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Veröffentlicht: 01.05.2017, 18:02 Uhr

Oberursel Unfreiwilliger Slalom und schwarze Tüten auf dem Acker

Rückstandsfrei ist die Beziehung zwischen Hund und Mensch nicht. Die Hinterlassenschaften der Vierbeiner nerven viele - vor allem auf Wiesenlandschaften.

von , Oberursel
© Cornelia Sick Erleichterungsfläche: Im Maasgrund in Oberursel gehen viele Bürger mit ihren Hunden spazieren. Bei einem Ortstermin gab es Klagen über deren Haufen.

Rüdiger Reul versucht es mit Zahlen: „2000 Hunde gibt es in Oberursel, die zweimal am Tag müssen.“ Den daraus resultierenden Haufen von fast 1,5 Millionen Häufchen im Jahr will man sich nicht unbedingt vorstellen. Zieht man acht Stunden am Tag für die Nachtruhe ab, ließe sich die Bedeutung des anrüchigen Themas auch als Stakkato von vier Häufchen in der Minute beschreiben, wie der Oberurseler ausgerechnet hat. „Kein Wunder, dass alle Wiesenränder zugekotet sind.“

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Reul wohnt am Maasgrund, einer Wiesenlandschaft, die sich vom Waldrand am Altenhöfer Weg bis zur Königsteiner Straße zieht. Weil dort keine Zäune stehen, aber Wege hindurchführen, entsteht der Eindruck eines Parks. „Doch fast alle Flächen werden bewirtschaftet.“ Mit einem sogenannten Blühstreifen, auf dem dank spezieller Samenmischungen den ganzen Sommer über bunte Blüten zu sehen sind, wollte Reul sowohl Spaziergänger erfreuen als auch einen Beitrag zur Artenvielfalt leisten.

„Dann die Leinen ab und los geht’s“

„Aber mit Hundehaufen dazwischen macht die Pflege keinen Spaß.“ Ein Hinweisschild, dass es sich um privaten Grund und kein Hundeklo handele, war nach einem Tag vollgekritzelt und nach zwei Tagen schwarz überlackiert. Zwei Grundstücke mitten im Maasgrund hat Reul an die Stadt verkauft. Das mit Hundekot durchsetzte Gras wollten die Pferde nicht fressen. „Die Heuballen mussten wir entsorgen.“ Die Hinterlassenschaften von Vierbeinern machen nicht nur in der Innenstadt Ärger, wenn sie von den Hundehaltern nicht gleich eingesammelt werden. Auch Bauern klagen darüber, dass Felder und Äcker als Auslauffläche zur Erleichterung von Vierbeinern genutzt werden.

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„Wer will schon zugekackte Lebensmittel?“, fragt Ortslandwirt Jörg Steden ebenso rhetorisch wie drastisch. Dabei hat er selbst seit jeher Hunde und weiß, dass sie Auslauf benötigen. Aber er wünschte, die Tiere anderer Halter würden ihr Geschäft auf dem Weg machen, damit es von Frauchen oder Herrchen mit der Plastiktüte gleich entsorgt werden kann. Immer häufiger sieht er professionelle Hundeausführer, die mit einem halben Dutzend Tieren quer über das Feld laufen. „Dann die Leinen ab und los geht’s.“ Das Thema Hundekot ist ebenso leidig wie emotional. Das weiß Stadtkämmerer und Ordnungsdezernent Thorsten Schorr (CDU), seit er im Februar Frauchen und Herrchen mit einer Pressemitteilung an die Sammelpflicht gemahnt hat. Denn leider hätten weder die mit Plastiktüten gefüllten „Dog-Stations“ noch Kontrollen der Ordnungspolizei oder die drohenden Bußgelder Wirkung gezeigt. Das Echo im Internet auf seinen Appell ließ nicht lange auf sich warten. Wenigstens passte der Begriff „Shitstorm“ zum Grund der Erregung über die „Hundehasser in der Stadtverwaltung.“ Aber es meldeten sich auch zwei Initiativen von Hundehaltern, die sich im Maasgrund und in Weißkirchen ans Aufsammeln von Fremdhäufchen machten. „Beispielhaft“, sagt der Ordnungsdezernent zu der Aktion. Ihm gehe es doch nur um die Eigenverantwortung für die schöne Landschaft, die jeder schätze.

Deshalb hat er alle versammelt, die mit dem Thema befasst sind. Förster Matthias Brand, beim städtischen Eigenbetrieb Bau & Service Oberursel auch für die Stadtreinigung zuständig, berichtet von der Rückkehr seiner Mitarbeiter vom Außeneinsatz mit der Motorsense. „Die sind kontaminiert“, beschreibt er den Umstand, dass deren Kollegen geruchsbedingt fluchtartig den Raum vor den gesprenkelten Mähmännern verlassen. Ordnungsamtsleiter Frank Weil sorgt sich nicht zuletzt, dass jemand nach einem weichen, angeblich Glück verheißenden Auftritt einen Hundehalter zur Rede stellen und es zu handfesten Auseinandersetzungen kommen könnte.

CSI Oberursel wird es vorerst nicht geben

Das beim Hochtaunuskreis angesiedelte Amt für den Ländlichen Raum, das auch für Frankfurt, den Main-Taunus-Kreis sowie Stadt und Kreis Offenbach zuständig ist, weiß um die Konflikte zwischen den 700 Landwirten und den Ansprüchen der Freizeitgesellschaft. Cornelia Geratsch hat die vor einigen Jahren aufgelegte Broschüre „Zu Gast bei Hofe“ dabei, einen „Knigge für Feld und Flur“. Sie wird unter anderem bei dem Programm „Bauernhof als Klassenzimmer“ verteilt. „Wir setzen darauf, dass es über die Kinder wirkt“, sagt Geratsch. Sie lobt ausdrücklich, dass viele Hundeschulen und Tierarztpraxen den Knigge bestellten. Auch Jörg Steden belässt es nicht beim Schimpfen. Der Ortslandwirt ist zugleich Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Fördervereins Oberursel. „Wir überprüfen gerade die 56 Standorte der Hundetüten-Stationen und wollen auch sicherstellen, dass sich in der Nähe mindestens drei Abfalleimer befinden.“ Schließlich wolle niemand die gefüllten Tüten länger mit sich herumtragen.

Mit dem Benutzen der Tüten allein ist es nicht getan, denn auch die liegen nach Stedens Beobachtung oft in der Landschaft herum. „Vielleicht sind orangefarbene besser als die bisherigen schwarzen“, überlegte er schon. Steden hörte außerdem von Touristenorten in Europa, die DNA-Proben aller Hunde nehmen, so dass hinterher der Verursacher eines nicht beseitigten Häufchens ermittelt werden kann. CSI Oberursel wird es aber vorerst nicht geben. Das Angebot von einem entsprechenden Unternehmen erwies sich als zu teuer. Auch rechtliche Bedenken sprächen dagegen, sagt Schorr.

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Viel lieber wäre allen Beteiligten, andere Hundehalter würden dem Beispiel von Daniela Schumbert folgen. Für sie ist es selbstverständlich, die Hinterlassenschaften ihres Mischlings Julius aufzusammeln. „Bei uns stecken in allen Jackentaschen die Tüten dafür.“ Zumal der Hund gerade mit Medikamenten behandelt wird. „Viele machen sich nicht klar, dass die Chemie hinten wieder herauskommt, die sie dem Hund vorne reinhauen.“ Und Schumbert ist nicht die einzige Hundehalterin, die es selbst doof findet, zwischen Hundehaufen Slalom laufen zu müssen.

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