26.08.2009 · Seit zehn Jahren gibt es im Rheingau die „Ersten Gewächse“. Die damit verbundenen Hoffnungen scheinen sich zu erfüllen. 2009 sind erstmals auch zehn Spätburgunder unter diesen Spitzenweinen.
Von Oliver BockZehn Jahre nach der Einführung „Erster Gewächse“ als damals neuer Kategorie für trockene Rheingauer Spitzenweine jenseits der Zwölf-Euro-Grenze zeigt sich der Weinbauverband mit der Entwicklung zufrieden. Die Entwicklung sei positiv, sagt Klaus-Peter Keßler, Präsident des Rheingauer Weinbauverbandes. Als Maßstab für den Erfolg gelten die Zahl dieser Weine und die von ihnen repräsentierte Menge: Die Zahl hat sich seit der Vorstellung des Premierenjahrgangs 1999 fast verdreifacht und die Literzahl fast verfünffacht.
Dass die Entwicklung aber nicht kontinuierlich verläuft, ist Folge der Eigenheiten der jeweiligen Jahrgänge. Im Prüfjahr 2008, als die Weine des sehr guten Jahrgangs 2007 der Jury zur Blindverkostung vorgestellt wurden, waren von 74 Weingütern 147 Weine eingereicht und 103 Weine schließlich für würdig befunden worden, die romanischen Bögen als Kennzeichnung für ein Erstes Gewächs auf dem Etikett tragen zu dürfen. Im ersten Prüfjahr 2000 hatten dagegen nur 44 Weingüter das Experiment Erstes Gewächs mit 57 Weinen gewagt, und 31 Tropfen hatte die Jury schließlich für zulässig befunden.
Nur eine Nischenrolle
Wegen des schwierigen Jahrgangs 2000 waren im Folgejahr sogar nur 50 Weine von 31 Betrieben vorgestellt worden, und die Menge erreichte mit 26.000 Litern den Tiefpunkt. Seither geht es bergauf, und vor allem die Litermenge gilt dem Weinbauverband als Erfolgskriterium. Im vergangenen Jahr waren es 192.000 Liter, in diesem Jahr sind es bislang 174.000 Liter, obwohl die Jury ein Drittel der 122 eingereichten Weine hat durchfallen lassen. Gemessen an der Menge eines durchschnittlichen Erntevolumens auf 3.100 Hektar Rebfläche, spielen die Ersten Gewächse mit einem Anteil von 0,7 Prozent zwar nur eine Nischenrolle, doch sind sie inzwischen für Renommee und als Beleg für das Qualitätsstreben unverzichtbar.
Wie sehr die Güte des Weins von einer Verringerung des Flächenertrags durch weinbauliche Maßnahmen der Winzer abhängig ist, zeigt die Zahl des Weinbauverbands, wonach der Ertrag je Hektar für die Erzeuger der Ersten Gewächse nur bei 26 Hektolitern lag. Bezogen auf die Gesamtmenge, werden im Rheingau meist zwischen 75 und 90 Hektoliter je Hektar geerntet, rechtlich zulässig sind sogar 100 Hektoliter. Von September an dürfen die zugelassenen 81 Weine verkauft werden. Für bemerkenswert hält der Weinbauverband, dass darunter erstmals auch zehn Spätburgunder-Rotweine sind.
Gesetzlich anerkanntes Erzeugnis
Sosehr der Weinbauverband mit den Weinen und der Akzeptanz bei den Betrieben einverstanden ist, so unzufrieden ist er mit der öffentlichen Aufmerksamkeit. Nachdem das Interesse der Fachjournalisten, Sommeliers und Händler an der öffentlichen Präsentation des neuen Jahrgangs auf Schloss Vollrads in Winkel in den vergangenen Jahren stark nachgelassen hatte, suchte der Verband nach neuen Wegen. Weil der bundesweite Verband der Prädikatsweingüter (VDP) am Montag und Dienstag in den Wiesbadener Kurhauskolonnaden fast 300 Große und Erste Gewächse aus allen dreizehn deutschen Anbaugebieten – einschließlich der seiner Rheingauer Mitglieder – einer großen Riege von Fachjournalisten vorstellte, lud der Rheingauer Weinbauverband parallel zur Verkostung ins gegenüberliegende Hotel Nassauer Hof. Ob sich die Hoffnung – viele Journalisten würden beide Verkostungen besuchen – erfüllt hat, vermochte Präsident Keßler am Montagabend noch nicht zu sagen. Die Veranstaltung im Nassauer Hof war aber recht ordentlich besucht.
Dass es mit vergleichbarem Anspruch erzeugte Erste und Große Gewächse gibt, rührt aus der Vorgeschichte. Hessen ist nach der Vorarbeit der mittlerweile verstorbenen Winzer Bernhard Breuer und Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau bis heute das einzige Bundesland, in dem dieser Spitzenwein ein gesetzlich anerkanntes Erzeugnis ist, das zudem auf Basis einer 1997 erstellten wissenschaftlichen Weingütekarte gewonnen wird. Und kein anderes deutsches Weinanbaugebiet hat eine so genaue Kenntnis seiner Weinbergsböden.
Neues Klassifikationsmodell
Die Großen Gewächse der anderen deutschen Anbaugebiete unterliegen dagegen allein den Statuten der Prädikatsweingüter. Alle Versuche einer einheitlichen Bezeichnung waren bislang fehlgeschlagen, zumal auch „die Mosel“ auf einem Sonderweg beharrt, weil dort vorwiegend süße Weine erzeugt werden. Der VDP, der 2010 sein hundertjähriges Bestehen feiert, führt jetzt deshalb mit einem neuen Klassifikationsmodell den Dachbegriff „Erste Lage“ ein, unter dem künftig alle Ersten und die Großen Gewächse sowie fruchtsüße Prädikatsweine aus klassifizierten Weinbergen gemeinsam geführt werden. Der VDP möchte damit die Botschaft vermitteln, dass diese Weine aus den herausragenden Weinbergen Deutschlands stammen.