07.03.2010 · Ehemalige Schüler dringen darauf, dass Licht in den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule kommt. Völlig neu sind die Vorwürfe aber nicht.
Von Werner Breunig, HeppenheimMehr als 100 Schüler sollen in den siebziger und achtziger Jahren an der Odenwaldschule Opfer von sexuellen Übergriffen geworden sein; mindestens drei Lehrer, heißt es, hätten sich schuldig gemacht. Völlig neu sind die Vorwürfe nicht: Schon 1999 hatte diese Zeitung über eine Strafanzeige berichtet, wonach der frühere Leiter der Odenwaldschule in den achtziger Jahren 13 und 15 Jahre alte Jungen sexuell belästigt haben soll. Ermittlungen habe es damals keine gegeben, teilte die Staatsanwaltschaft mit, denn die Taten seien nach zehn Jahren verjährt gewesen. Der damalige Schulleiter gab seine Funktionen ab, als die Vorwürfe publik wurden.
Derzeit dringen aber zahlreiche Ehemalige der Schule bei Heppenheim darauf, dass Licht in das Geschehen kommt. Offenbar, so lassen sich viele Interneteinträge verstehen, waren sie nicht zufrieden mit der Art der Aufarbeitung, weshalb sie, wenige Monate bevor die Schule ihr hundertjähriges Bestehen feiert, an die Öffentlichkeit gingen. „Die Zeit des Schweigens, Vertuschens und des aktiven Täterschutzes ist vorbei. Endlich!“ heißt es im Internet-Blog.
Seit vergangenen Jahres mit Schülern im Gespräch
Schulleiterin Margarita Kaufmann, seit 2007 im Amt, gesteht ein, dass zu den damaligen Vorfällen nicht weiter recherchiert worden sei. Im Hinblick auf das Jubiläum seien abermals ehemalige Schüler auf die Schulleitung zugekommen, um von ihren Missbrauchserlebnissen in den siebziger und achtziger Jahren zu berichten. Heute wisse man, schreibt Kaufmann auf der Internetseite der Schule, dass das Ausmaß des Missbrauchs an der Odenwaldschule größer gewesen sei, als noch zur Jahrtausendwende angenommen wurde. Nach den Aussagen „mutiger ehemaliger Schüler“ müsse die Schule erkennen, dass weitere Kinder und Jugendliche in den Jahren von 1970 bis 1985 Opfer sexueller Übergriffe nicht nur durch den damaligen Leiter geworden seien.
Auch eine Institution wie die Odenwaldschule mit ihrem hohen pädagogischen Anspruch habe ihre Schüler nicht vor Missbrauch aus den eigenen Reihen schützen können, stellt Kaufmann fest. Sie verweist aber darauf, dass die Schule seit Mitte vergangenen Jahres mit betroffenen früheren Schülern im Gespräch sei. Zudem untersuche sie mit Hilfe von Experten die internen Strukturen der Schule. Nun will die Schulleitung systematisch alle ehemaligen Schüler aus den betroffenen Jahrgängen anschreiben.
Kleine Klassen für viel Geld
Die Odenwaldschule liegt wie eine eigene kleine Ortschaft am Ende eines steilen Tales, das sich von der Bergstraße bei Heppenheim nach Ober-Hambach zieht. Die Reformschule stellt das Lernen in Gemeinschaft in den Vordergrund. In dem Internat leben die rund 200 Schülerinnen und Schüler familienähnlich in etwa 30 sechs bis zehn Personen großen Gruppen zusammen. Einige Lehrkräfte stehen sozusagen als Familienoberhäupter den jeweiligen Gruppen vor. Auch sie treffen damit eine Entscheidung für eine besondere Lebensform. Denn die Arbeit kann leicht in Konkurrenz zum eigenen Familienleben treten. Von den 120 Mitarbeitern ist knapp die Hälfte mit Unterrichts- und Erziehungsaufgaben betraut.
Billig ist der Besuch der Odenwaldschule nicht: Ein Internatsplatz kostet 2100 Euro im Monat. Dafür liegt die Klassenstärke derzeit bei 17 Schülern. Sie können in der integrierten Gesamtschule außer dem Abitur auch den Haupt- und Realschulabschluss erwerben. 2005 bewertete eine Studie des Wirtschaftsmagazins „Capital“ die Odenwaldschule als beste hessische Schule mit gymnasialer Oberstufe. Beurteilt wurden vor allem Ausstattung, Lehrerversorgung, Sprachangebot und Klassengröße, nicht aber die Schülerleistungen.
Werner Breunig Jahrgang 1952, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Landkreis Darmstadt-Dieburg.
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