19.08.2009 · Sie verstehen sich als basisdemokratische Hausgemeinschaften mit gegenseitiger Nachbarschaftshilfe. Und sie können ein Modell sein für das Leben im Alter. In Darmstadt gibt es zwei erfolgreiche Mehrgenerationenhäuser, ein drittes wird gegründet.
Von Rainer Hein, Darmstadt„Hallo Christoph“ ruft der kleine Moritz und tritt auf seinem Kinderfahrrad gleich wieder in die Pedale. Moritz gehört mit drei Jahren zu den jüngsten Bewohnern von „Wohnsinn“, und Christoph Jetter zählt mit 74 Jahren zu den Ältesten. Manchmal kann der Jurist und ehemalige Gewerkschaftssekretär, wenn er auf dem Gartenstuhl zwischen Rosenstöcken und Tomatenpflanzen sitzt, Moritz auf der Rutsche spielen sehen oder auf dem grünen Hügel. Der ragt im Innenhof des Mehrgenerationenhauses in die Höhe, in dem Jetter seit sechs Jahren mit seiner Frau lebt, und ist ein geschätzter Abenteuerspielplatz.
Dort im Innenhof kommen und gehen die Kinder ständig, und die meisten grüßen die Nachbarn freundlich. Man kennt sich, was nicht verwundert, steht doch die „gegenseitige Nachbarschaftshilfe“ in der Satzung der Bau- und Wohngenossenschaft Wohnsinn, die 2003 im Neubaugebiet von Kranichstein das dreigeschossige Passivhaus eröffnet hat. Zum nachbarschaftlichen Miteinander zählt die Hilfe bei der Kinderbetreuung – für Moritz’ Mutter nicht unbedeutend. „Woanders haben Kinder von Alleinerziehenden manchmal Probleme, nach Hause zu kommen. Das ist bei uns nicht dem Zufall überlassen“, sagt Jetter.
120 „Genossen“
Über das Mehrgenerationenhaus, das mit dem Komplex Wohnsinn 2 mittlerweile auf 120 „Genossen“ angewachsen ist und im nächsten Jahr mit Wohnart 3 den nächsten Ableger bekommt, können sich die Darmstädter am 29. August beim ersten Seniorentag informieren. Der steht unter dem Motto „Leben und Wohnen im Alter“ und stellt neben den klassischen Pflege- und Heimeinrichtungen auch neue Gemeinschaftsprojekte vor. „Wie wollen wir eigentlich alt werden?“, war eine Frage, die sich Jetter und seine Frau in den neunziger Jahren stellten – zusammen mit einigen anderen Darmstädtern. Gemeinsam bildeten sie einen Förderverein, gründeten nach zahlreichen Exkursionen 1998 die Genossenschaft, planten mit dem Büro Faktor 10 das U-förmige Passivhaus, dessen 39 Wohnungen sie 2003 beziehen konnten.
Nicht alle, die an der Elisabeth-Selbert-Straße eingezogen sind, sind Genossen, haben also ihr eigentumsähnliches Dauerwohnrecht durch den Erwerb von Anteilen erkauft. Bei einem Drittel der Wohnungen von Wohnsinn 1 und 2 handelt es sich um Sozialwohnungen. Diese soziale Mischung gehört ebenfalls zu den in der Satzung verankerten Zielen der Genossenschaft, in dessen Vorstand Jetter fünf Jahre lang mitgearbeitet hat. Ältere und Jüngere, Haushalte mit niedrigem und höheren Einkommen, Familien und Alleinerziehende, Ausländer und Behinderte – die Bewohner der zwischen 50 und 130 Quadratmeter großen Wohnungen bilden einen städtischen Mikrokosmos, der freilich nach festen Regeln funktioniert. So ist die Übernahme von Gemeinschaftsaufgaben verbindlich. „Wir machen in der Hausverwaltung von A bis Z fast alles alleine“, sagt Jetter. Ob es um die Pflege des grünen Hügels geht oder um die Außenanlagen, um Verwaltungs- oder Ausbesserungsarbeiten – das Prinzip lautet: Alle machen mit. „Das ist arbeitsreich, manchmal auch konfliktreich, aber es funktioniert bis heute unter Strich gut.“
Vertrauenspersonen für Streitfälle
Eine komplizierte Organisation brauche die Genossenschaft dazu nicht. Alle wichtigen Fragen werden im Plenum der Hausbewohner entschieden – „basisdemokratisch“. Für Konfliktsituation stehen gewählte Vertrauenspersonen bereit.
