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Morde in Rüsselsheim Eine Tasse Tee als Türöffner

23.08.2008 ·  Wie nach den Morden von Rüsselsheim hat es die Polizei immer öfter mit Tätern aus fremden Kulturkreisen zu tun. Eine Herausforderung, der sich die Beamten seit längerem stellen.

Von Katharina Iskandar
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Die drei Menschen, die vor zwei Wochen im Rüsselsheimer Eiscafé erschossen worden waren, starben, weil die Täter sich in ihrer Ehre verletzt gefühlt haben. „Blutrache“ gilt zumindest nach derzeitigem Ermittlungsstand als Motiv. Zwei türkische „Gruppen“ stehen im Mittelpunkt des Verbrechens. Ihre Mitglieder haben sich gehasst, sich gegenseitig erniedrigt und bekämpft, sich immer wieder gegenseitig bedroht. Der Konflikt schwelte schon länger, aber niemand griff ein – bis die Fehde eskalierte und es zu den tödlichen Schüssen kam.

Kriminalsoziologen sagen, Mord aus Blutrache sei auch heute noch kein unübliches Motiv. Es gehöre seit je in „archaischen Gesellschaften“ fest zur kulturellen Identität. Mit Waffen würden Frauen und Kinder beschützt und Brüder verteidigt, wenn nötig, bis aufs Blut. Der Rüsselsheimer Fall habe lediglich bestätigt, dass dieses Motiv nach Deutschland „importiert“ worden sei – und die Polizei sich dieser Herausforderung stellen müsse.

Nützliches Wissen um fremde Kulturen

In einem Europa der offenen Grenzen wird mehr denn je von ihr verlangt, sich im Umfeld der Täter zurechtzufinden, ihre Denkweisen und ihre Kultur zu verstehen. Interkulturalität ist schon weitaus länger als allgemein wahrgenommen ein Schlüsselwort. In den hessischen Polizeipräsidien gibt es 13 Ausländerbeauftragte, die zwischen den Beamten und Verdächtigen oder Zeugen aus Zuwandererfamilien vermitteln sollen. Demnächst wird ein solcher Fachmann auch beim Landeskriminalamt eingesetzt, der unter anderem auch den Kontakt zu Moscheevereinen und türkischen Verbänden pflegen soll. Zudem werden seit 1994 auch ausländische Polizisten eingesetzt. Mehr als 250 Beamte aus 23 Nationen sind nach Angaben des Innenministeriums derzeit im Dienst – Quote steigend.

Auch in der Aus- und Fortbildung sind Seminare zur „interkulturellen Kompetenz“ mittlerweile Pflicht: Kein Kommissaranwärter absolviert sein Studium, ohne nicht mindestens einen Lehrgang besucht zu haben, der ihn darauf vorbereitet, wie er als späterer Ermittler ausländischen Bevölkerungsgruppen gegenübertreten soll. Gestandene Beamte werden regelmäßig in Fortbildungen geschult und lernen, dass sie in Moscheen nicht nur die Schuhe ausziehen, sondern auch die Mütze ablegen müssen. Oder dass sie bei „Hausbesuchen“ vieler muslimischer Familien eine angebotene Tasse Tee nicht ablehnen sollten, denn das wäre ein Affront, wie Peter Friedl sagt.

Der Soziologe leitet Seminare zur interkulturellen Kompetenz an der hessischen Polizeischule. Anfangs seien längst nicht alle Polizisten bereit gewesen, sich mit den kulturellen Eigenschaften anderer Nationen zu befassen, sagt er. Inzwischen aber sähen die Polizisten ein, dass dieses Wissen nur von Nutzen sei.

Polizisten mit Migrationshintergrund

Ähnliche Erfahrungen hat auch der Kölner Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Rainer Leenen gemacht, der die Bedeutung interkultureller Kompetenz bei der Polizei in einem mehrjährigen Forschungsprojekt untersucht hat. „Die Standardfrage der Beamten war: Warum müssen wir uns beugen, warum nicht die?“, berichtet Leenen. Beantwortet hat er diese Frage stets mit dem gleichen Satz: „Weil das sonst nicht funktioniert.“

