01.10.2007 · Direkt an der früheren deutsch-deutschen Grenze ist in Thüringen einkleines Gewerbegebiet entstanden. Viele Pendler aus den anliegenden hessischen Dörfern verdienen dort ihr Geld.
Von Nadine LindnerDreiundzwanzig Kilometer. So lang war der Grenzzaun, der Obersuhl früher umgab. Von drei Seiten war die Ortschaft im Landkreis Hersfeld-Rotenburg eingeschlossen. Dahinter begann die Deutsche Demokratische Republik. „Bei uns war damals die Welt zu Ende“, sagt Willi Öhls, ein Alteingesessener. Direkt hinter seinen Gartenbeeten verlief der Grenzzaun.
„Wenn wir auf der Terrasse Kaffee getrunken haben, dann haben wir immer die Patrouillen mit ihren Hunden gesehen.“ Das Ehepaar hat ein Kapitel deutscher Geschichte hautnah erlebt: „Nachts haben wir oft die Selbstschussanlagen gehört und immer gehofft, dass es keinen Menschen erwischt hat“, sagt Hildegard Öhls. Früher hätte sie ihren Kindern streng verboten, in der Nähe des Zauns zu spielen. Sie sei froh, dass diese Zeiten vorbei seien. Heute erstreckt sich hinter ihrem Grundstück ein Naturschutzgebiet.
Exponate aus den Zeiten des Kalten Krieges
Knapp 6000 Menschen leben in der Gemeinde Wildeck, davon etwa die Hälfte im Ortsteil Obersuhl. Für sie hat sich seit dem Mauerfall im November 1989 vieles verändert. „Früher war bei uns die Straße zu Ende, heute liegen wir mitten in Deutschland“, sagt Renate Dörffel, die das kleine Heimat- und Grenzmuseum betreut. Seit 2005 werden hier Exponate aus den Zeiten des Kalten Krieges ausgestellt: Dienstanweisungen für Volkspolizisten der ehemaligen DDR sind ebenso zu sehen wie westdeutsche Zolluniformen und ein Modell des Grenzstreifens.
„Wenn jüngere Schüler kommen, dann geht bei denen das große Staunen los, was es hier alles mal gegeben hat“, sagt die pensionierte Grundschullehrerin. Interesse gebe es aber auch aus den neuen Bundesländern: „Gerade Gruppen aus dem tiefsten Sachsen sind manchmal über die Rigorosität der Grenzanlagen erschüttert.“ Auch wenn dieser Grenztourismus bis jetzt noch bescheidene Ausmaße habe, sei er wichtig für die Aufarbeitung der Vergangenheit, im Osten wie im Westen. Pünktlich zum Feiertag will nun der Heimatverein, der auch das Museum ins Leben gerufen hat, einen Sammelband mit Erfahrungsberichten aus den Jahren der Teilung veröffentlichen.
Wer heute zwischen Bad Hersfeld und Eisenach unterwegs ist, der bemerkt nichts mehr von den Anlagen des sogenannten „antifaschistischen Schutzwalls“. Allein ein Schild an der Autobahn 4 weist dezent auf die ehemalige innerdeutsche Grenze hin. „Nur wenn die Farbe des Asphalts wechselt, erinnern wir uns daran, dass hier mal die Grenze war“, sagt Josef Keck. In den bewegten Tagen von 1989 war er Ortsvorsteher und hat den Grenzzaun im Ort mit eigenen Händen geöffnet: „Das war harte Arbeit, denn die Schrauben waren total eingerostet.“ Gemeinsam mit dem BGS habe er die letzten Absperrungen von der Fahrbahn geschweißt. Um neun Uhr morgens konnte sich eine Karawane aus Trabis nach Westen in Bewegung setzen. Rund 900.000 Mark Begrüßungsgeld habe die Gemeinde in den ersten Tagen nach der Wende ausgezahlt, für jeden DDR-Bürger gab es 100 Mark.
Autobauer locken mit Arbeitsplätzen
Auf den Flächen des ehemaligen Todesstreifens, die heute zu Thüringen gehören, ist das Leben wieder aufgeblüht. Es gibt ein gemeinsames Naturschutzgebiet, sowie, wenige Hundert Meter entfernt, ein kleines Gewerbegebiet. Doch die Firmenhallen in Sichtweite des Ortsschildes stimmen einige Obersuhler nachdenklich: „Manche der Gewerbe waren früher bei uns angesiedelt. Aber die Subventionen in Thüringen nach der Wende waren wohl zu verlockend“, sagt der Bürgermeister von Wildeck, der parteilose Jürgen Grau.
