10.05.2009 · Seit der Wiederansiedlung von Castor fiber im Jahre 1987 ist die Population in Hessen deutlich gewachsen. Bisher konnten Konflikte um Schäden durch die Nagetiere immer gelöst werden.
Von Holger Dell, Bad SodenIm 18. Jahrhundert schlossen Fürst Leopold von Anhalt und der Landgraf von Hessen einen seltsamen Vertrag. Leopold verpflichtete sich darin, Biber aus dem Elbe-Gebiet zur Umsiedlung nach Hessen zu liefern. Bezahlt wurden diese mit stattlichen „langen Kerls“, jungen Soldaten, deren Mindestgröße genau festgelegt wurde. Der Preis: ein Mensch für ein Tier. Die Wiederansiedlung scheiterte, was aus den Soldaten wurde, ist unbekannt.
Billiger hat das Land Hessen 18 Exemplare von Castor fiber, wie der Biber mit wissenschaftlichem Namen heißt, in den Jahren 1987 und 1988 aus Mitteldeutschland erworben, um die hierzulande ausgestorbene Spezies wieder anzusiedeln. Die DDR begnügte sich mit West-Devisen, 6000 Mark je Biber, den das Naturschutzrecht der neuen Heimat vor jeglichen Nachstellungen schützte.
Das hat Meister Bockert, anders als in früheren Zeiten, weidlich ausgenutzt, um sich ungestört zu vermehren und übers halbe Land auszubreiten. Vom Odenwald im Süden bis Bebra im Norden wurde er inzwischen gesichtet. Forstleute und Landesjagdverband errechneten, dass es im Jahre 2008 mindestens 168 Biber in 51 Revieren in Hessen gab. Die meisten leben aber immer noch im Main-Kinzig-Kreis.
Biber leistet Beitrag zum Hochwasserschutz
Von hier aus haben sie sich in die Wetterau, über den Fuldaer Raum und in den bayerischen Spessart ausgebreitet. Zusammen mit den nach Bayern ausgewanderten Tieren dürfte nach Schätzungen des Biberbeauftragten von Hessen-Forst, Harald Schwarz, die Nachkommenschaft der 18 Elbebiber mehr als 300 Exemplare betragen. Die Biber, die mit ihren scharfen Zähnen vor allem Bäume in Ufernähe fällen und sich hauptsächlich von deren Rinde ernähren, sind für den Präsidenten des Landesjagdverbandes Hessen, Dietrich Möller, der mit Schwarz, Jagdkollegen und Journalisten auf „Biber-Pirsch“ ging, ein Musterbeispiel dafür, dass die Wiederansiedlung verschwundener Arten gelinge, wenn der Lebensraum stimme.
Der östliche Teil des hessischen Spessarts mit den Einzugsgebieten der Flüsschen Jossa und Sinn galt nach umfangreichen Studien in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wegen der relativ intakten und naturnahen Gewässer und dünnen Besiedlung durch Menschen als die am besten geeignete Region im Land für die Auswilderung von Tieren dieser Gattung. Castor fiber war wegen seines wertvollen Fells, seines wohlschmeckenden Fleisches und vor allem seines Drüsensekrets „Bibergeil“, das bis ins 19. Jahrhundert als Allheilmittel galt, nahezu ausgerottet worden. Zudem hatten Mönche, die in der Fastenzeit nicht auf Fleischspeisen verzichten wollten, das zweitgrößte Nagetier der Welt zum Fisch erklärt, um es jagen zu können. Das war besonders fatal, weil die Weibchen in der Fastenzeit trächtig sind und durch ihre Tötung auch der Nachwuchs ausblieb.
Dass sich die Population von Meister Bockert inzwischen so prächtig entwickelt hat, weckt bei den Jägern keine Begehrlichkeiten. „Der Biber unterliegt in Hessen nicht dem Jagdrecht, und der Jagdverband hat auch nicht die Absicht, dies zu ändern“, stellte Möller bei einer Exkursion mit Journalisten ins größte Biberrevier Hessens an der Jossa zwischen dem Bad Soden-Salmünsterer Stadtteil Mernes und dem Steinauer Stadtteil Marjoß klar. Vielmehr boten sich die Jäger sogar für ein „Biber-Meldesystem“ an, da sie meist als Erste die Ausbreitung frei lebender Tiere registrierten. Eingeladen hatte der Landesjagdverband, der an diesem Wochenende in Gelnhausen seinen Landesjägertag veranstaltet, um am Ort der „Wiedergeburt“ des hessischen Bibers zu zeigen, „wie das Tier mit Hilfe seiner gewaltigen Nagezähne große Bäume fällt, Flüsse staut, ganze Flusstäler überschwemmt und die Landschaft gravierend verändert“. Als Gestalter seines Naturraums leiste der Biber einen Beitrag zum Hochwasserschutz, schaffe Retensionsflächen, vor allem aber ermögliche er anderen Arten vom kleinen Insekt bis hin zu Großvögeln die Rückkehr in die Auenlandschaft. „Die Jäger begrüßen, dass dieser große Nager die Artenvielfalt bereichert und die Wiedereinbürgerung wie etwa beim Luchs, bei der Wildkatze und anderen Tieren so erfolgreich ist“, sagte Möller.
Damit dies so bleibt, sollten nach Auffassung der Jäger wie auch der Marjosser Naturschützerin Schultheis Schäden, die der Biber auf der Suche nach seiner Lieblingsnahrung – Rinde von Pappeln und Weiden, aber auch großen Eichen und Obstbäumen sowie Rüben von Feldern – oder durch den Wasserstau seiner Burgen anrichtet, ausgeglichen werden. Nach Angaben von Schwarz ist es in den zurückliegenden Jahren immer gelungen, solche Konflikte zu lösen, die vor allem Landwirte betreffen. Schultheis fordert allerdings noch ein größeres finanzielles Engagement des Landes, damit entlang der Flüsse, an denen sich der Biber ausbreiten kann, etwa 15 Meter breite Uferstreifen gekauft werden und so Konflikte mit Eigentümern von vornherein vermieden werden können.