06.08.2007 · Noch in diesem Jahr soll das Archiv des Internationalen Suchdienstes, der größten NS-Opferkartei der Welt, für die Forschung geöffnet werden. 17,5 Millionen Personen wurden hier erfasst. Darunter Anne Frank und die Juden auf „Schindlers Liste“.
Von Rainer SchulzeDie Geschichte des Häftlings mit der Nummer 89553 endet im Januar 1945. Zu dieser Zeit findet sich der Name „Schikowski“ auf einer Transportliste in ein Vernichtungslager. Schon 1944 saß ein Herr „Zychowski“ im Konzentrationslager Buchenwald – auch er hatte die Häftlingsnummer 89553. Im November 1944 war im Häftlingskrankenbau im Außenlager Harzungen der Häftling „Fikowski“ untergebracht. Im Dezember 1944 lag ein Herr „Jekowski“ im Hospital in Dora-Nordhausen. Die Häftlingsnummer stimmte immer überein. Vier Namen, eine Nummer, eine Identität.
In der Zentralen Namenskartei des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes werden sie auf einem gelben Kärtchen zusammengeführt. Es gibt 156 Versionen, den Namen Schwartz zu schreiben, 849 verschiedene Varianten für Abramovitsch. Um zu vermeiden, dass ein Name falsch zugeordnet wird, hat sich der Internationale Suchdienst für eine phonetische Schreibweise entschieden. Damit, wer nach Herrn Schikowski, Herrn Schwartz oder Herrn Abramovitsch sucht, sie auch finden kann.
Hier liegt „Schindlers Liste“
Millionen dieser Kärtchen – Name, Vorname, Verwandte, Todesursache, Todesdatum – lagern an der Großen Allee in einem Reihenhaus. Sie stehen am Beginn der Suche nach den Verfolgten, Opfern und Zwangsarbeitern des nationalsozialistischen Regimes. Auf Dokumenten der Kriegsjahre und der Nachkriegszeit haben sie Spuren hinterlassen.
Die gelben Kärtchen in der Zentralen Namenskartei sind der Schlüssel zu 17,5 Millionen Biographien, die einen Weg in das Archiv des Internationalen Suchdienstes fanden. Mehr als 30 Millionen Unterlagen lagern dort – im größten NS-Opfer-Archiv der Welt. Dort liegt „Schindlers Liste“ – jene Namensliste, mit der der Unternehmer Oskar Schindler 1200 Juden vor der Ermordung in Auschwitz bewahrte. Dort ist auch vermerkt, dass ein Mädchen namens Anne Frank am 3. September 1944 von Westerbork in den Niederlanden nach Bergen-Belsen deportiert wurde.
Seit 1946 ist der Internationale Suchdienst, zunächst noch als „Central Tracing Bureau“ der Vereinten Nationen, in der nordhessischen Kleinstadt beheimatet. Bad Arolsen empfahl sich durch seine zentrale Lage inmitten der vier Besatzungszonen als Standort für die Opferkartei. Zudem war die Stadt unzerstört. Die ehemalige SS-Kaserne diente zunächst als Sitz, bevor das Archiv unter seinem heutigen Namen 1952 in die neuen Gebäude an der Großen Allee zog. Stellte man die Akten in eine Reihe, wäre sie länger als 26 Kilometer. Nach dem Fall der Mauer kamen aus den Archiven der DDR zahlreiche Dokumente hinzu – viele Menschen erfuhren erst dann vom Schicksal ihrer Angehörigen. Noch immer wächst der Bestand Jahr für Jahr um 250 neue Dokumentenmeter.
Schutz der persönlichen Interessen der Opfer
Die Suchaufträge kommen aus der ganzen Welt. Besonders die Enkelgeneration aus Amerika interessiert sich für das Schicksal ihrer Vorfahren. Zwei Monate dauert es in der Regel, bis sie eine Antwort erhalten. Einige kommen auch persönlich vorbei. Auf Wunsch werden Originaldokumente eingescannt, auf eine CD gebrannt und zugeschickt. Geburtsurkunden, Unterlagen der Krankenkassen, Arbeitseinsatzkarten aus den Konzentrationslagern – mit viel Glück steht der gesuchte Name auch auf einer Emigrationsliste. Rund 200.000 Anfragen gingen im vergangenen Jahr in Bad Arolsen ein. Doch nur für den kleinsten Teil der Dokumente gibt es Suchaufträge. Bisher wurde erst zu 2,9 Millionen der 17,5 Millionen archivierten Opfer recherchiert.
Das kann sich bald ändern. Stand das Archiv bislang nur den Angehörigen und den Opfern selbst offen, wird der Internationale Suchdienst auch bald Forscher begrüßen. Die elf Staaten, denen das Archiv untersteht, einigten sich im vergangenen Jahr auf die Öffnung der Opferkartei. Einige Länder müssen die entsprechenden Papiere noch ratifizieren. Der Direktor, Reto Meister, rechnet damit, dass das Archiv noch in diesem Jahr geöffnet wird. „Wir haben eine Lösung gefunden, die auch dem Datenschutz gerecht wird.“ Bisher hätten sich schon einige Historiker angemeldet.
Sie müssen sich verpflichten, persönliche Daten vertraulich zu behandeln. Das Archiv war schon vor Jahren in die Kritik geraten, weil Forschern der Blick in die Akten verwehrt worden war. Der Suchdienst verzögere absichtlich die Arbeit, um die Existenz zu sichern, lautete ein Vorwurf. Das lange Prozedere sieht Meister im Schutz der persönlichen Interessen der Opfer begründet. „Sie hatten Vorrang vor der historischen Bedeutung.“ Er rechnet fest damit, dass sich im Archiv noch „Schätze“ für die Forschung finden. „Die Dokumente gehören zur Menschheitsgeschichte.“
Datenbestand wird digitalisiert
Reto Meister sitzt erst seit einem halben Jahr auf dem Direktorenstuhl. Traditionell liegt die Leitung der Opferkartei in der Hand eines Schweizers. 1955 fragte Konrad Adenauer den Präsidenten des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, ob seine Institution zur Leitung bereit wäre. „Das sollte Unparteilichkeit garantieren“, sagt Meister. Der 54 Jahre alte Schweizer arbeitet seit 25 Jahren für das Rote Kreuz und war zuvor Generaldirektor für Asien und Pazifik. Schon als Junge habe ihn der Holocaust geprägt. „Ohne Bezug zur Leidensgeschichte kann man hier nicht arbeiten. Wir stellen kein Telefonbuch her, sondern leisten humanitäre Arbeit.“
Am 6. Juni 1955 wurde ein dem Suchdienst vorstehender Internationaler Ausschuss eingerichtet, seine Mitglieder sind die Länder Belgien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Israel, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Deutschland verpflichtete sich, den Suchdienst zu finanzieren – in diesem Jahr beträgt der Etat rund 14 Millionen Euro. Das Archiv wurde mit dem humanitären Auftrag gegründet, Auskunft über das Schicksal von Verfolgten des NS-Regimes zu geben und Familien wieder zusammenzuführen. Der neue Direktor will mit der Öffnung des Archivs auch die Zusammenarbeit mit der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington vertiefen.
Der gesamte Datenbestand wird derzeit digitalisiert. Die 320 Mitarbeiter haben mit der Digitalisierung begonnen. In der Zentralen Namenskartei führt Angelika Dwojatzki Karte um Karte über den Scanner. Manchmal fällt ihr Blick auf die Rückseite der Karten und die dort eingetragenen Geburtsdaten der Opfer. „Das waren überwiegend junge Männer. Jede Mutter berührt das.“ Damit die Namen auf dem vergilbten Papier nicht vollends verblassen, werden alle Karten digitalisiert. Zunächst die Dokumente aus den Konzentrationslagern. Sie machen ein Drittel des Bestands aus. Dann die Schriftstücke aus der Nachkriegszeit: Emigrations- und Registrierungslisten dokumentieren das weitere Schicksal der früheren Häftlinge oder Zwangsarbeiter. Das Papier wurde mit der Zeit sauer und porös. In den sechziger Jahren waren die Kärtchen laminiert worden. Jetzt wird Zettel für Zettel mühsam getrennt und in eine Entsäuerungsmaschine gegeben.
Akten aus den Konzentrationslagern
In einem Regal der Abteilung „Kriegszeitdokumente“ finden sich in Ordnern Listen mit Ausländern, die während des Kriegs bei der AOK Mülheim/Ruhr erfasst waren. Darunter etliche Belgier, die als Zwangsarbeiter die deutsche Kriegsindustrie am Laufen hielten. Auch der Arbeitgeber ist vermerkt. Einen wichtigen Dienst erwies diese Kartei für die Entschädigung von Zwangsarbeitern. Zwischen 2000 und 2004 gab der Suchdienst 950.000 Auskünfte an den Entschädigungsfonds.
In der „KL-Abteilung“ erlischt häufig die Spur. Das Wort Konzentrationslager nimmt hier niemand in den Mund. Von „Auschwitz“ bis „Welzheim“ sind die schweren Stahlschränke beschriftet, die surrend zur Seite fahren, wenn jemand die Handkurbel dreht. Darin findet sich alles, was die Alliierten nach Befreiung der Lager zusammentrugen. Das war nicht immer viel. Zahlreiche Akten hat die SS vor Kriegsende vernichtet. Dennoch steht der Name Auschwitz gleich auf mehreren Schränken. Aus Buchenwald und Dachau konnten die gesamten Unterlagen gesichert werden. „Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Je weiter östlich ein Lager lag, desto lückenhafter sind unsere Informationen“, sagt Maria Raabe, Direktionsassistentin und Pressesprecherin. Aus den Vernichtungslagern sind nur die Transportlisten vollständig.
In den Schriftstücken spiegelt sich die Bürokratisierung der Verfolgung unter dem nationalsozialistischen Regime: Von Eheschließungen über Geburten und Grabstätten bis hin zu ärztlichen Attesten wurde penibel Buch geführt. Eine Effektenliste des politischen Häftlings Heinrich Diehl listet neben den Gegenständen, die er bei der Einlieferung abgegeben hat, auch seinen Gesundheitszustand auf: ein Kamm, zwei Manschettenknöpfe, Zähne lückenhaft, Bronchitis vom 16.7. bis 18.7.39. Sogar über die Anzahl der Läuse auf dem Kopf gibt es Vermerke. Im Lager Neuengamme fanden die Befreier noch 4300 Effektenumschläge. Fotos, eine Puderdose, ein Lippenstift, eine Kette, einen Ring. 2700 Umschläge konnten durch die bisherige Recherche in der Kartei an die Angehörigen oder sogar die Besitzer selbst übergeben werden. Zu den 1600 übrigen gibt es keine Spur. 15 Millionen Opfer kommen als Berechtigte in Frage. Maria Raabe seufzt. „Wo sollen wir denn anfangen zu suchen? Das ist der Wahnsinn.“
Akten schließen
Marcel Meier (MarcelMeier)
- 07.08.2007, 11:42 Uhr
Akten vernichten.
Marcel Meier (MarcelMeier)
- 07.08.2007, 20:06 Uhr