Home
http://www.faz.net/-gzl-top2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Naturkosthandel Bio brummt nachhaltig

05.12.2006 ·  Ein Bein über das andere gelegt, plaudert Götz Rehn entspannt über sein Unternehmen. Die Lockerheit kann er sich leisten: Solche Wachstumszahlen wie Alnatura hätten viele Nahrungsmittelhändler sicherlich gerne.

Von Thorsten Winter
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ein Bein über das andere gelegt und den Laptop vor Augen, plaudert Götz Rehn entspannt über sein Unternehmen und das jüngste Geschäftsjahr. Die Lockerheit kann er sich leisten. Denn solche Zahlen wie Alnatura hätten viele Nahrungsmittelhändler hierzulande sicherlich gerne. Das in Bickenbach bei Darmstadt ansässige Unternehmen hat den Umsatz um 26 Prozent auf 182 Millionen Euro gesteigert. Und mithin den Bio-Markt abgehängt, der in diesem Jahr wohl um 15 Prozent wachsen dürfte. Noch beeindruckender wirkt der Zuwachs bei Alnatura im Vergleich zum hessischen Nahrungsmittel-Fachhandel: Die Branche hat seit Jahresbeginn ein Umsatzminus von 3,3 Prozent zu verkraften. Auch sonst weist der Trend bei dem vor 22 Jahren in Fulda von Rehn gegründete Naturkosthändler nach oben.

Das soll auch so weitergehen. Der Geschäftsführer mit viel Sinn für Kunst erwartet für 2007 wiederum ein Wachstum über dem allgemeinen Marktniveau, so wie es schon seit den neunziger Jahren der Fall ist. Die ersten beiden Monate des neuen Geschäftsjahres, das im Oktober begonnen haben gezeigt, daß die Kunden Alnatura die Treue halten, wie er sagt.

Mehr Filialen, Verkaufsstellen und Produkte

Noch einen Tick deutlicher als der Umsatz ist die Zahl der Filialen gewachsen, von 21 auf 27. Unter den neuen Alnatura-Supermärkten ist das Geschäft in Viernheim. Für das erste Quartal des nächsten Jahres hat Rehn drei Neueröffnungen fest im Plan. So wird es eine Filiale an der Burgstraße in Frankfurt geben. Zudem wird das Unternehmen sein Geschäft an der Landgrafenstraße im Stadtteil Bockenheim um 160 Quadratmeter erweitern und zur Leipziger Straße hin mit einem Eingang versehen. Um fast ein Zehntel im Vergleich zum vorigen Geschäftsjahr ist die Zahl der Verkaufsstellen gestiegen, die Produkte aus dem rund 670 Artikel umfassenden Alnatura-Sortiment führen; zu den Einzelhandelspartnern zählen mit DM-Drogerie und Tegut aus Fulda zwei Händler, die laut Rehn bei Kundenumfragen stets sehr gut abschneiden.

Für den Geschäftserfolg der Bickenbacher sind die Partner wesentlich, erzielt der südhessische Bio-Spezialist doch zwei Drittel seiner Erlöse über den Lebensmitteleinzelhandel - obwohl das Umsatzwachstum in den eigenen Supermärkten im Vergleich etwas stärker ist, wie der Gründer sagt. DM-Drogerie bietet Produkte der Bickenbacher auch im mittelosteuropäischen Ausland an.

Zum Umsatzwachstum dürfte auch das zusätzliche Warenangebot beigetragen haben. Alnatura hat im jüngsten Geschäftsjahr neue 158 Produkte präsentiert. „Im Prinzip“ bekomme der Kunde bei Alnatura alles, was er zum Leben brauche, meint Rehn. Das Sortiment ist nach seiner Einschätzung gleichwohl nicht ausgereizt. So sieht er Lücken bei Fisch und Fleisch sowie bei den als „Convenience“-Produkte bezeichneten Fertiggerichten. Auch sei das Angebot an Bio-Weinen, das aus rund 100 Sorten bestehe, ausbaufähig. Denn der herkömmliche Einzelhandel führe dreihundert Sorten oder sogar mehr.

Kritik an der Politik

Aufwärts geht es bei Alnatura auch mit der Beschäftigung: Das Unternehmen zählte zuletzt 758 Mitarbeiter, darunter 313 Angestellte, die übrigen wurden als geringfügig Beschäftigte geführt. Vor Jahresfrist waren es noch 295 Angestellte und 306 Aushilfen gewesen. Nicht zuletzt ist die Zahl der Lehrlinge von 30 auf 33 gestiegen; zehn Berufsakademie-Studenten und zwei Nachwuchskräfte, die an der von Alnatura initiierten Alanus-Hochschule bei Bonn studieren, kommen hinzu. An dieser Hochschule sind insgesamt 35 junge Leute eingeschrieben. Sie studieren Betriebswirtschaftslehre, betätigen sich dazu künstlerisch und absolvieren Praktika in Unternehmen. Rehn: „Das ist ein vollständig neues Studienkonzept.“ Es solle dazu beitragen, „Wirtschaft neu zu denken“, so der Geschäftsführer, der mit den üblichen Studienangeboten nicht zufrieden ist.

Nachholbedarf sieht er außerdem in der politischen Würdigung des Trends hin zu Bio-Produkten. „Die Signale aus der Kundschaft sind interessiert-überhitzt, die Signale aus der Politik nicht günstig.“ So sei unsicher, ob künftig private Bio-Kennzeichen wie jene von Bioland oder Demeter noch erlaubt seien, und, was das Gentechnik-Recht bringe. Unklar ist auch noch, wie Alnatura auf die neue Freiheit bei der Ladenöffnung reagieren wird. Rehn will sich an den Kundenwünschen ausrichten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr