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Michelstadt Mit jeder Schraube per du

17.04.2006 ·  Er sammelt, er restauriert und er stellt aus: Hansjürgen Künzel hat seit 15 Jahren ein Motorrad-Museum in Michelstadt. Rund 150 Maschinen nennt der Rentner sein eigen.

Von Thomas Schmid
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Wie viele Stücke er inzwischen besitzt, weiß Hansjürgen Künzel selbst nicht so genau. „Ich zähle ja nicht jeden Tag“, sagt er und zieht an seiner Zigarette. 150 Mopeds und Motorräder seien es aber mindestens, die er in den vergangenen 35 Jahren gesammelt und repariert habe. Seit 1991 stellt der heute 69 Jahre alte Rentner seine Schätze in einem eigenen Museum in Michelstadt aus.

In Jeans und Fleece-Pullover sitzt Künzel neben dem Eingang, dort, wo sich die Kasse befindet. Wie die meisten Dinge im Museum ist auch sie alles andere als neu. Im Regal über ihm steht eine Packung „Zweitakt-Treibstoffzusatz“ von DKW - einem Hersteller, den es seit den fünfziger Jahren nicht mehr gibt. Auch Künzels Weg zum Zweiradsammler liegt schon einige Jahrzehnte zurück.

In jungen Jahren ist er oft Motorrad gefahren: „In der Nachkriegszeit gab es ja fast nichts anderes“, sagt er. Autos seien zu teuer gewesen. Erst 1960 hat Künzel sich von seiner Maschine getrennt und sich ein Auto zugelegt - was vor allem bei schlechtem Wetter von Vorteil war: „Wir waren froh, da drin endlich mal im Trocknen zu sein.“

„Damit hat alles angefangen“

Doch 1971 hat es ihn noch einmal gepackt. Er wollte einfach mal wieder sonntags morgens Motorrad fahren, so wie früher. Künzel kaufte sich in Frankfurt ein gebrauchtes Fünfziger-Jahre-Motorrad der Marke Zündapp und wollte es wieder fahrtüchtig machen. Doch er hatte Pech: „Du kommst ein bißchen spät“, sagte ihm ein Händler - denn es gab seit Jahren keine Ersatzteile mehr zu kaufen. Also mußte er nach gebrauchten Teilen suchen. „Damit hat alles angefangen.“

Zu einer gebrauchten Zündapp-Maschine, die er kaufen und der er Ersatzteile entnehmen wollte, bekam er, ehe er sich versah, vier weitere Motorräder dazu. „Die sind einfach auf dem Hänger gelandet.“ Solche Geräte seien damals ja nichts wert gewesen, meint er. Etwa vier Jahre später besorgte Künzel sich dann auch alte BMW-Motorräder; dafür benötigte er wieder Ersatzteile, und so kam er zu den nächsten Stücken. Nicht immer war das, was er wollte, leicht zu beschaffen: Ein Militärrad vom Modell „Superalce“ der Marke „Moto Guzzi“ etwa mußte er in den achtziger Jahren sogar in lauter Einzelteile zerlegen, um die Maschine des Baujahrs 1948 aus Italien nach Hause zu bringen - in seinem Opel Manta.

Wie man Motorräder auseinanderbaut, repariert, wieder zusammenschraubt oder lackiert, hatte Künzel vorher nicht gelernt: 20 Jahre kümmerte er sich als Techniker bei Coca-Cola um die Produktionsmaschinen, 27 Jahre war in einer ähnlichen Tätigkeit beim Automobil-Zulieferer VDO beschäftigt. Trotzdem macht der Michelstädter in seiner etwas mehr als zehn Quadratmeter großen Werkstatt alles selbst. „Ich bin mit jeder Schraube meiner Räder per du“, sagt er und lacht. Er ist fast jeden Tag in dem kleinen Nebenraum seines Museums und bastelt an Fundstücken - „wenn es sein muß, auch bis in die Nacht“. Dann, fügt der Rentner hinzu, könne er zumindest in Ruhe arbeiten.

Zeitvertreib im Rentenalter

1991 war das Jahr der Entscheidung für Künzel. Bis dahin hatte er bereits 45 Maschinen zu Hause gesammelt, und der Platz wurde eng. Alle Räder verkaufen oder die Sammlerei endgültig zum wichtigsten Lebensinhalt machen? Er entschied sich für letzteres und machte aus der ehemaligen Kammfabrik, die einst seinem Großvater gehörte und die sich unweit seines Hauses befindet, ein Motorrad-Museum. Es sei das Naheliegendste für ihn gewesen. „Außerdem habe ich mir gedacht, dann habe ich auch später im Rentenalter noch einen Zeitvertreib.“ Seit 2000 ist er nicht mehr berufstätig und kann sich quasi hauptberuflich um sein Museum kümmern. Seine Lebensgefährtin sagt: „Das ist sein Leben.“

Ans Aufhören scheint Künzel trotz seines Alters und der Größe seiner Sammlung nicht zu denken. Das nächste Projekt wartet schon im Hinterhof: eine rostige „Lido“, aufgehängt an einem Metallgerüst. Es ist ein ehemals grünes Moped aus den sechziger Jahren, Marke „Achilles“; mit angerostetem Rumpf, angerosteten Speichenrädern, angerostetem Ständer. Das Kennzeichen ist noch immer am Schutzblech befestigt, aber vollständig vom Rost zerfressen. Kein Vergleich zu den originalgetreu restaurierten Stücken, die nur wenige Meter entfernt im Inneren ausgestellt sind.

Künzels Wohnhaus steht nur einige Meter weit entfernt, doch die meiste Zeit verbringt er bei den Maschinen. Zu jeder einzelnen kann er eine Geschichte erzählen. Viele seiner Motorräder würde er sogar allein am Klang erkennen, glaubt der Sammler. So wie andere vertraute Stimmen erkennen.

Räder und Helme

Auf einer Fläche von etwa 400 Quadratmetern stellt Hansjürgen Künzel rund 150 Zweiräder aus: In fünf Räumen, verteilt auf zwei Stockwerke, finden sich Maschinen von Moto Guzzi, BMW, NSU, DKW, Adler, Streib und anderen Fabrikaten. Die meisten dieser Marken gibt es heute nicht mehr. Das älteste Rad, das Künzel besitzt, stammt aus dem Jahr 1888 und paßt eigentlich gar nicht recht in die Sammlung: ein schwarzlackiertes Fahrrad, hergestellt von Opel.

Auch sonst finden sich in dem Museum nicht nur antiquarische Motorräder: Helme, Motorradbrillen, Lederhandschuhe gehören zur Dauerausstellung - sogar ein ausgebautes Taxameter ist dabei. Ausgestellt sind auch Flugzeugpropeller, eine graue Schreibmaschine Marke Adler und ein handbetriebenes Grammophon samt Schallmuschel. Alte Radioempfänger, alte Möbel oder alte Ölfässer sind ebenfalls in den Räumen zu finden.

Das Motorrad-Museum in der Walther-Rathenau-Allee 17, 64720 Michelstadt, ist samstags und sonntags jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet, ab 1. Mai täglich zu den gleichen Zeiten. Der Eintritt kostet 2,60 Euro. Telefon 0 60 61/7 37 07.

Quelle: F.A.Z., 18.04.2006
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