Der Wegzug der Firmen sei ein harter Schlag für die Gemeinde gewesen. Er sei jedoch erleichtert darüber, dass wenigstens die Arbeitsplätze in der Region geblieben seien. „Viele haben in Obersuhl ein Häuschen gebaut. Jetzt müssen sie halt nach Thüringen zum Arbeiten fahren.“ Die Gemeinde setze heute darauf, preiswerte Bauplätze für Interessierte aus Hessen und Thüringen anzubieten. „Wir wollen die gute Anbindung zwischen Eisenach und Bad Hersfeld nutzen“, sagt Grau. Der Preis dafür sei jedoch, dass Obersuhl eine „Durchreisegemeinde“ sei.
Die Beschäftigten bei Alsecco im ehemaligen Grenzstreifen sind nicht die Einzigen, die sich jeden Morgen auf den Weg zu ihrer Arbeitsstelle im Osten machen. In Eisenach locken zwei große Autobauer mit Arbeitsplätzen und gutem Gehalt. „Ich habe ganz gezielt nach einer Anstellung in Thüringen gesucht, nachdem meine vorige Firma in Bad Hersfeld in Schwierigkeiten kam“, sagt Oleg Mattern. Der 46 Jahre alte Mann arbeitet seit 1997 bei Opel in Eisenach. Dass er jeden Tag über die ehemalige innerdeutsche Grenze fahre, sei ihm nicht mehr bewusst: „Es ist so selbstverständlich geworden.“ Unter seinen Arbeitskollegen werde über Vorurteile zwischen Ossis und Wessis meist gelacht: „Es ist ein Spaßfaktor für uns.“ Auch Timo Vockenberg ist ein West-Ost-Pendler. Seine Ausbildungsstelle als Tischler hat er damals in Großensee in Thüringen gefunden. Im Westen gab es nur Absagen.
„Die Landschaft öffnet sich nach Osten“
Mattern und Vockenberg sind zwei von rund 270 Bürgern aus der Gemeinde Wildeck, die jeden Tag nach Thüringen fahren, um dort zu arbeiten. Nach Angaben des Hessischen Landesamtes für Statistik pendeln mittlerweile mehr Wildecker von West nach Ost als umgekehrt. „Es gibt einen gemeinsamen regionalen Arbeitsmarkt“, sagt Mario Greiner von der Arbeitsagentur Gotha. Gerade die Industriestandorte entlang der Autobahn 4 könnten einen deutlichen Aufschwung verzeichnen, „in Eisenach, Gotha und Jena bewegt sich zur Zeit etwas“. Auch die Lohndifferenzen existierten in den großen Betrieben nicht mehr.
Doch nicht nur Arbeitnehmer orientieren sich vermehrt in Richtung Thüringen, auch hessische Schüler fahren jeden Morgen über die Landesgrenze. „Das nächstgelegene Gymnasium ist in Gerstungen, viele Kinder aus Obersuhl besuchen es seit der fünften Klasse“, sagt Willi Müller, er war in den Wendejahren der Bürgermeister von Wildeck. Seiner Ansicht nach trägt das gemeinsame Lernen zum Abbau von Vorurteilen bei. „Der nächste Abiturjahrgang hat die DDR schon nicht mehr erlebt.“
Die enge Anbindung der Obersuhler an Thüringen erwächst nicht nur aus praktischen Erwägungen, sondern auch aus der Historie: „Die Landschaft öffnet sich nach Osten“, erklärt Dörffel vom Geschichtsverein „im Osten gibt es ein wunderbares Auengebiet, im Westen wird es sofort bergig und unwegsam.“ Nicht nur deswegen seien vor dem Krieg viele aus der nordosthessischen Gemeinde nach Berka oder Eisenach gefahren. „Der große Einkauf oder ein Besuch beim Arzt und Apotheker hat sich immer in Thüringen abgespielt.“ Mit der deutschen Teilung sei Obersuhl von seinen wirtschaftlichen und kulturellen Lebensadern abgeschnitten gewesen. Die Orientierung nach Westen, nach Bad Hersfeld oder Rotenburg sei vielen schwergefallen. Seit dem Fall der Mauer sind die gewachsenen Bindungen wiederbelebt worden, Freizeitvereine und Feuerwehren arbeiten nun eng zusammen. Für viele Hessen ist die Ländergrenze nach Thüringen wieder bedeutungslos geworden. Vor zwanzig Jahren hätte daran niemand gedacht.