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Rheingau Leere Keller, hohe Preise

28.02.2007 ·  Im vergangenen Jahr hat das Wetter verrückt gespielt, in diesem Jahr tut es der Weinmarkt. Von den höchsten Preisen aller Zeiten sprechen die Winzer im Rheingau.

Von Oliver Bock
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Diesmal ging Aldi-Nord leer aus. Mehrere Millionen Liter Riesling wollte eine Kellerei im Auftrag des Discounters erwerben, um seine Regale in Norddeutschland nach der guten Resonanz bei den Konsumenten im vergangenen Jahr wieder mit Rheingauer Wein aufzufüllen.

Doch zu den gebotenen Preisen hielt sich die Verkaufsbereitschaft der Rheingauer Winzer in engen Grenzen. Sie haben es derzeit nicht nötig, ihren Wein in großen Mengen an den Discounter zu verscherbeln, und dafür gibt es drei Gründe: die Nachfrage boomt, die Ernte 2006 war so klein wie die des Vorjahres, die Weinkeller sind weitgehend leer.

„Die höchsten Preise aller Zeiten“

Im vergangen Jahr hat das Wetter mit seinen Klimarekorden verrückt gespielt, in diesem Jahr tut es der Weinmarkt. „Die höchsten Preise aller Zeiten“ werden nach der Beobachtung vom Fritz Derstroff vom Bund Rheingauer Fachschulabsolventen derzeit für Fasswein gezahlt. Das ist Wein, der nicht für Privatkunden, Fachhandel oder Gastronomie in Flaschen abgefüllt wird, sondern tankweise an Sekt- oder Weinkellereien zur Weiterverarbeitung verkauft wird. Bis zu 40 Prozent einer Rheingauer Jahresernte von durchschnittlich 270.000 Hektolitern werden als Most oder Wein auf diese Weise vermarktet.

Die Preise für Fasswein, die vor wenigen Jahren noch auf einem nicht die Kosten deckenden Niveau von deutlich weniger als 1,30 Euro stagnierten, sind geradezu explodiert. Der Basispreis hat inzwischen die Marke von 1,50 Euro je Liter überschritten, für gute Qualitäten werden 1,80 Euro gezahlt, für Spitzenware sogar zwei Euro. Damit ist der bisherige Rekordpreis von drei D-Mark deutlich überschritten, der 1981 nach der mit 32 Hektolitern je Hektar katastrophal geringen Ernte des Weinjahrsgangs 1980 erreicht worden war.

Gleichzeitig gehen die Lagerbestände kontinuierlich zurück. Derstroff zufolge wurden im Rheingau vom Jahrgang 2006 bei einem Durchschnittsertrag von 67 Hektoliter je Hektar rund 204.000 Hektoliter geerntet. Als Weinmost wurden unmittelbar nach der Ernte knapp 30.000 Hektoliter verkauft, davon 11.000 Hektoliter an die Sektindustrie und 17.000 Hektoliter an Weinkellereien und andere Weingüter, deren Nachfrage beständig wächst. Die ohnehin geringen Lagerbestände der Winzer sind von 270.000 Hektoliter auf 238.000 Hektoliter gefallen. In den siebziger Jahren waren es noch mehr als 500.000 Hektoliter, 1982 immerhin noch 450.000.

Niedriger Spätburgunderpreis

Registriert wird dieser Bestand allerdings immer vor der neuen Ernte, und ganz auflösen wird sich der Lagerbestand auch bei anhaltend großer Nachfrage schon deshalb niemals, weil er auch die lange lagernden edelsüßen Rieslinge und die in Fässern lang reifenden Rotweine erfasst, dazu die Bestände der „Schatzkammern“ und andere Vorräte von besonderen Tropfen wie den „Ersten Gewächsen“, die ohnehin nicht schnell veräußert werden sollen.

Angeheizt wurde die Nachfrage nicht nur durch die Kellereien, sondern auch durch immer mehr große und in der Vermarktung erfolgreiche Rheingauer Weingüter, die in kleinen Erntejahren Fassweine von Kollegen zukaufen müssen, um ihre Liefer- und Exportverträge auch nach einer geringen Ernte wie 2006 erfüllen zu können. Gerade sie legen im Gegensatz zu den vor allem preisorientierten Kellereien auf die Güte der zugekauften Weine großen Wert – da darf ein Liter auch schon mal 20 Cent mehr kosten. Ganz anders dagegen der auf vergleichsweise niedrigem Niveau dümpelnde Spätburgunderpreis, was die Branche als Bestätigung nimmt, dass die Empfehlung der Forschungsanstalt Geisenheim, den Rotweinanbau zu forcieren, mit Vorsicht zu genießen ist.

Die hohe Nachfrage nach Riesling gibt aber Winzern die Chance, auch sonst nur noch schwer verkäufliche Weine loszuwerden. Selbst heute nicht mehr vermarktbare einfache Tropfen aus den Jahrgängen vor 2002 können jetzt aus den Flaschen wieder in Tanks geschüttet und zu überraschend guten Preisen von 60 oder gar 70 Cent je Liter verkauft werden. „Wer diese Chance verschläft, ist selbst schuld“, meint Derstroff mit Blick auf jene Winzer, die noch auf Tausenden Flaschen früherer Jahrgänge sitzen. Auch dieser Wein findet über Kellereien seinen Weg irgendwo in Europa in die Kehlen der Verbraucher, häufig als Tafelwein ohne Jahrgangs- oder Rebsortenbezeichnung.

Riesling könnte knapp werden

Anspruchsvollere Weintrinker müssen freilich nicht befürchten, dass der Wein zwischen Lorch und Hochheim derart knapp wird, dass sie auf Rheingauer Riesling im Glas verzichten müssten. Das bestätigt auch der Oestrich-Winkeler Weinkommissionär Joachim Ress, der 2007 ohnehin wieder mit einer üppigeren Ernte rechnet. Dass einzelne erfolgreiche Erzeuger mit erprobten Absatzwegen und guter Qualität regelmäßig kurz vor Erscheinen des neuen Jahrgangs ausverkauft sind, ist zudem kein wirklich neues Phänomen. Gleichwohl gibt es noch genügend Erzeuger unter den rund 450 Familienbetrieben und den sieben Winzergenossenschaften, deren Absatz längst nicht so rund läuft, dass sie ihre Vinotheken jetzt schließen müssen.

Schon erheben sich aber warnende Stimmen, die die Winzer mahnen, den Preispoker nicht auf die Spitze zu treiben. Zwar gebe es derzeit keine Absatzsorgen. Fraglich sei aber, ob bei einer großen Ernte einmal verlorengegangene Absatzkanäle wieder geöffnet werden könnten. Auch Weinbauamtsleiter Andreas Booß warnt vor einer „Überhitzung“, die womöglich dazu führen könnte, dass andere Erzeuger im globalen Weinmarkt jetzt auf Riesling umsteigen und mittelfristig zu einem Preisverfall beitragen. Zudem, so warnt Derstroff, sei der Weinmarkt keineswegs „auf Dauer gesund“. Ein oder zwei besonders üppige Ernten könnten das jetzt erfreuliche Bild schnell wieder trüben.

Eile beim Einkauf des 2006er Jahrgangs ist nicht geboten, obwohl die ersten Tropfen schon längst auf dem Markt sind. Vorfreude aber schon, Weinbauverbandspräsident Klaus-Peter Keßler verspricht jedenfalls tolle Weine, „ausgewogen, elegant und fruchtig, mit sortentypischen Aromen und feinem Säurespiel“.

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