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Raumfahrt „Venus Express“ hat die Kurve gekriegt

11.04.2006 ·  Das Europäische Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt hat die Raumsonde „Venus Express“ zielsicher in die Umlaufbahn der Venus gebracht. Die Sonde soll Bilder und Daten von der Atmosphäre des Planeten übermitteln.

Von Rainer Hein
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Die Europäische Weltraumorganisation Esa hat einen großen Erfolg feiern können. Den Mitarbeitern des Europäischen Satellitenkontrollzentrums in Darmstadt (Esoc) ist es gelungen, den am 9. November 2005 gestarteten „Venus Express“ zielsicher in die Umlaufbahn des Planeten Venus zu bringen - dies nach einer Reise von 153 Tagen und 400 Millionen Kilometern.

Die Raumsonde bewegt sich nun auf ihre stark elliptische Einsatzbahn zu, auf der sie bis Oktober 2007 den Schwesterplaneten der Erde umkreisen soll; um Bilder und Daten zu liefern, von denen sich Wissenschaftler neue Aufschlüsse über die dort herrschende ungewöhnliche Atmosphäre erwarten. Esa ist damit weltweit die einzige Raumfahrtorganisation, die gleichzeitig Missionen zu vier Himmelskörpern ermöglicht: Mond, Mars, Saturn und Venus.

Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain konnte das erleichterte „we have been captured by venus“ gestern kurz nach 10 Uhr sprechen, als klar wurde, daß auch das nach dem Start schwierigste Manöver geglückt war. Das Haupttriebwerk der Sonde hatte wie geplant um 9.17 Uhr gezündet und begonnen, die „Reisegeschwindigkeit“ der Sonde von 29.000 auf 25.000 Stundenkilometer zu reduzieren, damit sie vom Schwerefeld der Venus erfaßt und in die Umlaufbahn des Planeten gebracht werden konnte.

Sein oder Nichtsein

Die „delikate Operation“, von der Esoc-Leiter Gaele Winters sprach, dauerte rund 50 Minuten und entschied über Sein oder Nichtsein des 220 Millionen Euro teuren Projekts. Ein Ausfall des Triebwerks oder ein nicht ganz gelungenes Bremsmanöver hätten dazu geführt, daß die Sonde auf dem Planeten zerschellt oder an ihm vorbeigerast wäre.

Zu den spannendsten Momenten zählten für die rund 400 Wissenschaftler, Politiker und Pressevertreter, die den Anflug im Darmstädter Kontrollzentrum „live“ verfolgten, wohl jene zehn Minuten, während der die Sonde hinter der Venus verschwand und Funkstille herrschte, und dem Augenblick, an dem das Haupttriebwerk wieder abschaltete - um 10.07 Uhr und somit keine Minute zu früh. In den nächsten vier Wochen wird „Venus Express“ eine Reihe weiterer Manöver ausführen, bis die exakte Bahn erreicht ist, auf der sie dann im 24-Stunden-Umlauf die Venus in einer Entfernung zwischen 250 und 66.000 Kilometern umkreist - zwei Venustage lang, was 486 Erdtagen entspricht. Mit den ersten Fotos wird bald gerechnet.

Orkanartige Stürme

„Venus-Express“ ist die erste Mission der Europäer zum „Planeten der Liebe“. Zuletzt war vor 16 Jahren eine amerikanische Expedition gestartet. Experten wie Hakan Svedhem, der bei der Esa für die wissenschaftliche Auswertung des Flugs verantwortlich ist, versprechen sich von der Reise das Zehnfache an Daten aller bisherigen Flüge.

Im Fokus der Wissenschaftler liegt vor allem die Atmosphäre des Planeten, der einmal große Ähnlichkeiten mit der Erde hatte, sich in den vergangenen 4,6 Milliarden Jahre aber in eine lebensfeindliche Hölle verwandelt hat: Die Oberflächentemperatur beträgt im Schnitt 470 Grad Celsius, der Druck ist mit 93 Bar so hoch wie in rund 1000 Metern Wassertiefe, es gibt einen erstickenden Treibhauseffekt und orkanartige Stürme, möglicherweise Erdbeben und aktive Vulkane.

Dordain, aber auch der wissenschaftliche Direktor der Esa, David Southwood, verwiesen gestern neben dem wissenschaftlichen auch auf den „humanen“ Auftrag der Mission. Es gehe darum, durch eine Analyse des Atmosphärensystems der Venus die Vorgänge auf der Erde besser zu verstehen, um zum Beispiel effektiver auf die Klimaveränderung reagieren zu können. Bei der Erkundung helfen sollen sieben Instrumente, die die Sonde mitführt.

„Werbung für den Wissenschaftsstandort Südhessen“

Dazu zählen verschiedene Spektrometer, mit denen sich die Temperatur der Oberfläche messen oder Wasser- und Sauerstoffmoleküle ausfindig machen lassen, sowie ein Magnetometer und eine Weitwinkelkamera, die im Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Lindau entwickelt wurde. Daß „Venus Express“ Leben entdecken wird, gilt als unwahrscheinlich. Gleichwohl hat gestern Frederic Taylor von der Oxford Universität auf eine entsprechende Frage geantwortet, letztlich wisse die Wissenschaft nicht, „wie anpassungsfähig Leben tatsächlich ist“.

Über den Erfolg der Europäer zeigte sich auch Hessens Landesregierung sehr erfreut. Sie hält die vom Darmstädter Esoc gesteuerte Venus-Mission für eine „prima Werbung für den Wissenschaftsstandort Südhessen“. Davon, so der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Bernd Abeln (CDU), werde auch das geplante „Galileo-Zentrum Hessen“ profitieren, das die Landesregierung gemeinsam mit Esoc, der Stadt Darmstadt und der Technischen Universität Darmstadt aufbaue. Neben Galileo lautet ein anderes Zukunftsprojekt der europäischen Weltraumgemeinde „BepiColombo“. Die Sonde dieses Namens soll 2013 zum Merkur starten.

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Jahrgang 1958, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

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