04.03.2010 · In der Rhön gibt es nicht genug unberührte Natur. Zumindest ist die Unesco dieser Meinung. Der Verein Natur- und Lebensraum legt deshalb ein Konzept mit neuen Kernzonen für das Mittelgebirge vor.
Von Barbara HofmannMopsfledermaus, Schwarzstorch, Orchidee, Frühlings-Platterbse, Rotes Waldvögelein und Alpenstrudelwurm stehen im Unesco-Biosphärenreservat Rhön unter besonderem Schutz. Ihr Lebensraum sind die sogenannten Kernzonen, die nicht bewirtschaftet werden, in denen die Natur sich selbst überlassen bleibt. Im Biosphärenreservat, das 1991 in der Mitte Deutschlands geschaffen wurde, gibt es nicht genügend davon. Drei Prozent der Fläche eines von der Weltkulturorganisation Unesco anerkannten Biosphärenreservats müssen als Kernzone ausgewiesen sein.
Weder im bayerischen noch im thüringischen und hessischen Teil des Biosphärenreservats werden diese drei Prozent erreicht. Doch bis zum Jahr 2013 müssen genügend Kernzonen in dem 185 000 Hekt-ar großen Reservat vorhanden sein. Dann reisen die Prüfer der Organisation abermals in die Rhön.
Drei Prozent für einen Titel
Sind die geforderten drei Prozent nicht vorhanden, verliert die Rhön den begehrten Titel. Für die hessische Rhön gibt es nun einen Vorschlag, wie der drohende Verlust des Titels und damit auch ein gewaltiger Imageschaden abgewendet werden kann. Zu Hessen gehören mit etwa 64 000 Hektar rund 34 Prozent des Biosphärenreservats. Das Land hat bereits 1500 Hektar in zwölf Kernzonen, darunter sind das Rote Moor, der Schafstein und der Nordhang der Wasserkuppe, ausgewiesen.
Es fehlen noch 450 Hektar, um die Unesco-Kriterien zu erfüllen. Das Konzept, worüber das Land Hessen nun entscheiden muss, sieht insgesamt 570 Hekt-ar für neue Kernzonen vor. „Der Vorschlag hat Rückhalt in der Region“, sagt Joachim Schleicher, der Sprecher des Fachforums Naturschutz & Kulturlandschaft. Der Verein Natur- und Lebensraum Rhön (VNLR) hatte als Förder- und Trägerverein des Biosphärenreservats im September 2008 das Forum beauftragt, Lösungen zu erarbeiten.
Konzept für Biosphärenreservat
Das Konzept sei jetzt einstimmig verabschiedet worden, so Martin Kremer, Geschäftsführer des VNLR. In dem Verein sind unter anderem das Land Hessen, die Landkreise Fulda und Hersfeld-Rothenburg, die Kommunen, der Bauernverband, der Waldbesitzerverband, der Rhönclub, die IHK und die Schafhaltervereinigung Mitglied.
Kremer wertet die Zustimmung zu dem Konzept ebenfalls als „deutliche Willensbekundung der Region“. Ein Großteil der Menschen identifiziere sich mit dem Biosphärenreservat. Firmen und Institutionen aus der Rhön arbeiten eng mit dem Verein und der Verwaltungsstelle zusammen, zum Teil treten sie auch als Sponsoren auf. Auch Schulen und Kindergärten sind Partner des Biosphärenreservats, Gastronomen und der Fremdenverkehr werben mit dem Unesco-Titel und haben ein großes Interesse daran, dass er der Region erhalten bleibt. Gemeinsames Ziel sei es, weiterhin Unesco-Biosphärenreservat zu bleiben, so Schleicher. Daher gehe es in dem Konzept nicht um pauschale Aussagen, sondern um konkrete Flächen, die für Kernzonen vorgeschlagen werden.
Vier Millionen Euro nötig
Die Naturschutzgebiete Milseburg, Bieberstein, Stellberg, Hübelsberg und der Schwarzwald bei Wüstensachsen sollen nach dem Vorschlag des VNLR zu Kernzonen werden. Das Konzept, in dem auch Tauschflächen genannt werden, sieht außerdem unter anderem den Landecker Berg bei Ransbach, den Höllwald bei Rodenbach und die Ulsteraue als neue Kernzonen vor. Eigentümer der Flächen sind private Waldbesitzer, die Kommunen und das Land Hessen.
Rund vier Millionen Euro werden benötigt, um Laubwälder, Basaltkuppen und Moore zu erwerben. Das Land Hessen hatte in der Vergangenheit wiederholt deutlich gemacht, dass fehlende Kernzonen nicht ausschließlich auf Landesflächen geschaffen würden, und andere Waldbesitzer, insbesondere die Kommunen, aufgefordert, ebenfalls einen Beitrag zu leisten. Dem Verein Natur- und Lebensraum Rhön ist es in vielen Gesprächen mit den Gemeinden gelungen, dass Flächen gegen finanzielle Entschädigung als Kernzonen bereitgestellt werden.
Kooperation mit Bayern und Thüringen
Kremer bezeichnet die Empfehlungen des VNLR, die in Kooperation mit der hessischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats erarbeitet wurden, als „tragfähigen und machbaren Kompromiss“, der in weiten Teilen verwirklicht werde. Wird das Konzept realisiert, hat die hessische Rhön die Forderungen der Unesco erfüllt. Damit ist das Ziel, länderübergreifendes Biosphärenreservat zu bleiben, allerdings noch nicht erreicht, denn auch Bayern und Thüringen müssen mehr Kernzonen zur Verfügung stellen.
Thüringen müsste seinen Anteil von derzeit 1,5 Prozent verdoppeln, Bayern deutlich mehr Flächen aus der Nutzung herausnehmen und der Natur überlassen. Obwohl mit knapp 39 Prozent, fast 73 000 Hektar, der größte Teil des Biosphärenreservats zu Bayern gehört, hat der Freistaat dort bisher nur ein halbes Prozent Kernzonen ausgewiesen.