Der kleine Moritz könnte, wenn er wollte, auch im Kinderraum spielen, in der Werkstatt und dem Hobbyraum vorbeischauen, in den Wintergarten gehen, den Gemeinschaftsraum oder die Cafeteria, und wenn seine Mutter Besuch bekommt, die Gäste in den „Gästezimmern“ besuchen. Auch sie gehören zur Gemeinschaftsstruktur von Wohnsinn, ebenso wie die unterschiedlichen Arbeitsgruppen für die Bewohner. Eine der jüngsten „Werkstätten“ trägt den Titel „älter werden“. „Es sind vor allem die praktischen Fragen, denen wir uns da Schritt für Schritt nähern, von Haltegriffen im Bad bis zum Testament und zur Patientenverfügung“, sagt Jetter, der sich im sechsten Jahr als „Grufti“ in Darmstadts erstem Mehrgenerationenhaus sehr wohl fühlt: „Die Entscheidung, hier einzuziehen, war richtig. Meine Frau und ich haben sie nicht bereut, auch wenn man das Wohnprojekt nicht zur idealen Insel verklären muss.“
Dass das Leben in einem Mehrgenerationenhaus für Jüngere wie Ältere eine Alternative sein kann, mag man auch an der Internetseite von Wohnsinn mit dem Hinweis „Derzeit keine Wohnungen frei“ erkennen, an der geringen Fluktuation und an Wohnart 3. Dieses Nachfolgeprojekt übernimmt die Konzeption des Mehrgenerationenhauses, aber mit der Darmstädter Bauverein AG als Bauträger hat der Verein Wohnart ausschließlich Mietwohnungen konzipiert. 14 der 44 Wohnungen in dem 3000 Quadratmeter großen Komplex werden staatlich gefördert, die anderen vermietet zu einem Preis von etwa zehn Euro pro Quadratmeter.
Gegen die Vereinzelung
Claudia Sauter, Helga Lömker und Gerhard Klein als Vorstandsmitglieder von Wohnart arbeiten seit 2005 an den Bauplänen, unterstützt von der Wohnsinn-Genossenschaft. Auch hier geht es darum, „dem Trend der Vereinzelung der Menschen und der Entfremdung der Generationen entgegenzuarbeiten“. Die ehemalige Lehrerin Lömker wird im nächsten Jahr mit einer Freundin einziehen und in der gemeinsamen Wohnung Musikunterricht anbieten, Sauter als Inhaberin einer Ballettschule zusammen mit ihrem Partner, Klein ebenfalls mit seiner Partnerin und dem gemeinsamen Sohn, der bald in die Schule kommt. Anders als bei Wohnsinn sind bei Wohnart noch einige Wohnungen zu vergeben. Allerdings gilt ebenso das Gemeinschaftsprinzip: Interessenten müssen nicht nur das Konzept der selbstverwalteten Hausgemeinschaft akzeptieren, sondern auch von den anderen Vereinsmitgliedern akzeptiert werden.
Als Jetter in den neunziger Jahren sich Gedanken über das Leben im Alter machte, gab es in Darmstadt noch keine Beispiele gemeinschaftlicher Wohnformen. Heute ist das anders. Wohnsinn ist nicht nur ein „geschätzter Gesprächspartner“, es existiert mittlerweile auch ein runder Tisch mit zehn weiteren Initiativen. Leider habe es die Genossenschaft bisher nicht vermocht, die Stadt zur Einrichtung eines Planungsbüros zu bewegen. Ein solches Beratungszentrum könnte nach Jetters Einschätzung verhindern, „dass jede Gruppe wieder von vorne anfängt und die gleichen Fehler macht“. Gerade mit Blick auf die Konversion der amerikanischen Liegenschaft wäre, so meint der Darmstädter Pionier des generationenübergreifenden Wohnens, ein derartiges Büro eine gute Investition.