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Miltenberg Lilli Chapeau und das kleinste Theater der Welt

Gerade einmal 27 Plätze bietet das Theater in Miltenberg in Unterfranken. Das ist einen Eintrag im Buch der Rekorde wert.

© Rainer Wohlfahrt Clemens Bauer und Lilli Chapeau in ihrem Theater Lilli Chapeau

Als die Ratte an Lilli Chapeaus ausgestreckten Armen entlangflitzt, wünscht sich mancher Zuschauer aus der ersten Reihe, nicht ausgerechnet im kleinsten Theater der Welt zu sitzen. Die Besucher im Parkett sind ganz nah an der Bühne und an der flinken Ratte, doch der Nager kümmert sich nicht um sein Publikum und verschwindet nach seinem kurzen Auftritt schnell wieder im Käfig. Nur zwanzig Quadratmeter misst das Theater, die Bühne ist so groß wie ein Handtuch, 23 Besucher drängen sich im Parkett, jeweils zwei in der Zaren- und in der Königsloge. Damit hält das Theater im Haus Fischergasse 7 den Rekord als kleinstes professionelles Theater der Welt. Vor wenigen Wochen wurde es amtlich, das Theater steht im Guinnessbuch der Rekorde. Seitdem schmückt die Guinness-Urkunde im vergoldeten Rahmen neben vielen Fotografien und Kerzenleuchtern die Wände.

Mit dem Titel, um den sie lange gekämpft hat, erhofft sich die Komödiantin Lilli Chapeau noch mehr Aufmerksamkeit für ihre Bühne, die sie seit fünf Jahren mit ihrem Mann Clemens Bauer in der Altstadt betreibt. Bereits nach der ersten Vorstellung in der früheren Garage hatte die 32 Jahre alte Seiltänzerin, Ballerina, Jongleurin, Tierlehrerin, Schauspielerin und Zauberkünstlerin die Idee, sich um den Titel zu bewerben. Zunächst hatte jedoch ein Theater in Westaustralien mit 28 Sitzplätzen die Nase vorn.

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Baupläne und Spielpläne nach London

Davon ließ sich Lilli Chapeau nicht beeindrucken, Clemens Bauer baute kurzerhand das Theater um, vergrößerte die Bühne von einem halben auf anderthalb Quadratmeter, dafür flogen ein paar Klappsitze und Barhocker heraus, und „Chapeau und Bauer“, wie das Theater damals noch hieß, hatte nur noch Platz für 27 Gäste. Gleichzeitig schickte Lilli Chapeau Baupläne, Spielpläne, Presse- und Fernsehberichte nach London. Mit den Aussagen des Miltenberger Bürgermeisters, des Redaktionsleiters der Lokalzeitung und des Architekten hatte sie genug Argumente vorzuweisen, um in die Kategorie „Professionelles Theater“ zu rutschen. Damit waren die Australier, die Amateurtheater bieten, aus dem Rennen.

Als sich die Jury immer noch zierte und auf ein kleineres Theater in Hamburg verwies, recherchierte die Künstlerin und fand heraus, dass die Hamburger Bühne überhaupt nicht mehr existierte. „Jetzt nehmen wir einen einmaligen Platz in der Theaterwelt ein“, sagt sie stolz. Dennoch wünscht sie sich, dass ihr Publikum nicht nur wegen des Titels, sondern vor allem wegen der Qualität des Programms zu ihr kommt. Lilli Chapeau und Clemens Bauer sind ein eingespieltes Team. Das Theater hat keine Angestellten, das Ehepaar schlüpft im Laufe eines Abends in mehrere Rollen. Bauer ist Theaterdirektor, Kartenverkäufer, Platzanweiser, Hausmeister, Requisiteur, Bühnenbildner, Beleuchter. Während der Vorstellung zieht er den Vorhang und regelt Ton und Licht, in den Pausen schenkt er an der Bar mit den rotgepolsterten Hockern Getränke aus.

Der Traum von der Tournee

Lilli Chapeau hat keine Maskenbildnerin, kurz vor der Vorstellung verschwindet sie in ihrer kleinen Garderobe und schminkt sich ein geteiltes Gesicht, auf der linken Seite ist sie ein junges Mädchen, auf der rechten Seite eine alte Dame, sprüht sich die Haare bis zum Scheitel grau. An diesem Abend steht ihr zweites eigenes Theaterstück „Dornröschen und Camilla“, die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem 16 Jahre alten Mädchen, das im Altersheim jobbt, und einer ehemaligen Balletttänzerin auf dem Programm. Bevor Lilli Chapeau die Bühne betritt, nimmt sie zunächst ihr Publikum und dessen dicke Wintermäntel in Empfang, verstaut die Klamotten in einem Hinterraum und serviert noch ein paar Espressi, bevor sie sich zurückzieht.

Clemens Bauer überwacht unterdessen die Sitzverteilung, denn trotz seiner Minimaße hat das Theater Plätze in sieben verschiedenen Preiskategorien. Die Zarenloge und die Königsloge sind mit Plüsch, Troddeln und Fransen ausstaffiert und bieten den besten Überblick über das Geschehen. Einfacher geht es auf den billigeren Plätzen zu, dort müssen die Zuschauer mit Klappstühlen oder Barhockern vorliebnehmen. Das Kopfsteinpflaster im Parkett erinnert an die Zeit, als Chapeau und Bauer noch als Straßenkünstler mit ihrer „Wanderbar“ in Deutschland unterwegs waren. Manchmal vermissen die beiden das Reisen, doch sie haben sich dafür entschieden, in Miltenberg sesshaft zu werden und aus ihrem kleinsten Theater der Welt eine Institution zu machen.

Lilli Chapeau träumt davon, irgendwann einmal mit ihrem Theater auf Tournee zu gehen. Vorher will sie noch viele eigene Stücke schreiben und weitere Klassiker für ihr „Eine-Frau-Ensemble“ umschreiben. Im Jubiläumsjahr gab es 89 Vorstellungen. Im Sommer soll mit „Der Glöckner von Notre-Dame“ eine neue Produktion dazukommen.

Weitere Informationen gibt es unter der Telefonnummer 0 93 71/95 91 84 und im Internet unter www.Lilli-Chapeau.de.

Quelle: F.A.Z.

 
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