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Neue Medien Eltern fürchten Pornographie, ihre Kinder Abzockerei

 ·  Viele junge Leute verbringen täglich mehr als fünf Stunden mit digitalen Medien. Vor diesem Hintergrund will der Hessische Familientag in Eltville einen Beitrag zur Medienkompetenz von Jugendlichen leisten.

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Wenn Bürgermeister Patrick Kunkel (CDU) nach getaner Arbeit nach Hause kommt, dann weiß er ziemlich sicher, wie er seine Töchter antreffen wird: vor dem Bildschirm sitzend und in ein soziales Netzwerk eingeloggt, das Handy SMS-bereit daneben, der Fernseher läuft. Für Jugendpflegerin Ulla Wolf ist das typisch für die Generation der in die digitale und vernetzte Welt hineingeborenen Jugendlichen. Das sind die sogenannten Digital Natives, die immer real, häufig online und bisweilen auch in virtuellen Parallelwelten leben. In den Vereinigten Staaten verbringen Jugendliche mittlerweile 7,5 Stunden am Tag mit digitalen Medien und damit mehr Zeit als mit Schlafen. In Deutschland liegt der Wert bei 5,5 Stunden; das ist manchmal mehr als die Unterrichtszeit in der Schule.

Darauf vorbereitet sind die Kinder selten, weil schon viele Eltern mit der Beherrschung von Computern, Satellitenfernsehen, Spielekonsolen und Smartphones überfordert sind. Eltville und das Land haben sich deshalb darauf verständigt, dass „Jugend und soziale Medien“ ein Schwerpunkt auf dem 6. Hessischen Familientag ist am nächsten Samstag in der Sekt- und Weinstadt. Es ist ein 200 000 Euro teures Großereignis für 30 000 Besucher, an dem sich 170 Organisationen und Vereine beteiligen. Das Programmheft ist mit so vielen Veranstaltungen gefüllt, dass kein Besucher auch nur annähernd die Fülle der Angebote wird wahrnehmen können.

„Posten“und „twittern“

Der Familientag will aber nicht nur Information und Unterhaltung für einen Tag bieten, sondern den Fokus auf Themen richten, die für den Zusammenhalt und das Funktionieren von Familien wichtig sind. Dazu gehört vor allem das soziale Miteinander. Ulrich Bachmann vom Jugendreferat des Sozialministeriums legt Wert darauf, dass das Land das „posten“, „twittern“ und SMS-Versenden von Jugendlichen nicht als Gegensatz zu einem sozialen Miteinander sehe, sondern als Ergänzung. Der Austausch mit Gleichaltrigen auch über digitale Kanäle sei ebenso wichtig wie die damit verbundene Vorbereitung auf die digital vernetzte Berufs- und Lebenswelt.

„Ohne soziale Netzwerke geht gar nichts mehr“, beschreibt Jugendpflegerin Wolf ihre Erfahrungen mit Jugendlichen, beispielsweise im Eltviller Jugendzentrum. Die Jugendlichen hätten gar keine andere Wahl, als auch online zu kommunizieren. Sie hält die Statistiken für zutreffend, wonach sich 82 Prozent der 14 bis 17 Jahre alten Jugendlichen täglich online austauschen und jeder Dritte von ihnen sagt: „Das Internet gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein“. Nach einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach meint die Hälfte der jungen Leute dieses Alters, man könne sich online genauso gut unterhalten wie im persönlichen Gespräch. Wolf sieht in der „elektronischen Distanz“ aber auch Gefahren.

Kostspielige Downloads

Das Netz, bestätigt Peter Holnick vom Institut für Medienpädagogik und Kommunikation, sei keine Parallelwelt, sondern in der Regel ein Weg zum erweiterten Austausch mit jenen Freunden und Bekannten, die aus dem wirklichen Leben schon bekannt seien. Holnick sieht aber einen Paradigmenwechsel: Während die Eltern als Jugendliche noch reich werden mochten, wollten die heutigen Kinder berühmt sein. Das fördere eine offensive Selbstdarstellung in Netzwerken, die viele Gefahren mit sich bringe.

Bachmann, Wolf und Holnick sind sich einig, dass Jugendliche heute nicht ausreichend auf die digitale Welt vorbereitet seien und sie mit vielen Möglichkeiten im Internet und in den sozialen Netzwerken zu sorglos umgingen. Bei der Einschätzung der Gefahren gebe es aber große Unterschiede. Während die Eltern vor allem Sorgen wegen pornographischer Inhalte und sexueller Belästigung im Netz hätten, fürchteten sich die Jugendlichen eher vor finanziellen Risiken wie Abo-Fallen von Internetanbietern oder kostspielige Downloads. Wolf nennt das „Kollateralschäden“ einer nicht aufzuhaltenden Entwicklung. Bei der Medienbildung müsse deshalb schon im Elternhaus und in den Kindergärten angesetzt werden. Holnick gibt allerdings zu bedenken, dass die technische Entwicklung häufig schneller verlaufe, als Bildungseinrichtungen darauf reagieren könnten. Pubertät heiße zudem „Abgrenzung“, die junge Leute heute vor allem im Netz fänden: „Viele Kinder schätzen es geradezu, dass die Eltern am Computer keine Ahnung haben.“ Wer den kreativen Umgang mit den digitalen Möglichkeiten erlerne, der könne auch die Gefahren besser erkennen. Ein starres Regelwerk sei wenig hilfreich, die Gesellschaft müsse flexibel reagieren.

Bachmann: technische Filtersysteme sinnvoll

Wie den Kindern Medienkompetenz vermittelt werden kann, wenn die Eltern damit überfordert sind, darüber wird bundesweit diskutiert, und die Bundesländer gehen auch unterschiedliche Wege. In Thüringen beispielsweise ist Medienkompetenz ein Unterrichtsfach, in Bayern legen die Kinder einen Medienführerschein ab, in Hessen soll das Thema fachübergreifend gelehrt werden. Bachmann hält aber auch technische Filtersysteme für sinnvoll, um zumindest im frühen Alter der Internetnutzung gewisse Beschränkungen im Sinne des Jugendschutzes durchzusetzen. Bachmann zufolge versucht das Land auf vielfältige Weise, den Jugendschutz zu stärken und unterstützt viele Projekte wie das Netzwerk gegen Gewalt sowie Fortbildungsangebote.

Nach Ansicht von Wolf sehen die Jugendlichen durchaus Gefahren wie die Veröffentlichung privater Daten und Mobbing im Internet, und sie suchten deshalb sogar kompetente Beratung. Die Stadt Eltville reagiert darauf mit der Ausbildung von Medien-Scouts an den Schulen, weil nach allen Erfahrungen Hinweise und Anregungen von Gleichaltrigen eher angenommen werden als von Erwachsenen. Für Bachmann ist das der richtige Ansatz, weil die Jugendlichen in die Lage versetzt werden müssten, Gefahren zu erkennen. Das versucht auch der Bürgermeister, der einen Weg gefunden hat, seine Töchter vor Risiken zu warnen: „Indem ich mit ihnen darüber rede.“

Der 6. Hessische Familientag findet am 17. September von 10 bis 18 Uhr in der Eltviller Innenstadt statt. Informationen im Internet unter www.hessischer-familientag.de

Quelle: F.A.Z.
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