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Rheingau Die Schätze von Kloster Eberbach

 ·  In der Schatzkammer von Kloster Eberbach reifen in Zehntausenden Flaschen erlesene Weine. Üblicherweise ist der Keller gut verschlossen, doch nun steht eine Versteigerung an.

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Die Amtliche Bekanntmachung erschien vor 200 Jahren: Die „Fürstlich Nassau-Usingische Hofkammer dasalbst“ annoncierte ihre erste herrschaftliche Weinversteigerung im Rheingau. Unter den Hammer kamen unter anderen elf Stück 1803er Steinberger, 17 Stück 1803er Hattenheimer und zwölf Stück 1804er Hattenheimer sowie der „ganze herrschaftliche Vorrath mit 28 Stück 1804er Rüdesheimer an den Meistbietenden gegen baare bey der Abholung zu leistende Zahlung“. Ein attraktives Angebot für die damalige Zeit junger Weine, das sich nicht an einzelne Weinfreunde richtete, denn ein „Stück“ ist ein immerhin 1200 Liter fassendes hölzernes Weinfaß, wie es heute noch in vielen Rheingauer Weinkellern steht.

Diese Bekanntmachung vom „23. Jänner 1806“ gibt den Hessischen Staatsweingütern am Samstag im Zuge des „10. Rheingau Gourmet und Wein Festivals“ den Anlaß, im Dormitorium des Klosters „200 Jahre Weinversteigerung“ im Rheingau zu feiern. Inzwischen wird der Wein aber nicht mehr in Fässern, sondern flaschenweise versteigert. Insgesamt 39 Partien wird Auktionator Leo Gros am Samstag zur Versteigerung aufrufen, und weil die „nasse“ Variante der Auktion im Rheingau Tradition hat, werden bis auf wenige besonders kostbare Unikate alle Versteigerungsweine zuvor an die rund 500 Weinfreunde zur Verkostung ausgeschenkt.

Die rund vierstündige Versteigerung ist deshalb immer auch ein gesellschaftliches Ereignis, die Weinfreunden für vergleichsweise geringes Entgelt die Verkostung seltener Weine ermöglicht. Das kostet die Staatsweingüter zwar Geld, doch geht die Wirkung erfahrungsgemäß über die einer Marketingaktion hinaus, weil nach Greiners Erfahrung die laufende Verkostung sehr positiv beeinflußt und die Nachfrage noch erhöht wird.

Edle Gewächse

Zum Sortiment zählen diesmal sieben Spätburgunder-Rotweine aus dem Assmannshäuser Höllenberg, junge Rieslingtropfen und gereifte Raritäten aus „runden“ oder besonders guten Jahrgängen. Zur Jubiläumsversteigerung hat Staatsweingüter-Geschäftsführer Dieter Greiner besonders tief in die Schatzkammer gegriffen, denn die Veranstaltung soll auch ein medienwirksames Ereignis sein und das Renommee der Staatsweingüter steigern: Hohe Preise werden deshalb für den 1897er Steinberger Riesling erwartet, die 1936er Höllenberg Spätburgunder Rotweiß-Edelbeerenauslese und die 1946er Erbacher Marcobrunn Riesling Beerenauslese.

Höhepunkt wird am Ende die Versteigerung der 1920er Steinberger Riesling-Trockenbeerenauslese sein, die so beschrieben wird: „rotbraune Farbe, Duft nach feinsten Feigen, hochedle, feinste Würze und Frucht, große Finesse“. Woher diese Einschätzung kommt? Derart edle Gewächse werden auf ihre Qualität hin geprüft, bevor sie guten Gewissens zur Auktion freigegeben werden. Und immer wenn eine Weinflasche nach etwa 25 Jahre neu verkorkt wird, notieren die Kellermeister ihre Verkostungserfahrung. Es ist nach Greiners Überzeugung einer der größten Weißweine dieses Jahrhunderts und Glanzstück der „Schatzkammer“: Dieses weitgehend oberirdisch liegende Gewölbe im Kloster ist ein geheimnisvoller Ort. Wie viele Flaschen dort lagern will Greiner aus Tradition nicht preisgeben, nur soviel: „Einige zehntausend“. Jedes Jahr kommen etwa 1000 Flaschen mit edelsüßen Weinen aus Renommierlagen neu hinzu, doch werden auch etwa ebenso viele Flaschen für den Verkauf, für Auktionen und Verkostungen benötigt.

Im der immer gut verschlossenen Schatzkammer reifen seit dem Jahrgang 1892 Weine aus - fast - jedem Weinjahr. Die ältesten Weine waren lange Zeit zwei Auslesen des Jahrgangs 1857 aus Rüdesheimer und Rauenthaler Lagen, doch vor einigen Jahren erhielten die Staatsweingüter die Chance, aus dem Besitz der Hoechst AG einen 1806er Hochheimer zu erwerben, der jetzt das älteste Prunkstück im Keller ist. Jedes Jahr wird aufs neue eine Auswahl der besten Gewächse eingelagert. Sie reifen bei jahreszeitlich schwankenden acht bis zwölf Grad Celsius und einer konstanten Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent in der im 19. Jahrhundert als Gärkeller gebauten „Schatzkammer“.

30.000 Flaschen von Schlamm befreit

Der „schwarze Kellerpilz“ an der Decke, ein nur in Weinkellern anzutreffender Schimmelpilz (Cladiosporium cellare) zieht sich aber langsam zurück, weil aus den Glasflaschen zuwenig Alkohol verdunstet, um ihn am Leben zu erhalten. Unbefugten ist der Zutritt verboten, es würde ihnen auch wenig nützen, weil die fast ausnahmslos nicht etikettierten Weine in numerierten Fächern liegen und bestimmte Weine für den Unkundigen daher kaum zu finden sind. Greiner gibt dem Fremden nur einen Anhaltspunkt: Je höher in den Regalen einsortiert, desto älter, seltener, wertvoller.

In der Regel ist die Schatzkammer verschlossen, geöffnet wird sie unter anderem für Staatsgäste der Landesregierung. Deshalb war auch schon Prinz Charles darin und der Popsänger Chris de Burgh. Für sie öffnet Greiner auch schon mal einen Wein des phänomenalen Jahrgangs 1959, von dem seine Vorgänger eine beachtliche Menge eingelagert haben. Stolz ist er aber auch darauf, dort Beerenauslesen des Jahrgangs 1965 vorzufinden, weil in dieser Qualitätsstufe in diesem wenig guten Weinjahr kaum etwas in Deutschland erzeugt worden war. Auch die Trockenbeerenauslese aus dem Jahr 1909 gehört zu diesen Ausnahmeweinen.

Der Schreck war daher groß, als im vergangenen Jahr der Kisselbach Teile des Klosters überflutete und das Wasser in der Schatzkammer 1,50 Meter hoch stand. Inzwischen sind fast 30.000 Flaschen sorgsam von Schlamm befreit und gespült worden. Aber auch sonst will eine Schatzkammer mit ihren Weinen gepflegt werden, müssen Flaschen neu verkorkt und die Bestände kontrolliert werden. 2007 wird es noch mehr Arbeit geben: Dann soll die Schatzkammer im Zuge der Restaurierungsarbeiten im Kloster saniert werden.

Die Jubiläumsversteigerung beginnt am Samstag, 4. März, um 13 Uhr im Kloster Eberbach, Vorprobe von 9.30 bis 11.30 Uhr. Info und Kartenservice unter 0 61 23/ 92 30 44. Der Eintritt kostet 40 Euro.

Quelle: F.A.Z., 28.02.2006
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