14.12.2008 · Mit allen Sinnen können die Besucher das Warensortiment begutachten - nur nicht mit ihren Augen. Das Dunkelkaufhaus ist eine neue Attraktion des Wetzlarer Optikparcours.
Von Wolfram AhlersKeine Reklame in schillernden Farben, keine Produktpräsentation in gleißendem Licht. Stattdessen führen Schleusen ohne jeden optischen Hinweis in das Gebäude. Am Ende steht der Besuche buchstäblich im Dunkeln. Mit schwarzen Stoffen und Spezialfolien sind Decken, Wände und Böden ausgekleidet, so dass kein Lichtstrahl in den Verkaufsraum fällt. Mit allen Sinnen können die Besucher das Warensortiment begutachten – nur nicht mit ihren Augen. Das Dunkelkaufhaus ist eine neue Attraktion des Wetzlarer Optikparcours. Gemeinsam mit anderen ausgewählten Objekten dieses Rundgangs stellt sich die mittelhessische Stadt beim Bundeswettbewerb „Land der Ideen“ vor. Wetzlar ist „ausgewählter Ort“ dieser Kampagne unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler, die außergewöhnliche Projekte zur Aufwertung von Städten und Gemeinden bekannt machen will.
Mit dem Konzept des Optikparcours hatte Wetzlar im vergangenen Jahr einen ersten Preis beim Bundeswettbewerb zur Belebung von Innenstädten gewonnen. In diesem Jahr wurde der aus rund zwei Dutzend Stationen bestehende Erlebnispfad in zwei Abschnitten aufgebaut. Als eine Art Mitmachmuseum unter freiem Himmel will der Parcours quasi im Vorbeigehen spielerisch Wissenswertes zu visuellen Phänomenen vermitteln. Der Rundgang soll neben historischen Stätten einen weitern Anziehungspunkt für Touristen bilden und zugleich Kunden aus dem neuen Einkaufszentrum am Bahnhof in die Innenstadt locken.
Prismenbrunnen vor dem Lahnhof fertiggestellt
Die optische Industrie, traditionsreicher und nach wie vor bedeutendster Wirtschaftszweig Wetzlars, verspricht sich von dem Parcours auch Werbung in eigener Sache. Der Optikparcours gilt nicht zuletzt als bemerkenswertes Beispiel, wie sich eine ganze Stadt für ein Projekt engagiert, von dem alle profitieren. Politik, Wirtschaft, Kultur, Schulklassen und viele Bürger haben mitgewirkt, dieses von Stadtmarketing, Magistrat und Studenten um den Professor für Stadtentwickelung, Jürgen Erbach, entwickelte Vorhaben zu verwirklichen. Auch die Europäische Union unterstützte das Millionenprojekt mit Geld aus dem Regionalfonds.
Zu den Objekten, die Wetzlar zum Tag des „ausgewählten Orts“ besonders heraushebt, zählt unter anderem der vor kurzem fertig gestellte und mit Bürgerspenden finanzierte Prismenbrunnen vor dem Lahnhof, der farbiges Licht als Phänomen unterschiedlicher Wellenlängen darstellt. Das überdimensioniere Augenmodell vermittelt dem Betrachter einen Eindruck von der Konstruktion unseres Sehorgans und zeigt zugleich, welcher Anteil das Gehirn an der Sehleistung hat. Eine sich drehende Röhre inmitten der Altstadt bringt den Betrachter an die Grenzen seiner Fähigkeit, sein Umfeld mit dem Auge zu kontrollieren. Vor dem alten Rathaus steht der Beuchet-Stuhl, der perspektivische Täuschungen demonstriert.
Getränke im Dunkelcafé
Quasi als Kontrapunkt zu all den Exponaten, die sich mit dem Sehen in unterschiedlichster Form befassen, steht das Dunkelkaufhaus. Eingerichtet wird dieses Experiment in einem ehemaligen Kaufhaus in der Neuen Innenstadt. In mehreren Räumen sind Produkte verschiedener Abteilungen ausgestellt. In der Parfümerie geht es beispielsweise darum, mit der Nase Duftwässer und Seifen zu identifizieren. Haushaltswaren vom Topf bis zum Putzlappen gilt es in einem anderen Raum durch Tasten aus Regalen und Körben herauszufinden. Wer will, kann im Kleiderladen in der Finsternis versuchen, die passende Hose, die Jacke mit der richtigen Größe zu finden. Wer all dies geschafft hat, kann sich im Dunkelcafé Getränke auftischen lassen und dabei den Geschmackssinn schärfen. Hilfe und Tipps bekommen die Besucher von Blinden, die durchs Kaufhaus führen.
Wolfram Ahlers Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.
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