12.09.2009 · Teile von Opel soll an Magna verkauft werden - darüber sind die meisten Rüsselsheimer erleichtert. Trotzdem sehen sie schwere Zeiten auf sich zukommen.
Von Marcel Giersdorf, RüsselsheimKarl-Heinz Geiler kennt das Ritual, er beobachtet es jeden Tag: Kaum haben die Glocken der Stadtkirche ausgeläutet, strömen die Opel-Mitarbeiter auf den Bahnhofsplatz. Es ist kurz nach zwölf, Zeit für die Mittagspause. „Die gehen jetzt alle in die Pizzeria oder zum Bäcker, manche holen auch gleich 20 Döner, für die ganze Abteilung“, sagt der 62 Jahre alte Taxifahrer. „Wenn es Opel nicht gäbe, dann könnten die alle zumachen.“
Doch das will sich der braungebrannte Mann mit der Goldkette um den Hals lieber nicht vorstellen. Deswegen ist Geiler froh, dass endlich eine Lösung gefunden wurde; überzeugt, dass jetzt alles besser wird, ist er aber nicht: „Das ist nur die beste aller schlechten Lösungen. Arbeitsplätze werden trotzdem abgebaut.“ Wie schlecht es Opel wirklich geht, spürt Geiler jeden Tag selbst. Seit 27 Jahren fährt er in Rüsselsheim Taxi. Er hat schon einige Krisen erlebt, aber noch nie seien die Geschäftsleute von Opel lieber in die „dreckige S-Bahn“ gestiegen anstatt zu ihm ins Taxi. Er geht fest davon aus, dass noch Jahre vergehen werden, bis sich wirklich etwas ändert. Geiler nimmt eine Zeitung zur Hand und stellt sich darauf ein, dass er jetzt eine ganze Weile auf den nächsten Fahrgast warten wird.
Endlich eine Entscheidung, endlich ein Konzept
In Blickweite des Taxifahrers verlässt Silvia Braun das Opelwerk. Die 49 Jahre alte Angestellte arbeitet seit 30 Jahren für den Autobauer. Jetzt fühle sie sich besser, sagt sie. Endlich eine Entscheidung, endlich ein Konzept – das denken die meisten, die heute durch das Werkstor gehen. Illusionen machen sich die Opelaner trotzdem nicht. „Wir haben eine neue Chance, aber Arbeitsplatzabbau kann man nicht ausschließen“, sagt Braun. Eine Opel-Pleite, da ist sie sich sicher, hätte den Niedergang der Region bedeutet. Die zierliche Frau eilt davon. Auf dem Bahnhofsplatz ist es wieder etwas ruhiger geworden.
In einem Eiscafé sitzen Liselotte Götze, 73 Jahre alt, und Edeltraud Rexer, 50 Jahre alt. Wie viele in Rüsselsheim sind sie eng mit Opel verbunden, obwohl sie selbst nicht im Werk arbeiten. Rexer ist Hausfrau, aber ihr Mann arbeitet bei Opel. Götze ist Rentnerin, stand früher drei Jahrzehnte für den Konzern am Band. „Ich habe mir Magna gewünscht“, sagt sie, „General Motors hat jahrelang viel zu viel Geld abgezogen.“ Aber optimistisch könne man deswegen nicht in die Zukunft schauen, darin sind sich die Frauen einig. Der ganzen Wirtschaft ginge es schließlich schlecht und auch bei Opel würden bald Arbeitsplätze wegfallen, sagt Rexer.
„Hoffen wir mal sehr, dass bald wieder bessere Zeiten kommen“
Wovon sich der Pessimismus der Frauen herleitet, zeigt sich bei einem Gang durch die Rüsselsheimer Innenstadt. Viele Geschäftsräume stehen dort leer, in einigen Schaufenstern kündigen Pappschilder Räumungsverkäufe an.
„Man merkt die Unsicherheit, die Kunden sind zurückhaltend“, sagt Doris Schwalbach. Die 52 Jahre alte Geschäftsfrau steht in ihrem Kindermodengeschäft an einer Seitengasse, um sie herum hängen Strampler, Söckchen und bunte Jacken. Nur Kunden sind keine im Geschäft. „Wenn es den Opelanern gutgeht, dann geht es auch den Geschäften in Rüsselsheim gut“, weiß Schwalbach aus Erfahrung. „Es ist schön, dass wir jetzt ein Ergebnis haben, aber was danach kommt, weiß man noch nicht“, sagt sie über den Magna-Deal. „Hoffen wir mal sehr, dass bald wieder bessere Zeiten kommen.“
Erst einmal überwiegt in Rüsselsheim aber die Hoffnung
„Auf der einen Seite ist Opel ein Mythos in dieser Stadt, aber auf der anderen Seite hat die Firma doch seit Jahren keine gute Rolle mehr in Rüsselsheim gespielt“, sagt Annette Mehlhorn, die Pfarrerin der Stadtkirchengemeinde. Opel habe in den letzten Jahren immer mehr Arbeitsplätze abgebaut, keine Steuern gezahlt und keine Form kulturellen oder gesellschaftlichen Engagements an den Tag gelegt, sagt sie. Dennoch ist Opel nach Mehlhorns Einschätzung untrennbar mit Rüsselsheim verbunden. „Die Stadt tut sich schwer damit, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ohne Opel würde auch der letzte Baustein der Rüsselsheimer Identität wegbrechen.“ Dann, so die Pfarrerin, würden die Menschen in eine kollektive Depression verfallen.
Erst einmal überwiegt in Rüsselsheim aber die Hoffnung. „An irgendetwas muss man sich ja klammern“, sagt Karl-Heinz Geiler, der Taxifahrer. Kaum eine Minute später kann er in der Reihe nach vorn fahren. Vielleicht findet sich ja doch noch ein Opel-Manager, der lieber mit dem Taxi als mit dem Zug zum Flughafen fährt.