Funktionieren muss vor allem die Begegnung zwischen Polizei und ausländischen Bürgern im Alltag. Denn nur dann, sagt der baden-württembergische Landespolizeipräsident Erwin Hetger, bestehe die Chance, Straftaten zu verhindern. Hetger hat in seiner Funktion als Vorsitzender der Polizeilichen Kriminalpräventionsstelle des Bundes und der Länder die Broschüre „Polizei und Moscheevereine“ entwickelt, die mittlerweile zum Standardwerk für Polizisten geworden ist und Hinweise darauf gibt, worauf Beamte bei Ermittlungen in islamischen Gesellschaften zu achten haben. Aufgrund der demographischen Entwicklung, aber auch vor dem Hintergrund des islamistischen Terrorismus sei es wichtig, den Dialog mit der muslimischen Bevölkerung zu suchen, sagt Hetger. Ein Patentrezept für effektive Präventionsprojekte gibt es seiner Ansicht nach aber nicht. Vielmehr komme es „passgenau auf die örtlichen Verhältnisse und Bedürfnisse“ an.

Diese Erfahrung hat auch das Polizeipräsidium Frankfurt gemacht, wo derzeit rund zwei Dutzend Beamte mit ausländischem Pass arbeiten und noch einmal ungleich mehr mit ebenjenem Migrationshintergrund – darunter Griechen, Italiener, Türken, Polen, Portugiesen oder Jugoslawen. „Die Polizei“, sagt Behördensprecher Jürgen Linker, „muss nicht zuletzt auch die Gesellschaft der Stadt widerspiegeln. Und die ist in Frankfurt nun einmal sehr gemischt.“

Einblick in die Denkmuster der Clanmitglieder

So sind in Frankfurt vor allem ausländische Beamte begehrt, die strategisch eingesetzt werden: bei Familienstreitigkeiten oder Verkehrskontrollen – Situationen also, in denen die Beteiligten nicht selten aggressiv reagieren und die deshalb für die Beamten oft heikel sind. Als im April 2007 im Frankfurter Stadtteil Fechenheim Räume des türkischen Fernsehsenders Kanal 7 durchsucht wurden, waren zehn türkische Beamte dabei. Von Nutzen sind in solchen Einsätzen nicht nur ihre Sprachkenntnisse, sondern vor allem ihr Wissen, wie gewisse Gesten gedeutet, Zwischentöne verstanden und Verhaltensmuster analysiert werden können. Linker sagt: „Es geht um die Psychologie, die dahintersteckt.“

Und gerade die ist oft entscheidend, um Straftaten zu verhindern, die mit kulturellen Eigenschaften in Verbindung stehen. Kulturkonflikte, sagt der Kriminalsoziologe Thomas Ley, stellten die Polizei vor enorme Schwierigkeiten. Wenn traditionelle Werte wie Ehre und der Schutz der Familie in einer Gesellschaft erst verankert seien, bestehe für Ermittler oft gar keine Chance, dieses „wertorientierte Handeln“ zu beeinflussen. Täter aus diesen Kulturkreisen orientierten sich lediglich an der Tat selbst, die ihrer Ansicht nach einen schier unermesslichen Wert habe, bis hin zum Märtyrertum. „Straftaten aus dieser Motivation heraus zu verhindern“, sagt Ley, „bedeutet, einen Hebel umzulegen bei jenen, die potentiell zum Täter werden können.“

Vor dieser Aufgabe steht das Landeskriminalamt nun bei der Analyse der Morde in Rüsselsheim. Die Beamten müssen sensibel vorgehen, um den noch schwelenden Konflikt zwischen den beiden Gruppen nicht aufbrechen zu lassen. Und sie müssen es schaffen, einen Einblick in die Denkmuster der Clanmitglieder zu bekommen, die sich möglicherweise immer noch ihrer „Ehre“ verpflichtet fühlen.

„Selbstjustiz werden wir nicht dulden“

Mehrere Gespräche mit den Familien haben die Ermittler schon geführt. Sie haben sie zu Hause besucht und ihnen klargemacht, dass eine Fortsetzung der Auseinandersetzungen nicht akzeptiert werde. „Selbstjustiz werden wir nicht dulden, wir werden sie im Keim ersticken“, sagt LKA-Vizepräsident Roland Desch. Bei den Gesprächen zwischen den Beamten und den Familien waren auch die Ausländerbeauftragten dabei. Um Vertrauen zu schaffen. Und um zu vermitteln, damit ermittelt werden kann.

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