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Privatdozenten Anspruchslose Akademiker

16.02.2010 ·  Privatdozent ist kein Beruf, sondern ein Ehrengrad, für den sich sein Inhaber zunächst einmal nichts kaufen kann. Manche geraten im Lauf der Zeit sogar in eine berufliche Sackgasse.

Von Sascha Zoske, Rhein-Main
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Elke Schleucher will sich nicht beklagen. Sie verdient 2500 Euro netto im Monat, und die Arbeit macht ihr Freude. An der Frankfurter Universität gibt die Biologin Grund- und Fortgeschrittenenpraktika, sie betreut Doktoranden, Diplomanden und Bachelor-Kandidaten. „Ich habe alle Rechte und Pflichten eines Professors – nur keine Professur.“

Aber auch das könnte die 45 Jahre alte Privatdozentin verschmerzen. Was ihr mehr Sorgen macht, ist der Umstand, dass sie ihre jetzige Tätigkeit bald aufgeben muss. Seit 1993 ist Schleucher wissenschaftliche Mitarbeiterin, 2002 hat sie sich habilitiert. Mehrmals wurde ihre befristete Anstellung verlängert, doch damit ist nun Schluss: Ende dieses Jahres läuft ihr Vertrag aus. Schleucher hat noch keine konkrete Vorstellung, wie es dann weitergeht. „Im Moment hänge ich ziemlich in der Luft.“

Akademische Weihen schützen nicht vor einem Karriereknick

Dass die Physiologin über höhere akademische Weihen verfügt, schützt sie nicht vor einem Karriereknick. Denn Privatdozent ist kein Beruf, sondern ein Ehrengrad, für den sich sein Inhaber zunächst einmal nichts kaufen kann. Wer mit einer Habilitationsschrift bewiesen hat, dass er als Hochschullehrer geeignet ist, kann sich den Titel vom zuständigen Uni-Fachbereich verleihen lassen. Damit erwirbt er das Recht, Vorlesungen und andere Veranstaltungen anzubieten – das ist alles. Privatdozenten „haben keinen Anspruch auf einen Arbeitsplatz oder eine Vergütung“, heißt es im Hessischen Hochschulgesetz. Wollen sie allerdings ihren Status behalten, müssen sie von ihrer „venia legendi“ auch Gebrauch machen. Lehren sie ohne Zustimmung des Fachbereichs oder ohne wichtigen Grund in zwei aufeinanderfolgenden Semestern nicht, muss ihnen die Bezeichnung laut Gesetz aberkannt werden.

„Institutionelle Ausbeutung“ sei das, meint ein Privatdozent, der an der Goethe-Universität ein geisteswissenschaftliches Fach unterrichtet. „Eigentlich müssten wir alle streiken.“ So hart drückt es Andreas Keller vom Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nicht aus. Aber auch er sieht zumindest bestimmte Gruppen von Uni-Dozenten in einer schwierigen Lage. Verhältnismäßig privilegiert seien jene, die eine feste Stelle an der Hochschule hätten. Auch Ärzte mit dem Zusatz „PD“, die in Kliniken arbeiteten oder niedergelassen seien, gehörten nicht zum akademischen Prekariat. Teils schlecht ergehe es dagegen Privatdozenten, die von den Hochschulen Entgelte für Lehraufträge erhielten. „Ihre Einkünfte sind oft nicht existenzsichernd“, berichtet Keller. „Viele leben vom Geld des Partners.“

Keine Zeit für Veröffentlichungen

Ein solcher Zustand lässt sich eine Weile ertragen, wenn als Lohn für oft jahrzehntelanges Studieren und Forschen ein Lehrstuhl in Sicht ist. Grundsätzlich, meint Keller, stünden die Chancen auf eine Berufung derzeit nicht schlecht. „Viele Professuren werden aus Altersgründen frei.“ Aber auch hier gilt: Die Privatdozenten-Urkunde alleine garantiert keine Karriere – dafür sind noch andere Qualifikationen nötig.

