07.06.2008 · Zusammenarbeit zweier Rivalen: Offenbach will den Neubau des Frankfurter Museum der Weltkulturen in seiner Hafenmole errichten. In Frankfurt stößt die Idee auf Interesse: Die Kooperation könne eine neue Zeit in der Region anbrechen lassen.
Von Matthias Alexander und Mechthild HartingDas Verhältnis zwischen Frankfurt und Offenbach, das seit jeher von Rivalität geprägt ist und in den vergangenen Monaten wegen Streitigkeiten um die geplante Bebauung der Offenbacher Hafeninsel besonders belastet war, könnte sich dramatisch verbessern. Nicht nur, dass Vertreter beider Städte intensiv bemüht sind, jene Streitpunkte zu klären, jetzt ist sogar von einem umfangreichen gemeinsamen Projekt die Rede. Der Offenbacher Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) schlägt vor, den geplanten Neubau für das Frankfurter Museum der Weltkulturen auf der Spitze der Offenbacher Hafenmole zu errichten.
„Wir sind bereit, dieses Grundstück einzubringen“, sagte Schneider dieser Zeitung. Ein solcher Museumsbau wäre ein „belastbares Symbol, um die Kulturregion aus den beiden Kernstädten heraus zu gestalten“. Das Museumsufer reiche dann von der Frankfurter Friedensbrücke bis zum Isenburger Schloss in Offenbach. „Wir könnten ein unübersehbares städtebauliches und architektonisches Zeichen setzen“, sagte Schneider, „eines, das Beachtung im Maßstab des Welttourismus fände.“
Vorschlag stößt auf Interesse im Römer
Im Römer stößt der Vorschlag auf Interesse. Markus Frank, Fraktionsvorsitzender der CDU, sagte auf Anfrage, diese Variante habe großen Charme. Es sei Aufgabe der Politik, in der Region eine neue Zeit anbrechen zu lassen. Wenn Frankfurt und Offenbach an einem Strang zögen, werde das sicherlich viele andere bewegen, mitzumachen. „Zusammen könnten wir zum Motor regionaler Zusammenarbeit werden.“ Ähnlich äußerte sich Olaf Cunitz, Fraktionsvorsitzender der Grünen. Das Museum könnte jenes große gemeinsame Projekt sein, das die regionalpolitische Sache entscheidend voranbringe.
Der Gründungsdirektor des regionalen Kulturfonds, Herbert Beck, hatte schon vor geraumer Zeit angeregt, die beiden bedeutenden ethnologischen Sammlungen in der Region, die des Museums der Weltkulturen und jene des Offenbacher Ledermuseums, enger zusammenzuführen. Dadurch könnten sie an Größe und Attraktivität zu gewinnen. Schließlich lägen die Sammlungen gerade einmal fünf Kilometer Luftlinie auseinander. Für ein solches Konzept gebe es viele Standorte, äußerte Beck jetzt auf Anfrage. Die von Offenbach angebotene Spitze der Hafeninsel bezeichnete Beck als geeignet. Die Mole sei der Punkt, der geographisch am nächsten zum Römer und dem bisherigen Museumsufer liege. Beck ließ keinen Zweifel, welche große regionalpolitische Bedeutung ein solches Projekt habe, und sagte seine Unterstützung zu.
„Fortschritt zu einem einheitlichen Auftritt der Region“
Auch die Wirtschaft lobte das mögliche Kooperationsprojekt zwischen Offenbach und Frankfurt als „guten Fortschritt hin zu einem einheitlichen Auftritt der Region“, wie Wilhelm Bender, Vorsitzender der Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main, sagte. Hoffnungen, dass sich die Wirtschaft an einem solchen gemeinsamen, für die Region bedeutenden Vorhaben finanziell beteiligen könnte, weckte Bender allerdings nicht.
In Frankfurt wird schon länger nach einem neuen Standort für das Museum der Weltkulturen gesucht. Vom Magistrat wird derzeit das Degussa-Areal am Main favorisiert, die Stadt und der Grundstückseigentümer stehen kurz vor Abschluss der Verhandlungen über die Konditionen. Die Deutsche Immobilien Chancen, die ursprünglich auf einem Mietmodell beharrt hat, ist jetzt zu einem Verkauf des Museums bereit. In den Mehrheitsfraktionen von CDU und Grünen gibt es jedoch erhebliche Bedenken gegen den Standort. Dabei geht es vor allem um die Kosten von rund 70 Millionen Euro, die von vielen Stadtverordneten als zu hoch bezeichnet werden. Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) ist vehemente Befürworterin des Standorts auf dem Degussa-Areal; sie hat jedoch dem Vernehmen nach auch die Variante auf der Offenbacher Hafeninsel mit Sympathie aufgenommen. Sie war für eine offizielle Stellungnahme nicht zu erreichen.
Bebauung der Offenbacher Hafenmole: Versöhnliche Töne aus Frankfurt
Schon seit längerem verhandeln die beiden Nachbarstädte wegen der geplanten Bebauung der Offenbacher Hafenmole mit Büro- und Wohngebäuden. Frankfurt hat sich bisher sehr kritisch zu dem Projekt geäußert, weil es die Existenz jener Betriebe im eigenen Osthafen gefährdet sieht, die nachts viel Lärm verursachen. Die künftigen Bewohner der Mole könnten gegen den Betrieb klagen. Anders als sein Vorgänger Franz Zimmermann (FDP) schlägt der Frankfurter Hafendezernent Volker Stein (FDP) nun sehr versöhnliche Töne an. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte er, man unterstütze das Offenbacher Hafenprojekt. Ziel sei es, eine Lösung zu finden, mit der die Interessen beider Seiten gewahrt würden.
Denkbar ist nach Angaben von Stein, am nördlichen Molenufer eine gläserne Lärmschutzwand zu errichten und dadurch die Wohnbebauung abzuschirmen. Wenn die Häuser so geplant würden, dass nur Bäder, Flure und Küchen nach Norden ausgerichtet würden, müsste die Lärmbelastung auf das gesetzlich zulässige Maß reduziert werden können. Die Lärmgutachter, die zunächst die Sichtweisen beider Städte bestätigt hatten, sind laut Stein nun mit der Überarbeitung ihrer Analysen beauftragt worden. Stein weist darauf hin, dass noch rund neun Monate Zeit bleibe, sich zu einigen. So lange dauere die Frist, innerhalb derer Frankfurt gegen den Offenbacher Bebauungsplanentwurf für das Hafen-Areal Widerspruch einlegen könne.
Matthias Alexander Jahrgang 1968, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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