20.02.2009 · Bert Rürup, Wirtschaftsweiser, Politikberater und Darmstadts bekanntester Hochschullehrer, wird emeritiert. Im April beginnt dann sein nächster Lebensabschnitt - nicht als Rentner, sondern als Chefökonom des deutschen Finanzdienstleisters AWD.
Von Rainer HeinBert Rürup hat eine große Familie, wie man im November an seinem 65. Geburtstag sehen konnte. Da schwangen seine Doktoranden ihm zu Ehren alle kleine Fähnchen. Nicht wenige des wissenschaftlichen Nachwuchses aus dem Hause Rürup werden vermutlich auch an diesem Freitag anwesend sein, wenn die Technische Universität Darmstadt sich von dem „obersten Wirtschaftsweisen, dem routiniertesten Politikberater, dem Rentenexperten par excellence, dem Forscher und Lehrer aus tiefster Überzeugung“ mit einem wissenschaftlichen Kolloquium verabschiedet. Nach 40 Jahren an Universitäten, davon 33 Jahre im Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften der TU Darmstadt, wird Rürup in den nächsten Wochen emeritiert.
Im April beginnt dann sein nächster Lebensabschnitt – nicht als Rentner, sondern als Chefökonom und Sonderberater des deutschen Finanzdienstleisters AWD, der Chancen und Risiken der gesetzlichen und privaten Altersvorsorge in Russland und China ausloten wird. „Dieses Metier kann ich ganz gut“, sagte der Noch-Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und lächelt.
Eigentlich wollte Rürup Leistungssportler werden
Als junger Mann war Bert Rürup keineswegs von der Idee getrieben, Hochschullehrer und wissenschaftlicher Politikberater zu werden. Zunächst wollte er auf ganz andere „Treppchen“. Kugelstoßen war die Profession des Hans-Bert Rürup, der 1966 zum Auswahlkader für die Europameisterschaft in Budapest gehörte. Damals war er stolze 108 Kilogramm schwer und lief die 100 Meter unter elf Sekunden. Doch eine schwere Knieverletzung zerstörte die Träume einer Karriere als Spitzensportler schlagartig. „Im Krankenhaus beschloss ich dann, es mit dem Studium ernst zu nehmen.“
Die disziplinierte Haltung des Leistungssportlers habe er auch an der Uni nie verloren. Noch heute klingele der Wecker um 5 Uhr, dann lese er acht Tageszeitungen und sitze um 7 Uhr in seinem Büro im Darmstädter Residenzschloss, sagt Rürup. Seine Montagsvorlesung beginnt um 8 Uhr. Dennoch sei sie „immer bumsvoll“. Darauf ist er ebenso stolz wie auf die Tatsache, dass wegen Terminfülle noch nie eine Vorlesung ausgefallen sei und die Bewertungen der Studenten „top“ ausfielen.
Die anderen Treppchen, die Deutschlands bekanntester Rentenberater bestiegen hat, sind so zahlreich, dass man sie alle gar nicht aufzählen kann. Gäbe es ein Handbuch der Politiksprache, sein Name müsste darin auf jeden Fall auftauchen, und sei es nur im Zusammenhang mit der „Rürup-Kommission“, in die ihn Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) 2002 holte und die dann irgendwann nach dem Namen ihres Vorsitzenden benannt wurde. In all den Expertenkreisen, Rentenkommissionen und Sachverständigenbeiräten hat den Wirtschaftswissenschaftler Rürup immer wieder fasziniert, wie schnell Politik „mit den Konsequenzen des eigenen Handeln konfrontiert wird“.
„Regierungen haben in der Krise instinktiv richtig gehandelt“
Außerdem hat sich für ihn ein Satz bestätigt, den er aus der Zeit der Anfänge aus einer Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes mitgenommen hat: „In einer Demokratie geht jedem gestaltenden Schritt ein mehrheitsbeschaffender Schritt voraus.“ Kurz: Es gibt den Zwang zu Kommunikation und Kompromiss und selten den „Big Bang“. Wer das weiß, sagt Rürup, kann „relativ gut Gutachten schreiben, weil er weiß, dass er die Umsetzung immer mit bedenken muss“.
Rürup ist seit 40 Jahren in der SPD, und fast so treu wie dieser Partei („Es ist wie in einer Ehe“) ist er der TU Darmstadt, wo er 1976 eine Professur in Finanz- und Wirtschaftspolitik übernahm. Mit Ausnahme von zwei Jahren in Wien und jenen Zeiten, wo er auswärts als Gastprofessor lehrte, ist er auf seinem Lehrstuhl in Darmstadt geblieben – trotz mancher verlockender Angebote. Es sei den Präsidenten stets gelungen, solche Berufungen abzuwenden, sagt er und zählt unter den guten Bedingungen, die ihm die Universität gewähre, nicht nur seine zwei Sekretärinnen und die drei Assistenten auf, sondern auch die „motivierten und begabten Studenten“.
Möglicherweise wird Rürup nach seiner Emeritierung außer Gutachten über die Rentenlage in China und Russland auch ein Werk über seine Erfahrungen als Politikberater verfassen. „Ein solches Buch kann ich definitiv nicht ausschließen“, sagt er schmunzelnd. Sicher würde diese Aufarbeitung von 30 Jahren an der Nahtstelle zwischen Wissenschaft und Politik sehr informativ, hat er doch zahlreiche Minister und Kanzler kennengelernt. „Ich habe in all den Jahren noch nie faule und ignorante Politiker erlebt, sondern stets fleißige und wissbegierige“, sagt er.
Auch das aktuelle Krisenmanagement findet sein Lob. „Zur Bewältigung der Wirtschaftskrise gibt es kein Textbuch, weil sie einmaliger Natur ist. Deshalb ist es eigentlich überraschend, wie instinktiv richtig die Regierungen gehandelt haben. Sie haben gezeigt, dass sie entscheidungsfähig sind.“ Vielleicht erzählt Rürup Weiteres zum Thema, wenn er im Juli seine „Last Lecture“ hält. Die Abschiedsvorlesung ist öffentlich und findet deshalb vorsorglich im Audimax statt.