Home
http://www.faz.net/-gzl-tnwq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Medien Der Herr der Mainzelmännchen wird 100 Jahre alt

12.10.2006 ·  Karl Holzamer, der Gründungsintendant des Zweiten Deutschen Fernsehens, wird 100 Jahre alt. Persönliche und politische Wegbegleiter kommen und gratulieren. Sein Sender ehrt ihn mit einer Feier.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Das Fernsehen hat nach wie vor einen festen Platz in seinem Leben. Ja, selbstverständlich verfolge er das aktuelle Programm, sagt Karl Holzamer. „Täglich so zwei bis drei Stunden, am liebsten natürlich mein ZDF mit den heute-Sendungen und dem heute-journal.“ Es gibt wohl niemanden, der mit mehr Recht von „meinem ZDF“ sprechen darf.

Als Gründungsintendant hat Holzamer den Charakter des Zweiten Deutschen Fernsehens geprägt. Er baute den Sender auf dem Lerchenberg auf und machte ihn zur größten Fernsehanstalt Europas. Heute blickt der Rundfunkmann der ersten Stunde, der Philosoph und Mainzer Ehrenbürger auf ein Jahrhundert zurück.

Das Glück blieb ihm treu

An ein Medium namens „Fernsehen“ war noch nicht zu denken, als Holzamer am 13. Oktober 1906 in Frankfurt geboren wurde. Zu seinen frühen Erinnerungen gehören die deutschen Soldaten, die beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs durch die Straßen der Stadt marschierten - „in der Erwartung, Weihnachten 1914 wieder in den Kasernen oder zu Hause bei ihren Familien zu sein“. Auch sein Vater mußte als Matrose in den Krieg ziehen. Als Ältester von fünf Geschwistern hatte der Junge seine Bildung fortan in die eigene Hand zu nehmen. Nach dem Besuch der Holbein-Mittelschule in Sachsenhausen meldete er sich selbst beim damaligen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium an. Dank der neu gegründeten Studienstiftung des deutschen Volkes konnte der Abiturient unter anderem Philosophie und Pädagogik studieren. Als er 1929 promovierte, schien eine Hochschulkarriere vorgezeichnet.

Doch es kam anders: Durch einen Zufall landete er im November 1931 in der Schulfunkabteilung des Westdeutschen Rundfunks in Köln. Weil er sich unter den Nazis weigerte, in die NSDAP einzutreten, wurde er in das ihm völlig fremde Landwirtschaftsressort versetzt. Außerdem durfte er die „konfessionellen Morgenfeiern“ übertragen. Aber selbst bis in diese vermeintlich unpolitische Sphäre reichte der Arm der Machthaber: Eine von Holzamer aufgezeichnete Feier mit Bischof von Galen wurde nicht gesendet.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Vater von vier Kindern, die er mit seiner Frau Helene hatte, als Hörfunk-Berichterstatter zur Luftwaffe eingezogen. Daß er diese Jahre unversehrt überstand, bezeichnet der Hundertjährige heute als einen der großen Glücksfälle seines Lebens. Das Glück blieb ihm auch nach der Entlassung aus französischer Kriegsgefangenschaft treu. Ohne sich habilitiert zu haben, gehörte er 1946 zu den ersten Professoren der wiederbegründeten Mainzer Gutenberg-Universität. Als Adenauer 1960 seine Deutschland-Fernsehen GmbH gründete, gehörte der katholische CDU-Mann, der seine Partei auch im Mainzer Stadtrat vertrat, zu den Anwärtern auf einen Intendantenposten. Adenauers Pläne zerschlugen sich aber.

Berichterstattung und Unterhaltung

Daß der Fernsehrat des ZDF Holzamer zwei Jahre später tatsächlich wählte, war dann aber doch eine Überraschung. Zwar hatte er sich als Vorsitzender des Rundfunkrats des Südwestfunks bewährt, aber die praktische Fernseharbeit war neu für den Hochschullehrer. Seine ersten Amtsgeschäfte führte er von seinem Arbeitszimmer in der Universität aus - das vorläufige ZDF-Domizil an der Großen Bleiche war noch nicht bezugsfertig. Um seine Aufgabe war er nicht zu beneiden: Die Presse bezeichnete ihn als „Fernsehfürsten ohne Residenz“ und als „Bildschirmkapitän ohne Schiff und Mannschaft“.

Das sollte sich aber bald ändern: Bis 1977 machte der Gründungsintendant das ZDF nicht nur zu einem Unternehmen mit 890 Millionen Mark Jahresumsatz und mehr als 3200 Mitarbeitern, sondern prägte auch das Programm des Senders. In seiner Amtszeit gingen „heute“, das „Aktuelle Sport-Studio“ oder „Der Goldene Schuß“ auf Sendung, er verankerte Live-Übertragungen im Programm und hob die „Aktion Sorgenkind“ aus der Taufe. Seine Maxime dabei war, daß Fernsehen nicht nur informieren, sondern auch der Unterhaltung und Entspannung dienen solle. Für harte oder überharte Berichterstattung hatte der „Herr der Mainzelmännchen“ wenig übrig: „Ich will nicht entschärfen, aber man soll immer auf das Gemeinsame schauen“, sagte er.

Unter den Mitarbeitern auf dem Lerchenberg genießt Holzamer bis heute den Ruf eines liebenswürdigen und ausgleichenden Chefs. Wegen der Verdienste für Mainz hat die Stadt ihn 1983 zum Ehrenbürger ernannt. Der gebürtige Frankfurter wiederum bekennt, daß er mit seiner Vaterstadt zwar viel verbindet, ihn Mainz inzwischen aber mehr „anheimelt“. Zum Fernsehschauen wird er heute wohl ausnahmsweise nicht kommen. Am Vormittag richtet das ZDF für ihn eine Feier auf dem Lerchenberg aus, die der Sender Phoenix live überträgt. Neben den Intendanten-Kollegen Karl-Günther von Hase, Dieter Stolte und Markus Schächter wollen persönliche und politische Weggefährten wie der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Karl Kardinal Lehmann gratulieren. Danach will der Jubilar im Kreis der Familie weiterfeiern. Für genug Glückwünsche ist auch da gesorgt: Die beiden Söhne, Schwester Elly sowie zwölf Enkel und elf Urenkel wollen kommen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr