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Privatschulen Wer zahlt, will auch mitreden

08.10.2009 ·  Am besten nicht staatlich? Mehr Eltern denn je wählen Privatschulen. Unter diesen wächst die Konkurrenz, erste geben auf. Andere fangen an.

Von Jacqueline Vogt
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Versuchen dürfen sie es alle gerne. Müssen einhalten, was im Leitfaden für Privatschulen steht. Die Größe der Klassenräume ist festgelegt, jeder Schritt beschrieben, der von der Idee zur Genehmigung durch die Schulaufsicht führt. Lehrkräfte müssen eingestellt werden, Eltern gesucht, die bereit sind, Gebühren zu zahlen. Letzteres, so scheint es, fällt den vielen Schulen in freier Trägerschaft, die in Hessen gegründet werden, nicht schwer. Obwohl das teuer werden kann, denn drei Jahre lang, so will es das hessische Ersatzschulfinanzierungsgesetz, muss eine Schule sich finanziell selbst tragen, bevor sie Landeszuschüsse bekommt und diese Entlastung weitergeben kann. Einrichtungen, die als Ergänzungsschulen gelten, weil sie nach anderen als den deutschen Lehrplänen unterrichten – die internationalen Schulen zum Beispiel – erhalten dauerhaft geringe Zuschüsse und erheben deshalb Gebühren, die bis zu 20 000 Euro je Jahr betragen können. Die für den Schulbesuch ihrer Kinder zahlen, verbinden damit die Hoffnung auf eine Erziehung, die anders und besser ist als in einer staatlichen Schule. Ob das immer so ist, steht dahin.

Bei ihr, sagt Brigitte Göbel, werde es so sein. 30 Jahre lang war sie Lehrerin an einer staatlichen Grund-, Haupt- und Realschule. Jetzt ist sie Unternehmerin geworden, hat die „PbG“ gegründet, die Private bilinguale Ganztagsschule Wiesbaden. Sie wolle endlich etwas ändern am Bildungssystem, sagt Göbel. Für ihre Schule, die im Februar 2010 mit einer Vor-Klasse den Betrieb aufnehmen wird, hat sie ein eigenes Curriculum entwickelt, es ist die Essenz aus drei Jahrzehnten Arbeit mit Kindern. In dem weißgetünchten Schulhaus an der Langenbeckstraße, einem weitläufigen Komplex, der bis vor kurzem eine Immobilienfirma beherbergte, sollen Jungen und Mädchen nicht nur vom ersten Tag an auf Deutsch und Englisch lernen.

865 Euro monatlich für einen Schulplatz

Sechs Jahre wird die Grundschulzeit bei Brigitte Göbel dauern. Es wird eine flexible Eingangsstufe von der ersten bis zur dritten Klasse geben, die Kinder je nach Lerntempo durchlaufen – die schnellsten können nach einem Jahr in die dritte Klasse wechseln. Göbel will integrativ unterrichten, also auch behinderte Kinder aufnehmen, die Lerngruppen werden klein sein, Förderlehrkräfte die regulären Pädagogen unterstützen, der Unterricht wird fächerübergreifend. Für die Klassenzimmer hat Göbel Tische bestellt, die sich auseinanderziehen lassen und die Rollen haben, „denn wir werden auch eine Schule in Bewegung sein“. Stillsitzen zu müssen sei nicht kindgerecht und der Aufnahmefähigkeit abträglich. 865 Euro monatlich wird ein Platz in Göbels Schule kosten. Nach drei Jahren, falls die Genehmigung als Ersatzschule erteilt sein wird, könnten die Gebühren sinken, weil das Land Personalkostenzuschüsse zahlt. 170 Ersatzschulen gibt es heute in Hessen, im Jahr 2000 waren es 134.

Als nach den Sommerferien Schüler und Eltern vor den Türen der Hessen International School in Liederbach standen, fanden sie die verschlossen vor. Der englischsprachigen Einrichtung, 2006 gegründet, hatte das Staatliche Schulamt Rüsselsheim die Genehmigung entzogen, unter anderem weil Lehrer geklagt hatten, sie hätten kein Gehalt bekommen. 9000 Euro je Jahr hatten Eltern für einen Platz gezahlt, einen guten Ruf hatte die Einrichtung deshalb nicht: Zuletzt hatten nur noch 13 Kinder die Klassen 1 bis 4 besucht.

Laptops für jeden Schüler

Als im Dreieicher Stadtteil Sprendlingen vor wenigen Wochen die neue Strothoff International School einen Informationsabend für Eltern veranstaltete, kamen 700 Personen. Kurz darauf waren rund 90 Jungen und Mädchen angemeldet. Inzwischen haben in dem 6000-Quadratmeter-Haus 107 Kinder und Jugendliche Unterricht, die ältesten in der Jahrgangsstufe 9. Fast 90 Prozent stammen aus deutschen Familien, trotzdem sollen sie nach dem Programm lernen, das zum International Baccalaureate (IB) führt. Um die Strothoff-School, gegründet vom Küchen- und Möbelunternehmer Hans Strothoff, hatte es unlängst Wirbel gegeben, wohl weil das Schulmanagement mit den vom Gründer gerne beschworenen Begriffen wie Exzellenz und Elite noch nicht ganz mithalten konnte. So herrschte etwa zunächst Verwirrung darüber, ob deutsche Eltern eine Ausnahmegenehmigung beantragen müssen, wenn sie ihre Kinder auf diese Schule schicken möchten (müssen sie, die Gewährung ist aber Formsache). Der erste Schulleiter hat seinen Posten aufgegeben, aus nicht genannten Gründen, das Schulgeld ist mit knapp 20 000 Euro ein wenig höher als an anderen internationalen Schulen, dafür ist der Schulhof noch Baustelle.

Inzwischen hat, als „Head of School“, wie es an seiner Bürotür steht, der Österreicher Andreas Koini auf dem Sprendlinger Campus angefangen. Lieber als von vergangenen Irritationen spricht er von Aufbruch und Begeisterung und der Chance, die von der Gründung einer ganz neuen Schule ausgehe, noch dazu einer, in der ein großzügiger Kapitalgeber alles tue für guten Unterricht. Es gibt Laptops für jeden Schüler, zwei Bibliotheken sind im Aufbau und 18 Lehrer bisher eingestellt, die auf internationalen Rekrutierungsmessen angeworben wurden und von denen viele aus den Vereinigten Staaten stammen. In der Strothoff School, sagt Koini, könnten sie zwar nicht verbeamtet werden, verdienten dafür aber so viel wie an einer staatlichen Schule ein Studienrat nach 15 Jahren. 43 Jahre ist der Älteste in Koinis Team alt.

So unterschiedlich Schulen wie die im Aufbau befindliche in Wiesbaden und die in Dreieich sein mögen, eine wahrscheinlich kritische Elternschaft wird ihnen wohl gemein sein. Wer zahlt, möchte bestimmen: Das erleben inzwischen auch Einrichtungen wie Waldorfschulen, für die Familien sich traditionell meist aus kapitalismuskritisch-weltanschaulichen Gründen entscheiden. „Wir hatten einen Fall“, erzählt Norbert Handwerk, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft freier Waldorfschulen in Hessen, „da war ein Englischlehrer ein halbes Jahr lang krank.“ Es habe Erziehungsberechtigte gegeben, fügt er hinzu, die deswegen das Schulgeld hätten kürzen wollen. „Das ist heute eben auch bei uns eine ganz neue Elterngeneration.“

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Jahrgang 1962, Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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