Lastwagen, die sich auf der Bundesstraße 486 auf engem Raum begegnen, Fußgänger, denen an manchen Stellen ein Bürgersteig von kaum einem halben Meter Breite zur Verfügung steht – die rund 5.100 Einwohner des Dreieicher Stadtteils Offenthal haben sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte daran gewöhnen müssen, dass die Hauptverkehrsverbindung zwischen Rödermark und Langen den Ort durchquert und der Durchgangsverkehr sich vor den Häusern an Mainzer Straße und Dieburger Straße durch den Ortskern windet.
Eigentlich darf dort nur mit höchstens 30 Stundenkilometern gefahren werden, doch längst nicht jeder Autolenker hält sich an die Vorgabe. Täglich bis zu 30.000 Fahrzeuge passieren den Stadtteil Offenthal in ost-westlicher Richtung und umgekehrt. Im Berufsverkehr morgens und abends stauen sich die Fahrzeuge weit zurück. Vor allem die Kreuzung der B 486 mit der Messeler Straße, die in südlicher Richtung nach Messel führt, ist zu den Spitzenzeiten völlig überlastet.
Verkehrsbelastung sinkt um bis zu 74 Prozent
Die Ortsumgehung Offenthal soll die Verkehrsmisere beseitigen. Den ersten Spatenstich haben der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Jan Mücke (FDP), und der hessische Minister für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung, Dieter Posch (FDP), in ungewöhnlicher Form vollzogen. Statt zu versuchen, den Spaten in das schneebedeckte und gefrorene Erdreich zu rammen, setzten sie einen Speierling in den Boden: Eine sogenannte Ausgleichsmaßnahme, die die für den Straßenbau notwendigen Eingriffe in Natur und Landschaft kompensieren und gleichzeitig neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen schaffen soll, markierte den Bauanfang für die 3,3 Kilometer lange Straße.
Diese soll die Autos künftig in einem Bogen westlich und südlich an Offenthal vorbeiführen. Rund 12,2 Millionen Euro hat der Bund dafür zur Verfügung gestellt. Eine etwa vier Millionen Euro teure Ostspange, die das Land finanziert, schafft eine neue Verbindung von der B 486 zur Landstraße nach Dietzenbach. Nach Angaben von Posch wird die Verkehrsbelastung im Ortskern mit der Umgehungsstraße um bis zu 74 Prozent sinken. Der Dreieicher Bürgermeister Dieter Zimmer (SPD) erwartet an einer Stelle sogar einen Rückgang von bis zu 94 Prozent.
Schon 1963 mit der Umgehungsstraße befasst
In Anwesenheit zahlreicher Einwohner von Offenthal sprach Mücke von Steuergeld, das sinnvoll investiert werde. Die Menschen würden von Verkehr, Feinstaub und Dreck entlastet. Posch machte deutlich, Verkehr stärke die Wirtschaftsfunktion des Landes, sei aber auch mit Belastungen verbunden. Nötig sei, dagegen etwas zu tun. Durch die Umgehung werde der Schwerverkehr im Ortskern und damit auch der Lärmpegel deutlich abnehmen. Die Ortsumgehung „kommt dem Raum, zuerst aber den Menschen zugute“. Posch hatte drei Spatenstiche zu absolvieren – darunter auch jener für die Ortsumgehung Höchst im Odenwald. Zimmer sagte, es handele sich „um einen großen Tag und einen historischen Tag“. Viele Menschen hätten nicht mehr daran geglaubt, dass die Straße noch gebaut würde; mit dem Spatenstich sei bei vielen die Hoffnung zurückgekehrt, die Offenthaler Umgehung „doch noch erleben zu dürfen“.
Damit spielte Zimmer auf die lange Vorgeschichte des Projekts an: Seit fast 50 Jahren wird darüber diskutiert. Als Verwaltungslehrling bei der damals noch selbständigen Gemeinde Offenthal habe er sich schon 1963 mit der Umgehungsstraße befasst, erinnert sich der Offenthaler SPD-Ortsbezirksvorsitzende Walter Haller.
Wirtschaftswegebrücke
Ende der siebziger Jahre gab es Planungen für den „Odenwaldzubringer“; diese wurden jedoch 1993 vom Bundesverwaltungsgericht wegen Abwägungsdefiziten verworfen. Den Planfeststellungsbeschluss von 1984 hob das Land im Juli 1993 auf. Immer wieder setzten sich Kommunalpolitiker, aber auch die örtlichen Landtags- und Bundestagsabgeordneten für das Projekt ein.
Im September 2004 begann das Planfeststellungsverfahren; im Mai 2009 unterzeichnete Posch den Planfeststellungsbeschluss. Gegen die Umgehungsstraße sind noch einige Klagen vor dem Verwaltungsgerichtshof anhängig. Weil Sofortvollzug angeordnet wurde, können die Arbeiten aber schon beginnen. Im Frühjahr des nächsten Jahres soll eine Wirtschaftswegebrücke errichtet werden. Der Bau der Ortsumgehung wird rund drei Jahre in Anspruch nehmen.

