08.08.2009 · Sozialdezernent Jochen Partsch vertritt die Ansicht, dass Prävention, die zunächst mehr Personal erfordert, am Ende Geld spart. Diese These hat sich jetzt in einem kommunalen Vergleich bestätigt.
Von Rainer Hein, DarmstadtAm Freitag hat für ein paar Stunden die Schuldenuhr des Bunds der Steuerzahler demonstrativ auch in Darmstadt getickt. Auf dem Ludwigsplatz war sie aufgebaut, so dass die Bürger verfolgen konnten, wie die Verschuldung der Stadt von Sekunde zu Sekunde wächst und in diesem Jahr auf mehr als 431 Millionen Euro ansteigen wird. Rein rechnerisch ist jeder Darmstädter im Durchschnitt mit 2980 Euro dabei. Das mobile Schuldenuhrwerk, das der Steuerzahlerbund in Hessen auf die Reise schickt, lief am Freitag zufällig in Darmstadt zeitgleich zur Pressekonferenz von Sozialdezernent Jochen Partsch (Die Grünen) ab, der die Ergebnisse eines bundesweiten Leistungsvergleichs zu den „Hilfen für Erziehung“ vorlegte, die die Jugendämter gewähren. Das ist zwar eine kommunale Pflichtaufgabe, aber sie kann gut oder weniger gut erbracht werden. Und zwar im qualitativen wie quantitativen Sinn – weshalb das Ticken der Schuldenuhr als passende Begleitmusik wirkte.
Erzieherische Hilfen, das sind Unterstützungsangebote für Kinder, Jugendliche und Familien, angefangen von einfacher Beratung über ambulante Familienhilfen und betreutes Wohnen bis hin zur Heimunterbringung, die eine Stadt im Monat bis zu 10 000 Euro kosten kann. Seit seinem Amtsantritt vertritt Partsch die Thesen, dass fachlich versierte Prävention – die oft zunächst einmal mehr Personal erfordert – nicht nur das Hilfsangebot verbessern, sondern am Ende der Stadt auch Geld sparen kann. Das hat ihm der „Benchmarketingkreis Hilfen zur Erziehung“, an dem Darmstadt seit 2005 zusammen mit den Städten Bremerhaven, Chemnitz, Rostock, Potsdam, Mannheim, Karlsruhe, Siegen und Viersen beteiligt ist, nun abermals bestätigt. Nicht nur verringerte sich die Zahl der Erziehungshilfefälle zwischen 2005 und 2007 von 755 auf 62 Fälle. Die Ausgaben der Stadt konnten auch von 15 Millionen Euro auf 13,5 Millionen Euro reduziert werden, „ohne dass wir Abstriche an der Qualität der Betreuung gemacht haben“.
Darmstadt liegt nicht im Trend
Was nach Ansicht des Sozialdezernenten dieses Resultat noch aufwertet: Die Darmstädter Entwicklung verlaufe vollkommen entgegengesetzt zum Bundes- und Landestrend. So seien in Hessen im gleichen Zeitraum die Kosten von 510,3 Millionen auf 536,4 Millionen Euro gestiegen.
„Der Bericht bestätigt unsere Vorgehensweise: Gute Pädagogik und Wirtschaftlichkeit schließen sich nicht aus“, sagte Partsch und ließ durchklingen, dass Darmstadt mittlerweile als Gesprächspartner in Fragen der erzieherischen Hilfen sehr geschätzt ist. Wobei das Erfolgsrezept nicht einmal sonderlich kompliziert klingt. Es gibt aus der Sicht des Sozialdezernats zwei Elemente, die zusammenkommen müssen: ein sozialraumorientiertes Angebot mit Teams, die sich an Ort und Stelle auskennen und über gute Kontakte zu sozialen Trägern und Einrichtungen verfügen, und eine Passgenauigkeit der angebotenen Hilfe auf Basis einer präzisen sozialpädagogischen Diagnostik.
Damit die Prävention greift, ist nach Ansicht von Partsch eine frühzeitige Hilfe nötig
„Wir murksen nicht rum, sondern versuchen, den richtigen Hilfebedarf zu entdecken“, formulierte Partsch. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass bei einem jugendlichen Schulschwänzer Mitarbeiter des Jugendamtes gleich mit der ganzen Familie beraten, was sich ändern muss, gemeinsam einen Hilfeplan erarbeiten mit wechselseitigen Pflichten und die nächsten Monate dessen Einhaltung immer wieder besprechen. 20 solcher Schulschwänzer konnten so, wie der Leiter des Jugendamtes, Thomas Gehrisch, berichtete, wieder an die Schule herangeführt werden: „Die ersten haben jetzt ihren Hauptschulabschluss nachgemacht.“
Damit die Prävention greift, ist nach Ansicht von Partsch eine frühzeitige Hilfe nötig. Das Sozialdezernat hat deshalb in diesem Jahr einen Besuchsdienst bei allen Darmstädter Eltern nach der Geburt eines Kindes eingeführt. Der städtische Service „Kinder schützen – Familien fördern“ ist als Kontaktaufnahme gedacht, um über Hilfsangebote zu informieren und bei Bedarf gleich zu organisieren. So soll Überforderung vermieden werden. Wie ernst Darmstadt Familien- und Jugendhilfe nimmt, zeigt sich für Partsch auch im Notdienst des Jugendamtes, der rund um die Uhr mit zwei Mitarbeitern besetzt sei.
Das gute Abschneiden im Leistungsvergleich bei den erzieherischen Hilfen ist kommunalpolitisch nicht ganz unerheblich, weil Darmstadts Sozialdezernent das Prinzip Prävention auch auf andere Handlungsfelder ausweiten möchte. Als Nächstes wird sich der Magistrat mit seiner Vorlage beschäftigen, bei der es um eine Optimierung der Eingliederungshilfen für behinderte Kinder und Jugendliche geht. Auch das Konzept für einen Fachdienst Pflege und die Verbesserung der Altenhilfeplanung, wo durch gezieltere Beratung und Information ebenfalls die kommunalen Ausgaben gesenkt werden könnten, liegt nahezu ausgearbeitet in den Schubladen.