28.07.2006 · 144 Kollisionen hat Robert Staab von der Verkehrspolizeiinspektion in Hösbach in den Monaten April, Mai und Juni im Umfeld der Baustelle an der A3 gezählt. Nun haben sich Politiker den unglücksträchtigen Ort angesehen.
Von Ewald Hetrodt„Ich werde das zum Anlaß nehmen, noch mal im Ministerium nachzufragen.“ Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, Karin Roth (SPD), war nicht vorbereitet, als der Landtagsabgeordnete Peter Winter (CSU) sie Freitag morgen im Waldaschaffer Rathaus auf das Nadelöhr der Autobahn 3 zwischen den beiden Aschaffenburger Anschlußstellen ansprach. Wie berichtet, waren an der Baustelle am frühen Samstagmorgen zwei Polizeibeamte überfahren worden, am Montag wurde ein Motorradfahrer von zwei Lastzügen zerquetscht.
Die Bundestagsabgeordnete Heidi Wright (SPD) aus Elsenfeld hatte den Gast aus Berlin eingeladen, damit er eine niemanden mehr überraschende, aber doch frohe Kunde überbringe: Die aus Gründen des Lärmschutzes geplante Verlegung der Autobahn in der Nähe der Spessart-Gemeinde hat der Bund für den im Herbst zu beschließenden Fünfjahresplan vorgesehen. Damit scheint die Finanzierung des Millionenprojekts gesichert.
Vorrang für Aschaffenburger Baustelle
Bevor die Politiker das Erreichte mit einer kleinen Besichtigungstour würdigten, verständigten sie sich darauf, daß in der nächsten Zeit die Arbeiten auf der prekären Aschaffenburger Baustelle in allen die Autobahn betreffenden Fragen Vorrang haben müßten. Darüber hinaus war in der Runde aus Bundes-, Landes- und Kommunalpolitikern eine eigenartige Mischung aus ehrlicher Trauer und mühsam kaschierter Hilflosigkeit zu spüren.
Die fast schon tragisch anmutende Schwierigkeit besteht darin, daß die gefährliche Teilstrecke gleich zwei sehr ungünstige Eigenschaften aufweist: Einerseits ist sie extrem starkem Verkehr ausgesetzt, andererseits sind die derzeit zur Verfügung stehenden Fahrbahnen besonders schmal. So geraten vor allem Lastzüge und breite Wohnwagen ständig mit parallel fahrenden Fahrzeugen in Berührung. Es entstehen Staus, an deren Ende es immer wieder zu Auffahrunfällen kommt.
144 Kollisionen hat Robert Staab von der Verkehrspolizeiinspektion in Hösbach in den Monaten April, Mai und Juni im Umfeld der Baustelle gezählt, im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur 37. Es gab 13 Verletzte, bis nun die drei Todesopfer hinzukamen.
Wie berichtet, sollen die Bauarbeiten zur Verbreiterung der Autobahn auf sechs Spuren nach dem gegenwärtigen Stand der Planungen erst Ende 2009 abgeschlossen werden. Eine erste Entspannung der Lage wird allerdings schon für den Herbst 2007 erwartet. Dann soll der Verkehr auf drei neugebaute, breite Spuren „umgeschwenkt werden“. Der Bundestagsabgeordnete Norbert Geis (CSU) hat sich, wie er gestern morgen berichtete, in einem Brief an den Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) gewandt und ihn gebeten, auf eine Beschleunigung der Arbeiten hinzuwirken. Doch die Autobahndirektion Nordbayern hat die in der Region mehrfach erhobenen Vorwürfe, es gehe hier nicht schnell genug voran, schon mit Entschiedenheit zurückgewiesen. So seien beispielsweise Brücken, die normalerweise abgebrochen würden, gesprengt worden, um Zeit zu sparen.
Scheel: Spuren verbreitern
Die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Christine Scheel aus Hösbach, hat ebenfalls Briefe nach München und Berlin geschickt. Sie spricht sich dafür aus, die Fahrspuren zu verbreitern, indem man dem Verkehr in jede Richtung nur noch eine Spur zur Verfügung stelle. Denkbar sei aber auch, es den Lastzügen zu erlauben, in der Mitte der beiden schmalen Spuren zu fahren, um gefährliche Überholmanöver von vornherein zu verhindern.
Sie knüpft damit an einen Vorschlag an, über den man auch bei der Polizei schon laut nachgedacht hat. Doch Staab hat sich nach eigenem Bekunden inzwischen eines Besseren belehren lassen. Wenn es in beide Richtungen nur noch einen Fahrstreifen gäbe, senkte dies nach einer Studie des ADAC die Gefahren keinesfalls, weil die Staus zahlreicher und länger würden. Außerdem sei der volkswirtschaftliche Schaden, der dadurch entstehe, daß noch mehr Menschen und Waren auf der Autobahn festsäßen, immens. Von einer etwaigen Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit, die derzeit auf 80 beziehungsweise 60 Stundenkilometer festgesetzt sei, verspricht er sich ebenfalls nichts. Überhöhtes Tempo sei an dieser Stelle eine nachrangige Unfallursache. Kurzfristig könnten nur die Fahrer wirklich etwas bewirken: indem sie mehr Vorsicht walten ließen.