Ausreden, Ausflüchte, Lügen. Die Polizei, die die Autobahnen und Landstraßen in Südhessen überwacht, ergötzt sich an den Erklärungen für Raserei und Drängeln. Und an diesem Mittag dauert es auch nicht lange, da amüsieren sich Torsten Hering und Valeska Richter über die Ausreden einer schlafmützigen Frau, die kilometerweit auf der dritten Spur über die Autobahn 5 gefahren war. Doch Verkehrskontrollen sind eigentlich nicht die Hauptaufgabe der beiden 35 und 33 Jahre alten Polizeihauptkommissare. Sie gehören zu einer besonderen Abteilung aus zwölf Kollegen mit sechs Fahrzeugen, die an der Autobahnraststätte Lorsch ihre Dienststelle hat. „Zentrale Fahndung und Verkehrsüberwachung“ lautet ihre Aufgabe – eigentlich sind sie vor allem Kriminellen auf der Spur.
Beide gehen in ihrem Beruf auf, genießen die Freiheiten, die sie als weitgehend unabhängige Fahnder in ihren jeweiligen Zwölfstundenschichten haben. Beide fahren gerne, fahren gerne schnell, mögen den Kontakt zu den Menschen, auch wenn mancher darunter ist, mit dem Normalbürger nicht gerne zu tun haben. Ausgestattet sind die Polizisten mit kugelsicheren Westen, Pistolen, Drogentest-utensilien und auch einem Gerät, mit dem die Echtheit von Dokumenten überprüft werden kann.
Mess- und Aufzeichnungsgeräte im BMW
Sie richten ihr Augenmerk auf die Routen von Drogenkurieren, aber sie wissen auch, wann „Partypeople“, wie sie sagen, unterwegs ist. In ihren 5er BMW sind Mess- und Aufzeichnungsgeräte eingebaut, mehrere Kameras, ein Bildschirm, der Geschwindigkeiten anzeigt und manchem Autofahrer sein Fehlverhalten vor Augen führt. Während der Fahrt reden die beiden Beamten über dies und das, erzählen Anekdoten aus ihrem Berufsalltag. Doch das eingespielte Team hat die Augen sowohl auf das Verhalten der Autofahrer gerichtet, mehr noch auf auffällige Kennzeichen – welche das sind, wollen beide nicht verraten – und die Insassen der Fahrzeuge.
Die vierspurige Autobahn zwischen Darmstadt und Frankfurt bezeichnen sie zwar nicht als Unfallschwerpunkt, doch sie kennen die Gefahren, da nicht selten Autofahrer von ganz rechts nach ganz links plötzlich wechselten, da Schnellfahrer häufig scharf bremsen müssten, weil die linke Spur von langsamen Autofahrern blockiert werde. Die Autofahrerin, die auf der Höhe der Ausfahrt Langen mit ihrem Kleinwagen bei Tempo 110 bis 120 sich konsequent auf der dritten Spur fortbewegt, will sich damit herausreden, dass es in ihrer Heimat Oberschwaben keine Autobahnen gebe. Sie habe gedacht, die beiden rechten Spuren seien Lastwagen vorbehalten. Mit der Aussicht auf einen Punkt in Flensburg und 40 Euro Strafe darf sie weiterfahren.
Wegen Schlepperei polizeibekannt
Als die beiden Polizeibeamten sich an einer Behelfsausfahrt, wo sie die Ravensburgerin angehalten hatten, lachend wieder ins Auto setzen, fährt ein Taxi an dem zivil wirkenden Polizeiauto vorbei und will die eigentlich gesperrte Ausfahrt in Richtung Flughafen benutzen. Pech für die vier Männer aus Pakistan. Richter und Hering spulen ihr Routineprogramm ab: überprüfen die Personalien, kontrollieren die Handys, ob sie gestohlen sind. Dabei stellt sich heraus, dass einer der Männer wegen Schlepperei polizeibekannt ist.
