08.06.2006 · Ein Hauch von Venedig im Hochtaunus: Am Wochenende wird der Berliner Platz im Zentrum Kronbergs nach zweijähriger Umbauzeit wiedereröffnet.
Ritter Hartmut XII. steht überlebensgroß am Rand des Vorsprungs und schaut zur Burg hinüber, während unter dem Anhänger der Reformation, dessen Bildnis der Frankfurter Bildhauer Eduard Schmidt von der Launitz Ende des 19. Jahrhunderts im Auftrag von Jacques Reiss geschaffen hat, ein Rasenmäher im Schulgarten knattert. Rund um den Berliner Platz waren Arbeiter noch damit beschäftigt, die Wände auszubessern, den Bürgersteig an der Frankfurter Straße zu pflastern oder die letzten Container zusammenzupacken.
Bis zum Wochenende soll das rote Flatterband, das sich noch um die Säulen der neuen Markthalle spannte, verschwunden sein. Denn morgen bauen die Händler erstmals ihre Stände am Berliner Platz und in der offenen Halle auf. Am Sonntag dann wird mit dem vierten Kronberger Erdbeerfest auch die Eröffnung des Platzes gefeiert, der in den vergangenen zwei Jahren ein völlig neues Aussehen bekommen hat.
Eine derart prominente Stelle des Stadtzentrums massiv zu verändern ist ein gewagtes Unterfangen. Zumal, wenn der gewohnte freie Blick hinterher durch Bauten verstellt ist. Aber schon beim ersten, 1985 ausgelobten Ideenwettbewerb zur Gestaltung der zentralen Fläche sah der auf den ersten Platz gekommene Entwurf zweigeschossige Gebäude zwischen Berliner Platz und Schulgarten vor. In die Tat umgesetzt wurde anschließend bis 1992 der Bau der Tiefgarage, die Sanierung und Erweiterung der Stadthalle sowie die Vergrößerung des Feuerwehrgerätehauses.
Eine Anspielung auf die enge Altstadt
Die Alte Grundschule sollte nach den damaligen Vorschlägen als Kulturzentrum oder Museum erhalten bleiben. Dies wurde zugunsten einer Neubebauung aufgegeben, und in den Blick gerieten dabei auch Berliner Platz und Schulgarten, die eine städtebauliche Fassung bekommen sollten. Einem städtebaulichen Wettbewerb schloß sich nach der Kommunalwahl 2001 ein Investorenwettbewerb an, den eine Projektgruppe mit Vertretern der Fraktionen begleitete. Zwei Entwürfe kamen in die engere Wahl, und Ende 2002 entschied sich eine breite Mehrheit der Stadtverordneten für den Vorschlag des Architekten Christoph Mäckler.
Er sah eine dichte Bebauung entlang der Heinrich-Winter-Straße auf dem Gelände der Alten Grundschule sowie an einem Teil der Katharinenstraße vor. Umstritten blieb der sogenannte Teil C, eine Markthalle mit 13 Bögen, die Berliner Platz und Schulgarten voneinander trennt. Mit dem Bürgerbegehren „Rettet den Schulgarten“, für das 2500 gültige Unterschriften gesammelt wurden, versuchten die Gegner, eine Bebauung zwischen den Freiflächen zu verhindern. Es wurde jedoch Anfang 2004 von der Stadtverordnetenversammlung wegen formaler Mängel für unzulässig erklärt.
Jetzt steht die neue Mitte. Ihren Zweck, „mehr Urbanität“ zu schaffen, erfüllt sie zumindest im Erscheinungsbild. Die Giebeldächer greifen die beschaulicheren Bauformen Kronbergs auf, und wer durch die Neubauten von der Katharinenstraße zum Berliner Platz hinabgeht, erlebt eine Abfolge von Durchgängen und kleineren Plätzen, die wie eine Anspielung auf die enge Altstadt wirken.
Veranstaltungen zwischen den Säulen
Ob sie alle zu beleben sind und die noch zu vermietenden Läden ihre Kundschaft finden, muß sich zeigen. Das Cafe, drei Arztpraxen und der Lebensmittelmarkt im Erdgeschoß sind jedenfalls Anziehungspunkte. Die meisten der 26 Eigentumswohnungen seien inzwischen verkauft, sagte Norbert Meyer von der Berliner Platz GbR dieser Zeitung. Zur ihr haben sich die Adolf Lupp GmbH & Co. KG aus Nidda und die Proma GmbH des Gießener Investors Horst Faltus zusammengetan. Auf fast 25 Millionen Euro bezifferte Meyer das Investitionsvolumen, für das auch 152 zusätzliche Tiefgaragenplätze entstanden sind.
Die Markthalle, für die sich Mäckler vom Fischmarkt in Venedig inspirieren ließ, soll ihrem Namen gerecht werden und nach Worten von Erstem Stadtrat Wolf Dietrich Groote (CDU) künftig samstags die Stände des Wochenmarkts aufnehmen. Auch andere Veranstaltungen sollen zwischen den Säulen stattfinden, die an einem sehr hoch aufragenden Kopfbau an der Frankfurter Straße abschließen. Neu gestaltet worden ist der Schulgarten, um den sich die Kritiker der Bebauung sorgten.
Er hat seinen Charakter verändert und wirkt nun nicht mehr wie ein - allerdings stark vernachlässigter - Park, sondern durch die ihn umstehenden Häuser tatsächlich wie ein Garten. Für die Neugestaltung als „Garten der Düfte und Farben“ durch den Kronberger Grüngestalter Johannes Wolf habe er viel Zustimmung gehört, sagte Groote. Prägend sind nach wie die gut 100 Jahre alten, großen Bäume: der gewaltige Mammutbaum und die Pyramideneiche nahe der Bushaltestelle an der Frankfurter Straße. Sie hätten durch die Bauarbeiten keinen Schaden genommen, versicherte der Erste Stadtrat.
Details der Alten Schule
Manches Detail der Alten Schule findet sich in der neuen Mitte wieder. Ein Wappenstein des Flügelstamms der Kronberger Ritter ist an der Markthalle angebracht, ein Höhenstein markiert jetzt an der Ecke von Katharinen- und Heinrich-Winter-Straße 250 Meter über N.N. Zwei Figuren sind nach langer Zeit restauriert im Schulgarten zu sehen.
Es handelt sich um die mythologische Gestalt der Atalante, die sich selbst zum Preis für den Wettlauf aussetzt, dem Verlierer aber den Tod verheißt. Ihr beigestellt ist Hippomenes, der die Jägerin schließlich bezwang, indem er drei goldene Äpfel fallen ließ, die Atalante aufhob. Die Eisengußfiguren standen einst im Schönberger Garten des Kunstsammlers August de Ridder und kamen mit der Gebietsreform in den Kronberger Rathausgarten. Nach Beschädigungen waren sie lange eingelagert.