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Plagiate Piraten helfen Chinas Volkswirtschaft

24.11.2008 ·  71 Prozent aller Plagiate kommen laut dem Verband des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus aus China. Warum ist das so? Und wie lässt sich daran etwas ändern? Zwei Wissenschaftler sind diesen Fragen nachgegangen und haben eine umfangreiche Studie zur Produktpiraterie in China vorgelegt, die am Ende einen hoffnungsvollen Ausblick gibt.

Von Bernhard Heimrich
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Die Piraten vor der Küste Somalias sorgen zwar in diesen Tagen für Schlagzeilen. Der volkswirtschaftliche Schaden aber, der durch die Entführung von Handelsschiffen verursacht wird, ist wesentlich geringer als die Verluste des Staates aufgrund von Produktpiraten. Das Bundesministerium für Justiz schätzt den Schaden allein in Deutschland auf 25 Milliarden Euro im Jahr. Das Kernland der Piraterie liegt keineswegs in Afrika – es ist China. 71 Prozent aller Plagiate kommen laut dem Verband des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus aus der Volksrepublik.

Warum ist das so? Und wie lässt sich daran etwas ändern? Die beiden Wissenschaftler Rainer Erd und Michael Rebstock von der Hochschule Darmstadt sind diesen Fragen nachgegangen und haben eine umfangreiche Studie zur Produktpiraterie in China vorgelegt, die am Ende einen hoffnungsvollen Ausblick gibt. „Ich schaue bedingt optimistisch in die Zukunft. Je wohlhabender die Volksrepublik wird, desto geringer wird das Bedürfnis nach Plagiaten. In 30 bis 40 Jahren dürfte es besser sein“, meinte der Jurist Erd bei der Vorstellung der Untersuchung.

Schattenwirtschaft

Für die Markenpiraterie nennt die Studie eine Reihe von Gründen. China hat mit seinem Beitritt zur Welthandelsorganisation zwar die internationalen Regeln des Urheber-, Marken- und Patentrechts 2001 übernommen, und in den großen Städten der Ostküste wie Peking oder Schanghai erkennt Erd auch Ansätze einer modernen Rechtsprechung. Aber vor allem in ländlichen Regionen fehlten juristisch ausgebildete Richter und Staatsanwälte.

Nach Recherchen der Wissenschaftler handelt es sich bei rund 80 Prozent der chinesischen „Juristen“ um rekrutierte Dorfpolizisten oder ehemalige Militärs, die oft nur Spielball politischer Kader seien, oder Provinzunternehmer. Hinzu komme die Piraterie als Wirtschaftsfaktor der sozialistischen Gesellschaft. In den Raubkopierindustrien Chinas seien mindestens eine Million Menschen beschäftigt. Nach Angaben von Sonja Müller, Mitarbeiterin im China Kompetenz Center der Industrie- und Handelskammern Darmstadt und Frankfurt, trägt die Schattenwirtschaft mit sechs bis zehn Prozent zum chinesischen Bruttoinlandsprodukt bei.

„Ein-Haus-Produkt-Philosophie“

Das Erbacher Unternehmen Koziol, das in Erbach im Odenwald mit 170 Mitarbeitern hochwertige Designprodukte fertigt, exportiert in mehr als 50 Länder und kennt sich mit Produktpiraterie aus. Zunehmend würden ganze Produktlinien kopiert, berichtet Koziol-Geschäftsführer Thorsten Muntermann. Für den Schutz des geistigen Eigentums wendet Muntermann im Jahr um die 500.000 Euro auf, indem er zum Beispiel für jedes Produkt einen Geschmacksmusterschutz eintragen lässt – in Deutschland, Europa und in China. Damit gehört Koziol zu einer Minderheit. „65 Prozent der deutschen Unternehmen haben keine Schutzrechte in China angemeldet“, berichtet Müller. Die Folge: Sie können, ist der Produktfälscher erst einmal identifiziert, juristisch nicht gegen ihn vorgehen.

Erd und Rebstock vertrösten in ihrer Studie die Wirtschaft keineswegs auf einen „Rechtsfrühling“ in China, sondern liefern eine „Anti-Piraten-Strategie“, die deutschen Unternehmen Möglichkeiten bietet, sich besser vor Raubkopien zu schützen. Dazu gehört etwa der Rat, schwer zu fälschende Qualitätskennzeichen an den Produkten anzubringen, auf Direktvertrieb in Factory Outlets zu setzen oder es wie Koziol zu machen und die „Ein-Haus-Produkt-Philosophie“ zu praktizieren: die Herstellung von der Idee bis zum Versand am Standort Deutschland. „Dies ist ein unschätzbarer Wettbewerbsvorteil, der dem Kunden eine hohe und vor allem nachvollziehbare Produktqualität garantiert, ohne Schadstoffe, ohne Kinderarbeit und Umweltzerstörung“, sagt Muntermann, zu dessen Erfahrungen zählt, dass der Endverbraucher diese Garantien mehr und mehr honoriert.

Produktideen bleiben geheim

Nach Ansicht des Koziol-Chefs ist allerdings nicht nur die chinesische Regierung aufgefordert, den Markenschutz zu überwachen. In Erbach hat man die Erfahrung gemacht, dass es auch in Europa Geschäftsmodelle gebe, die fast den Tatbestand einer kriminellen Vereinigung erfüllen. So hat Koziol kürzlich die E-Mail einer Trendagentur enthalten mit der Bitte, Produktideen seines Hauses für 2009 zu verraten. Wäre man in Erbach tatsächlich so naiv – Muntermann ist sich sicher, dass in irgendeiner Discountkette bald Plagiate auftauchen würden.

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