rheingauer Forst ein Teil der von Menschen geformten Kulturlandschaft ist, dafür hat er viele Belege parat. Von Urwald könne keine Rede sein. „Hier war jeder Quadratmeter auch irgendwann genutzt“, sagt Dombrowsky. Er sieht die Zukunft des Hinterlandswaldes mit Optimismus. Sorgen bereitet ihm allenfalls der Rückzug der stets gut verkäuflichen und deshalb als „Brotbaum“ bezeichneten Fichte, die vor allem die westlichen Waldungen verlässt. Auf den trockenen Böden baut nicht der Förster, sondern der Klimawandel den Wald radikal um, und würden die Förster nicht eingreifen, nähme auf weiten Flächen die Rotbuche den übrigen Baumarten schnell das Licht und damit das Leben.
Für Zonen ohne forstwirtschaftliche Nutzung, wie sie von Umweltschützern vor allem für Kernareale der Schutzgebiete gefordert wird, sieht Dombrowsky keine ökologische Notwendigkeit. Sie helfe weder dem Artenschutz noch dem Klimaschutz, bringe aber viele ökonomische Nachteile mit sich. Diese träfen vor allem die kommunalen Waldbesitzer, die dringend benötigte Einnahmen aus ihrem Forst erwarteten, und jene fast 650 Bürger, die mit selbstgeschlagenem Holz aus dem Wald heizten.
Der Hinterlandswald kann und soll auch einen Beitrag zur Energiewende leisten, wie Dombrowsky sagt. Er sieht durchaus die Chance, noch mehr Biomasse als bislang aus dem Wald zu holen, um beispielsweise Blockheizkraftwerke für größere Liegenschaften mit Hackschnitzeln zu versorgen. Zudem gewinne der Werk- und Baustoff Holz durch neue Technologien an Bedeutung und könne sogar Stahl ersetzen. Dem modernen, nachhaltig betreuten Wirtschaftswald sagt der Forstexperte eine große Zukunft voraus: „Vielleicht stehen wir vor einem hölzernen Zeitalter.“

