03.09.2006 · Per Knopfdruck haben die Wissenschaftler im ESA-Kontrollzentrum in Darmstadt die Sonde Smart-1 auf den Mond prallen lassen. Die Explosion war auch von der Erde aus zu beobachten.
Von Tim HirschbergEtliche Wissenschaftler und Journalisten starren auf Monitore, sie fixieren einen kleinen blauen Punkt, der auf ein Fadenkreuz zurast. Große Digitaluhren zeigen den Countdown an, jetzt sind es noch vier Minuten: „20 Kilometer bis zum Aufschlag“, hallt es blechern aus Lautsprechern. Auf der ganzen Welt richten Astronomen Teleskope zum Himmel. Sie peilen den Lacus Excellentiae, den „See der Vortrefflichkeit“, auf der mittleren Südseite des Mondes an und hoffen, dort einen gleißend hellen Blitz zu erspähen. Die Smart-1, eine 367 Kilogramm schwere, europäische Raumsonde, soll um 7.41 Uhr auf der Mondoberfläche zerbersten. Dabei wird eine Staubwolke aus Stein und Metall ins All geblasen. Das Kontrollzentrum der europäischen Raumfahrtbehörde Esa in Darmstadt empfängt Live-Bilder des kosmischen Begräbnisses.
Noch eine Minute: Im Kontrollraum wimmelt es von technischen Geräten: Meßinstrumente piepsen, Handys klingeln, und Computertastaturen rattern. Dann stehen die Digitaluhren auf Null, für einen kurzen Moment herrscht Stille. Die Menschen schauen sich an, scheinbar ist nichts passiert. Erst als ein Wissenschaftler den „Crash der Smart-1“ mitteilt, brandet Applaus auf. Die drei Jahre währende Reise von Europas erster Mondsonde ist erfolgreich zu Ende gegangen.
Die Leiter der Mission hatten den Absturz der Smart-1 ebenso minutiös geplant wie den Start in Kourou in Französisch-Guayana. Das kühlschrankgroße Flugobjekt war mit Hilfe letzter Treibstoffreserven zur Vorderseite des Mondes manövriert worden, um ins Sichtfeld der Teleskope zu gelangen. Nun wollen die Forscher Bilder von abgesprengtem Mondmaterial spektroskopisch analysieren.
Unterwegs mit Ionenantrieb
Wieder lautes Klatschen, ein neues Bild erscheint auf den Monitoren. Es zeigt die zerfurchte Oberfläche des Mondes, zahlreiche dunkle Flecken und einen grellweißen Fleck. Er markiert die Stelle, an der die Sonde mit 7200 Kilometern pro Stunde auf den Mond prallte. Das Bild stammt von einem Teleskop auf Hawaii. „So eine brillante Aufnahme habe ich noch nicht gesehen“, sagt Gerhard Schwehm. Noch kann der Hauptabteilungsleiter der Esa das Ereignis genießen. Die mühselige Auswertung der Daten steht ihm und den Kollegen noch bevor. Während der 100 Millionen Kilometer langen Reise hatten die drei Kameras der Smart-1 unzählige Bilder zur Erde gefunkt. Auf der Grundlage dieses Materials können Generationen von Wissenschaftlern Dissertationen schreiben. Bisher wurden nur wenige Stichproben analysiert: Die Forscher haben erstmals Kalzium sowie Magnesium im All nachgewiesen und erdabgewandte Regionen des Mondes mit großer Präzision kartiert. Techniker konnten mit der Sonde die Effizienz eines neuartigen Navigationssystems erproben. Es fiel während der Reise gelegentlich aus.
Im Vordergrund der Mission stand die Erprobung einer neuen Antriebstechnik. Die Smart-1 flog nicht mit herkömmlichen chemischen Stoffen, sondern mit Xenon. Das Edelgas und Solarzellen liefern die Energie für den sogenannten Ionenantrieb. Das Gas wird mit Elektronen beschossen, so daß positiv geladene Teilchen entstehen. Ein elektrisches Feld beschleunigt diese, bevor sie als Schubstrahl die Raumsonde verlassen. Der Antrieb ist extrem sparsam. Smart-1 verbrauchte auf der Mondreise gerade mal 82 Kilogramm flüssiges Xenon. Für Langstreckenflüge ist das ideal, deshalb soll die Raumsonde BepiColombo 2013 mit Xenon an Bord zum Merkur fliegen.
Bei kürzeren Weltraumreisen werden die Forscher den treibstoffsparenden Antrieb nicht einsetzen - denn dessen Schubkraft ist gering. Normalerweise gelingt die Reise zum Mond in drei Tagen, Smart-1 hat 14 Monate gebraucht. Eigentlich sollte die Mission schon 2005 enden, die Wissenschaftler ließen die Sonde aber noch ein Jahr um den Mond kreisen, ehe sie Schrott im Wert von mehr als 100 Millionen Euro produzierten.