18.01.2010 · Der junge Mann, der eine 78 Jahre alte Frau in Bad Homburg erstochen haben soll, sitzt nun in der Psychiatrie. Er gilt als schizophren. Auch andere Fälle zeigen: Psychotische Gewalttäter sind keine Seltenheit - Gefahrenanalysen sind jedoch nur schwer zu erstellen.
Von Katharina Iskandar, Ingrid Karb und Bernhard BienerDer Mann hatte die Stimmen schon öfter gehört. Seit einigen Jahren schon. Sie beherrschten sein Leben. Im Frühjahr 1995 hatten sie ihm gesagt, er solle sich umbringen. Und so stieg der Mann auf den Goetheturm im Frankfurter Stadtwald - die Polizei konnte ihn im letzten Moment retten. Einige Wochen später sagt ihm die Stimme, er solle töten. Und so zog der Mann am 12. April mit einem Schraubenzieher los und stach an einer Straßenbahnhaltestelle in Neu-Isenburg auf einen 56 Jahre alten Geschäftsmann ein. Der Angreifer wurde später wegen Schizophrenie als schuldunfähig eingestuft.
Ob derartige „Stimmen“ auch den 24 Jahre alten Mann gesteuert haben, der am Dienstag eine 78 Jahre alte Frau im Bad Homburger Schlosspark erstochen haben soll, ist noch nicht geklärt. Nach einer ersten Begutachtung hieß es, er sei psychisch krank. Der unerklärliche Gewaltausbruch könnte nach Ansicht von Medizinern auf eine schizophrene Erkrankung deuten, auch wenn ein Großteil dieser Patienten nicht zu Aggressionen neigt. Etwa zehn Prozent sind zumindest gefährdet, im Verlauf ihrer Krankheit eine Gewalttat zu begehen. So ist der Fall in Neu-Isenburg nur einer von vielen, die sich in den vergangenen Jahren im Rhein-Main-Gebiet ereignet haben.
Weltrettungs-Wahn
Erst im Mai 2009 hatte ein Frankfurter, der ebenfalls an Schizophrenie erkrankt war, drei Männer auf der Toilette an der Konstablerwache mit einem Hammer attackiert und zum Teil schwer verletzt. Und einige Jahre zuvor war in Darmstadt ein Mann niedergestochen worden, nur weil er, wie sich später herausstellte, eine rote Krawatte trug. Der Täter hatte ebenfalls Stimmen gehört. In seinem Wahn hatte er geglaubt, er könne die Welt retten, wenn er alle „Illuminaten“ umbringe, die rote Krawatten trügen.
Obwohl etwa 90 Prozent aller Schizophrenen im Verlauf ihrer Krankheit nie gewalttätig oder noch nicht einmal ansatzweise aggressiv werden, gibt es nicht wenige Fälle, in denen die Polizei psychisch kranke Menschen aufgreift, weil sie in irgendeiner Weise auffällig geworden sind, wie der Frankfurter Polizeisprecher Jürgen Linker sagt: „Die Beamten sind aber gut geschult, Erkrankungen zu erkennen und deren Verhalten einzuschätzen.“ Wenn die Polizisten merkten, dass jemand möglicherweise schizophren sei, werde er zur Begutachtung zu einem Arzt gebracht.
Die Motive, die Schizophrene zu Gewalttaten verleiten, seien für Außenstehende dabei nur schwer zu verstehen, sagt der Psychiater Lothar Staud, der zahlreiche Gutachten für Gerichte erstattet hat - unter anderem im Fall ebenjenes die „Illuminaten“ bekämpfenden Messerstechers aus Darmstadt. Die Erkrankten lebten oft in ihrer eigenen Wirklichkeit, der sogenannten Wahngewissheit. „Es stellen sich Überzeugungen ein, die nur sie selbst haben“, sagt Staud. Und wenn dann jemand aus einem Größenwahn heraus zu der Erkenntnis gelange, er könne die Welt retten und müsse dafür Menschen umbringen, dann sei das ein Teil seiner Wirklichkeit: „Die Schizophrenie krempelt alles um.“
Eltern hatten Betreuung beantragt
Dabei sind Gewalttaten, die aus dieser Psychose heraus begangen werden, nur schwer zu verhindern - nicht zuletzt deshalb, weil sie manchmal akut entstehen. Eine Chance, durch Schizophrenie ausgelöste Gewaltexzesse zu verhindern, habe man in der Regel nur dann, sagt Staud, wenn der Kranke schon einmal auffällig geworden sei. „Aber auch dann gibt es keine hundertprozentige Sicherheit.“
Wie zu hören ist, war auch der mutmaßliche Messerstecher aus Bad Homburg schon einmal in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Seine Eltern hatten im vergangenen Jahr die Betreuung beantragt, auch weil er sich selbst gefährdete. Im Laufe des Verfahrens soll er auch gegenüber einer Richterin aggressiv geworden sein. Inzwischen hält sich der Mann in der Klinik für forensische Psychiatrie in Haina auf. Im weiteren Verfahren wird seine Schuldfähigkeit zu klären sein.
Nach Angaben von Rüdiger Müller-Isberner, dem ärztlichen Direktor der Klinik in Haina, sind etwa die Hälfte der Patienten wegen eines Gewaltdelikts eingeliefert worden - ein Fünftel davon waren Tötungsdelikte. Obgleich psychisch Kranke eine potentielle Gefahr darstellten, könnten sie aber nicht „weggesperrt“ werden, sagt Müller-Isberner. Der Patient müsse schon eine „unmittelbare Gefahr“ für sich oder andere darstellen, um den Freiheitsentzug per Gericht durchzusetzen. In der Regel bleibe der Patient mindestens zwei Wochen in der Klinik. Sobald sich sein Zustand stabilisiere, müsse sich der Patient zunächst in Freiheit erproben, bevor er entlassen werde.
Patienten mehrmals begutachtet
Dass dieser Moment der Entlassung ein durchaus kritischer Moment ist, weiß auch Lothar Staud. Die Patienten, sagt er, würden deshalb mehrmals begutachtet. Es werde geprüft, ob sich der Erkrankte mit seiner Vergangenheit „kompetent abgebildet“ hat: Ist er krankheitseinsichtig? Macht er bei der Therapie mit? Und nicht zuletzt: Nimmt er seine Medikamente? Um eine möglichst präzise Prognose erstellen zu können, hat sich laut Staud ein Verfahren durchgesetzt, das die Lebensgeschichte eines Patienten, seinen klinischen Zustand und das Risiko nach der Entlassung aus der Psychiatrie prüft.
Letztlich wird es deshalb nach Meinung von Fachleuten keine Sicherheit geben, ob ein an Schizophrenie erkrankter Mensch gewalttätig wird, wie dies aller Wahrscheinlichkeit nach bei dem Bad Homburger Messerstecher der Fall war. „Als Arzt kann man nur bis zu einem bestimmten Grad hinter die Fassade schauen“, sagt Staud. Aus seiner Erfahrung weiß er, dass Patienten manchmal ad hoc rückfällig würden. Dann habe man kaum eine Chance, rechtzeitig zu reagieren.
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Thorsten Haupts (ThorHa)
- 18.01.2010, 19:37 Uhr
Bernhard Biener Jahrgang 1964, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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