Ein junger Pakistani hat keine Papiere bei sich, grinst, gibt vor, nicht zu wissen, wohin die Fahrt gehen soll, welche Art von Duldung er in Deutschland als abgewiesener Asylbewerber hat. Da werden die beiden Polizeibeamten fuchsig, denn auf den Arm lassen sie sich nicht gerne nehmen: Die Stimmen legen an Schärfe zu, und dann zückt die Kommissarin die Handschellen. Sie droht, den jungen Mann mitzunehmen, wenn er nicht sofort klare Angaben mache. Herausbekommen hatte sie über Funk, dass er sich zwar nicht illegal in Deutschland aufhält, aber Genaueres war nicht zu erfahren. Schließlich legt der Mann das Grinsen ab und gibt eine Adresse in Groß-Gerau an. Die Polizisten lassen die vier dann weiterfahren.
275 Euro Strafe, vier Punkte und Fahrverbot
Später fährt in der Tempo-100-Zone bei Weiterstadt ein Auto mit Offenbacher Kennzeichen rasant auf den Dienstwagen auf. Die Polizei räumt die Spur und beginnt die Jagd. Rund 170 Stundenkilometer beträgt die Geschwindigkeit des Fahrers aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die Aufzeichnung will er nicht sehen. Stoisch findet er sich mit der Aussicht auf 275 Euro Strafe, vier Punkte und zwei Monate Fahrverbot ab.
Mit leeren Taschen kämen sie selten zurück, sagen die beiden nach der Verfolgung bis Langen. Und das demonstrieren sie nun auch: Einen Fiat Punto suchen sie sich aus. Und tatsächlich findet sich in der Ablage der Fahrertüre eine Waffe, ein Teleskop-Schlagstock, den man nicht mit sich führen darf. Er gehöre seinem Vater, erzählt der Fahrer, an den solle die Anzeige gehen, dem gehöre auch das Fahrzeug, er selbst nutze es nur ganz selten. Hering nimmt sich den Fahrer genauer vor, verlangt Bewegungstests, untersucht Pupillen und Nasenschleimhaut auf Drogenkonsum.
109 Straftaten begangen
Der nigerianische Beifahrer stellt sich als die fleischgewordene Unschuld vor, ungeachtet der 109 Straftaten, die Richter herausgefunden hat. Er hat alle Papiere dabei, gesucht wird er nicht, doch er dringt darauf, rasch weiterzufahren. Vor 15 Uhr müsse er in Frankfurt seine Stromrechnung begleichen. Das aber ficht wiederum die Polizei nicht an.
Hering hat mit dem deutschen Fahrer zu tun, will ihn zu einem freiwilligen Drogentest bewegen, stößt auf Ablehnung. Nun besteht der Verdächtige auf seinen Anwalt. Hering lässt ihn telefonieren und sagt voraus, dass der Anwalt ihm den Drogentest empfiehlt. So geschieht es dann auch. Hinter Büschen liefert der Mann dann eine Urinprobe ab, die beim Schnelltest aber negativ ausfällt. Es sei erstaunlich, fügt Hering später an, wie viele Leute einen Anwalt zur Verfügung hätten.
Sicherheit geht für die beiden Polizeibeamten vor. Für keinen Verkehrssünder wollen sie riskieren, am Frankfurter Kreuz auf der Standspur anzuhalten. Und auch die Idee, Polizeimotorräder mit Überwachungsgeräten auszurüsten, finden sie nicht gut. Denn die „Organgspender“, wie Richter die Motorradfahrer nennt, bei Höchstgeschwindigkeit zu verfolgen, sehen sie nicht ein. Ganz ohne Ausrede.
Und wer kontrolliert die Polizeibeamten
Erich Schöbel (Eric9)
- 06.11.2008, 14:45 Uhr
Es sei erstaunlich, fügt Hering später
Marcus Zelger (Avvocato)
- 06.11.2008, 15:45 Uhr
Erlebnisse wie die von Leser Schöbel (s.u.) kann ich nur bestätigen !
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 06.11.2008, 18:04 Uhr
Auf freiem Fuß mit 109 Straftaten +x als Dunkelziffer
Martin Enzinger (FlorianGeyer)
- 07.11.2008, 23:32 Uhr

