20.12.2008 · Opels Antwort auf die Krise, der Hoffnungsträger „Insignia“, ist im Rüsselsheimer Design-Zentrum entwickelt worden. Mehr als 350 Mitarbeiter sind dort beschäftigt – in geheimer Mission.
Von Peter BadenhopEs ist ein bisschen wie Kino. Nur besser. Die Sessel sind bequemer, die Luft angenehmer – und das Bild ist unglaublich. Dreidimensional und unvergleichlich scharf. Mit 3-D-Brille und elektronischem Zeigestock nimmt Malcolm Ward die Besucher mit auf die Reise in das rote Auto. Ist der Blick auf das Äußere des Wagens noch halbwegs konventionell, wird es im Inneren atemberaubend plastisch. Das Lenkrad ragt in den Raum hinein, die Mittelkonsole ist zum Greifen nah. Ohne sich von seinem Sitz zu erheben, kann der Betrachter dem Wagen praktisch bis in den Aschenbecher gucken oder wie eine Fliege auf das Armaturenbrett schweben und dessen Oberfläche aus wenigen Millimeter Entfernung erkunden.
„Diese Technik erleichtert uns die Arbeit ungemein“, sagt der 43 Jahre alte Ward. Er ist Designer im Rüsselsheimer Opel-Entwicklungszentrum, und der „Virtual Reality“-Raum ist eines seiner wichtigsten Werkzeuge. Mit Hilfe der 3-D-Technik können er und seine Kollegen die Ergebnisse ihrer Arbeit weiterentwickeln, korrigieren und vor allem Ingenieuren, Konstrukteuren und ihren Chefs zugänglich machen – ohne ständig neue, extrem aufwendige Modelle anfertigen zu lassen. „Und über unsere Datenbank können wir auch weltweit kommunizieren, mit unseren Kollegen in Detroit, São Paulo oder Melbourne.“
Von der Karosseriewerkstatt zum Auto-Design-Zentrum
Was in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als „Karosseriewerkstatt“ begonnen hat, ist heute eines der modernsten Auto-Design-Zentren weltweit. General Motors, die derzeit gewaltig angeschlagene, amerikanische Mutter des Opel-Konzerns, betreibt insgesamt elf solcher Ideenschmieden mit fast 5000 Mitarbeitern – die größte im heimatlichen Detroit, die zweitgrößte am Main. Rund 350 Leute mit 19 Nationalitäten arbeiten in den beiden Gebäuden am Rüsselsheimer Rugbyring – auch an Wagen anderer GM-Töchter wie Saab, Vauxhall und Saturn, und außerdem im „Advanced Design“, sprich an allen möglichen Zukunftsvisionen.
Malcolm Ward, Engländer, ist einer von 70 Designern dort. Der neue „Insignia“ ist gewissermaßen sein Baby. Der Vater von Zwillingssöhnen und einer kleinen Tochter hebt allerdings hervor, dass Auto-Design Teamarbeit sei. „Der beste Designer der Welt kann ohne Kommunikation gar nichts erreichen“, pflichtet ihm Bertrand Bach bei. Der Franzose hat in den vergangenen Jahren in Wards Gruppe gearbeitet und weiß, wie entscheidend eine gute Zusammenarbeit von Kreativen und Technikern ist. Autobau ist eine komplexe Sache, da muss jedes Detail besprochen, jede noch so kleine Veränderung abgestimmt werden.
Bei der Entwicklung des „Insignia“ in den vergangenen vier Jahren hat das offenbar gut geklappt. „Alle waren sofort Feuer und Flamme für die neue Optik“, erinnert sich Chefdesigner Ward. „Wir wollten ein Auto, über das die Leute sagen: Wow, das ist ein Opel?“ Und dann springt dem Dreiundvierzigjährigen die Begeisterung förmlich aus den Augen, wenn er von der neuen „Formensprache“ bei Opel spricht, von Bewegung und Schwung, Sportivität und Emotion, Harmonie und perfekter Linienführung. Und davon, dass der „Insignia“ mit dem biederen „Vectra“ nichts mehr zu tun hat und es mit den etablierten Premium-Marken aufnehmen kann – und soll. „Ich sehe einfach nicht ein, dass gutes Design nur von BMW, Mercedes oder Audi kommt“, sagt Ward.
Vom „Virtual Reality“-Raum sind es nur ein paar Schritte zum Flur. Der ist ungewöhnlich breit, an den Wänden hängen Bilder von – natürlich – Autos und Autostudien, sonst aber ist an dem langen Gang nichts Außergewöhnliches. Und doch ist er so etwas wie das Allerheiligste im Design-Center. Hinter den Türen und den kleinen Rolltoren entstehen die Opels der Zukunft. Zutritt strengstens verboten. Selbst der Flur ist normalerweise Sperrgebiet. Ward und die anderen Designer tüfteln hier in sogenannten Studios an den Modellen kommender Auto-Generationen.
Probieren, probieren, probieren
In jedem dieser acht Design-Shops kümmert sich ein Team um ein bestimmtes Detail oder eine Aufgabenstellung. Dazu kommen Abteilungen und Werkstätten für Farben und Ausstattungen, Komponenten, Qualität und Modellbau. Hunderte, Tausende Skizzen, Zeichnungen, Animationen und Modelle werden dort angefertigt, bevor ein neues Auto das Licht der Welt erblickt. Auch die berühmten „Clay-Models“: Auto-Modelle aus braunem Ton im Maßstab 1:3 oder 1:1. Sie sind trotz aller 3-D-Technik noch immer unverzichtbar, weil sie den Entwicklern oft den besten Eindruck davon vermitteln, wie ihre Ideen in der Realität wirken. Mit ihrer Hilfe können Formen und Flächen immer wieder schnell angepasst und verändert werden. „Wir diskutieren über jedes Detail“, sagt Ward, „und probieren, probieren, probieren. Farben, Flächen, Formen, Materialien – einfach alles und in allen Kombinationen.“
Beim „Insignia“ vier Jahre lang. Dann kam Mitte November die Auszeichnung zum „Auto des Jahres 2009“, vergeben von einer internationalen Fachjournalisten-Jury. Darüber haben sich die Opel-Designer gefreut wie kleine Jungs über ihren ersten Fußball-Pokal. „Das ist schon eine riesige Bestätigung“, sagt Ward. Viel Zeit, ihren Triumph auszukosten, hatten sie allerdings nicht. Dafür ist die Lage bei GM und Opel zu angespannt. Und außerdem sind sie – jetzt da der „Insignia“ produziert und verkauft wird – längst mit neuen Projekten beschäftigt. Womit genau? Das ist natürlich geheim.
Die wichtigsten Designinnovationen entstehen anderswo
Andreas Breuer (IUSTINUS)
- 21.12.2008, 22:50 Uhr