14.09.2011 · In Offenbach wird ein neuer Rathauschef gewählt. Doch interessiert das nur eine Minderheit. Der Offenbacher Psychologe Gross über Nichtwähler, Konsumhaltung und die Glaubwürdigkeit von Politik.
Von Anton Jakob Weinberger, OffenbachWerner Gross ist ein Spezialist für Krisen, vorwiegend Lebenskrisen, in die der Einzelne gerät. Ob Karriere-Knick, das Ausgebranntsein im Beruf, die Flucht in die Sucht, mal mit, mal ohne Drogen: Für den 61 Jahre alten, in Offenbach ansässigen Psychologen, den seit der Finanzkrise auch viele Frankfurter Bankleute aufsuchen, deren Karriere bedroht ist, spiegeln solche Krankheiten die gesellschaftliche Entwicklung wider. Die mit 25,3 Prozent äußerst geringe Beteiligung der Bürger beim ersten Durchgang zur Oberbürgermeisterwahl in Offenbach am 4. September hat Gross aufhorchen lassen: „Das waren keine Wutbürger, die zu Hause geblieben sind, um es denen da oben mal zu zeigen. Diese Nichtwähler sind noch nicht mal wütend. Salopp gesagt: Ihnen geht alles am Arsch vorbei.“
Im Gegensatz zu den Stuttgarter „Wutbürgern“, die mit dem Projekt eines unterirdischen Bahnhofs („Stuttgart 21“) ein motivierendes und mobilisierendes Feindbild besäßen, fehlt dieses laut Gross in einer Stadt wie Offenbach. Dabei sieht der Psychologe, der in der Stadt am Main seit dem Jahr 1992 wohnt und in einem der sozial schwierigen Viertel unweit des Bahnhofs seine Praxis hat, genügend Konfliktpotential – ob es sich um die überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit, die große Zahl von Menschen, die von staatlichen Leistungen leben, oder den mit 31 Prozent weiterhin starken Anteil von Zuwandern handelt.
Ein „Offenbacher Spezifikum“
Den hohen Migrantenanteil, nahezu jeder zweite der rund 120.000 Offenbacher hat ausländische Wurzeln, sieht Gross als ein „Offenbacher Spezifikum“. Für diese Menschen bewegten sich die hiesigen Politiker in einer völlig anderen Sphäre: „Es herrscht eine große Ferne zur deutschen Politik.“
Doch die Politiker, jene in Berlin ebenso wie die in Offenbach, haben sich laut Gross nicht nur von den Subkulturen entfernt, in denen die Migranten lebten, sondern auch von der Lebenswirklichkeit der deutschen Wähler. Gross deutet auf ein Phänomen, über das im Alltag nicht gerne gesprochen werde: „Wir sind eine angstmotivierte Gesellschaft.“ Sicherlich sei die Angst eines Bankers um seinen Arbeitsplatz eine andere als die eines Dachdeckers, dessen kleine Firma pleite sei. Doch beide stünden unter einem ungeheuren psychischen Druck. Hinzu komme das Tempo der Veränderungen in der Arbeitswelt, in den Kommunikationsformen und der Gesellschaft: „Viele Leute können nicht mehr mithalten und laufen als emotionale Pulverfässer durch die Gegend.“
„Die Themen müssen stimmen“
Können Kommunalpolitiker auf solche Probleme Antworten finden? Im Besitz eines Patentrezepts ist der renommierte Psychologe, in dessen Gemeinschaftspraxis auch Migranten und Hartz-IV-Empfänger zur Therapie kommen, nicht. Doch zwei Hinweise gibt er dennoch: „Die Themen müssen stimmen, um die es einem Politiker geht. Und als Politiker muss er glaubwürdig sein.“
Ob das in der Offenbacher Oberbürgermeisterwahl der Fall war und ist? Gross enthält sich des Urteils. Er sagt nur: „Die Leute fragen sich, wo zeigt ein Politiker bloß seine Fassade, wo ist er echt, authentisch.“ Die Glaubwürdigkeit der Person sei entscheidend. Glaubwürdige Politiker zu finden, werde aber immer schwieriger. Selbst ein Politiker mit einem hohen Grad an Glaubwürdigkeit wie zu Guttenberg habe am Ende versagt und enttäuscht. Derlei Erfahrungen schlügen sich auch in kommunalen Wahlen nieder.
Die Flucht des Wählers
Doch Gross mag nicht nur die Politiker schelten. Deren Bedeutung sei nämlich marginalisiert, wie sich in der Finanz- und der Schuldenkrise zeige, in der die Politik zum Erfüllungsgehilfen herabgestuft worden sei. Bei den Wählern habe sich eine „Konsumhaltung gegenüber der Politik“ eingestellt. Das Motto lautet: „Mach‘s mir, aber so, dass es für mich leicht ist.“
Die diffusen Phantasien vieler Wähler – deren „Wohlfühlbedürfnis“ – könnten Politiker nicht erfüllen. Im Kern handele es sich um einen innerpsychischen Konflikt des Wählers, der der Frage auszuweichen versuche: „Was will ich eigentlich?“ Nicht zuletzt aufgrund der Konsumhaltung rechnet der Psychologe hierzulande mit einer weiter sinkenden Wahlbeteiligung. Selbst wählen zu gehen, auch beim Stichentscheid in der Offenbacher Oberbürgermeisterwahl an diesem Sonntag, steht für Gross außer Frage: „So ununterscheidbar wie die Produkte in der Waschmittelreklame sind die Politiker noch nicht.“
Seit wann interessieren sich die Politiker fuer 'was der Waehler' will
karin stutz (strohausen)
- 14.09.2011, 16:01 Uhr
Offenbacher Spezifikum
Michael Seip (Mike63)
- 14.09.2011, 15:13 Uhr
Schwarzer Sozialismus
Wolfgang G. Runte (Wolluc)
- 14.09.2011, 16:38 Uhr
Anton Jakob Weinberger Jahrgang 1949, Korrespondent für die Rhein-Main-Zeitung mit Sitz in Offenbach.
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