Elke Schleucher weiß das nur zu gut. Als Tierphysiologin, die mit nichtmolekularen Methoden arbeitet, vertritt sie nach eigenen Worten ein Fachgebiet, das „derzeit nicht so angesagt“ ist. Schon das schmälert ihre Aussichten, Professorin zu werden. Hinzu kommt, dass sie bisher zu wenig veröffentlicht hat. „Ich weiß nicht, woher ich die Zeit zum Schreiben nehmen sollte – ich betreue von morgens bis abends Studenten. Keine Ahnung, wie andere das machen.“ Nach Schleuchers Ansicht messen die Universitäten allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz der Lehre weiterhin zu wenig Bedeutung bei. „In Berufungsverhandlungen wird immer wieder gesagt: Was zählt, ist die Forschung.“

Schlechtere Chancen ab Mitte 40

Lässt der ersehnte Ruf auf sich warten, beginnt den stellungslosen Privatdozenten die Zeit davonzulaufen. Zwar liegt die absolute Altersgrenze für den Antritt einer Professur in Hessen laut Wissenschaftsministerium bei 60 Jahren. Doch schon wenn der Kandidat mehr als 50 Jahre alt sei, müsse ein „besonderes Interesse“ an seiner Berufung bestehen, von 55 Jahren an gar ein „dringendes Interesse“. „De facto verschlechtern sich die Chancen von Mitte 40 an drastisch“, meint GEW-Vertreter Keller. Wie viele Privatdozenten letztlich vergebens nach einem Lehrstuhl streben, kann er nicht sagen, er ist sich aber sicher: „Ein sehr großer Anteil landet in der Sackgasse.“

Die Zauberformel, die einen Ausweg aus dieser Falle eröffnen könnte, lautet nach Kellers Ansicht „Tenure Track“. Gemeint ist damit eine Laufbahnperspektive nach amerikanischem Vorbild: Begabte Wissenschaftler bekommen zunächst eine befristete Professur. Bringen sie die Leistung, die von ihnen erwartet wird, werden sie nach sechs, sieben Jahren auf Lebenszeit berufen. Nicht nur die GEW, auch der Deutsche Hochschulverband lobt dieses Modell. Verbandssprecher Matthias Jaroch glaubt aber zu wissen, was seiner Verbreitung hierzulande im Wege steht: „Es gibt zuwenig Professorenstellen in Deutschland.“

„Altmodisches Initiationsritual“

Seit 2002 können Nachwuchsforscher auch über den Weg der Juniorprofessur in der Uni-Hierarchie aufsteigen. Sowohl GEW-Vorstand Keller als auch Birgit Braitsch, Fachgruppensprecherin der Gewerkschaft Verdi, glauben, dass dieses Verfahren der Habilitation überlegen sei. Letztere hält Keller für ein „altmodisches Initiationsritual“. Ebenso wie seiner Kollegin Braitsch erscheint ihm der Titel „Privatdozent“ unzeitgemäß und die gesetzliche Verpflichtung zur Lehre um jeden Preis „nicht haltbar“.

Für die Positionen der Gewerkschafter hat Matthias Lutz-Bachmann wenig Sympathie. Der Philosophieprofessor und Vizepräsident der Goethe-Universität verteidigt den klassischen Karrierepfad vehement: Die Habilitation sichere Qualität in Forschung und Lehre. Dagegen stecke hinter der Juniorprofessur der „Versuch, billig Lehrkapazitäten zu bekommen“. Im Übrigen seien die Aussichten von Privatdozenten auf angemessene Bezahlung nicht so schlecht: Auch Geisteswissenschaftler kämen zunehmend in den Genuss von Fördergeld, etwa von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die vielversprechende Vorhaben auch dann unterstütze, wenn ihr Initiator an eine andere Uni wechsele.

Jorunalistin als Alternative

In die DFG setzt auch Elke Schleucher ihre Hoffnung. Möglicherweise bekommt sie Gelegenheit, in einem Projekt mitzuarbeiten. Wenn nicht, wird die Privatdozentin der Universität notfalls den Rücken kehren und noch einmal etwas Neues wagen. „Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, als Journalistin oder Lehrerin zu arbeiten.“

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Jahrgang 1969, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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