03.03.2007 · Die privaten Klinikbetreiber wollen ihre Stellung in der Spitzenmedizin ausbauen. Die Chancen dafür stehen gut. Denn viele Universitätskliniken arbeiten defizitär und gelten als Kandidaten für eine Übernahme oder eine Beteiligung.
Von Matthias TrautschDie privaten Klinikbetreiber sind auf Einkaufstour. Mit üppig gefüllten Kassen sondieren sie derzeit das Terrain für Neuerwerbungen. Mit Kreiskrankenhäusern und Altenheimen geben sich die vier Großen der Branche dabei nicht mehr zufrieden. Sana, Helios, Asklepios und Rhön-Klinikum wollen ihre Stellung in der Spitzenmedizin ausbauen. Die Chancen dafür stehen gut, denn viele Universitätskliniken in Deutschland arbeiten defizitär und gelten deshalb als Kandidaten für eine Übernahme oder eine Beteiligung. Ganz oben auf dem Einkaufszettel der Investoren steht das Klinikum der Mainzer Gutenberg-Universität.
„Natürlich haben wir Interesse an Mainz“, sagt Reinhard Schwarz, Vorsitzender der Sana-Geschäftsführung. Sein Unternehmen führe deswegen Gespräche mit dem rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministerium. Das Mainzer Klinikum habe eine erstklassige medizinische Reputation und würde das Portfolio eines jeden privaten Trägers bereichern. Das bestätigen auch Sprecher von Helios und Asklepios. Ein Uniklinikum sei ein enormer Gewinn fürs Renommee und ermögliche einen wechselseitigen Wissenstransfer.
Rhön-Klinikum kann sich eine Beteiligung vorstellen
Bislang hat die Rhön-Klinikum AG in dieser Hinsicht die Nase vorn. In Gießen und Marburg, bei der bislang einzigen Privatisierung eines Universitätsklinikums, konnte sich der Konzern gegen die Gebote der Konkurrenz durchsetzen. Offenbar hat sich der Einstieg bewährt, denn das Unternehmen kann sich auch eine Beteiligung in Mainz vorstellen. Dabei könnte die Verantwortung für Forschung und Lehre beim Land und der Universität bleiben, teilt Prokurist Erik Hamann auf Anfrage mit.
Interessiert sei Rhön an der Krankenversorgung. Aufgrund seiner Gewinne sei das Unternehmen in der Lage, hohe Summen in Neubauten zu investieren. Diese wiesen große logistische Vorteile auf. Durch kurze Wege und bessere Abläufe ließen sich Betriebskosten senken. In Gießen etwa habe Rhön weit mehr als 100 Gebäude vorgefunden. Nun werde ein einziger Ersatzbau errichtet. So sei es möglich, in der gleichen Zeit mehr Patienten zu behandeln und abzurechnen. Die höheren Gewinne würden am Standort reinvestiert.
Zum potentiellen Übernahmekandidaten ist das Mainzer Klinikum durch die hohen Fehlbeträge der vergangenen Jahre geworden. Seit 2001 schreibt das Haus rote Zahlen, im Jahr 2004 wurde ein Rekorddefizit von 33,2 Millionen Euro erwirtschaftet. Seitdem bemüht sich der Klinikvorstand auf Grundlage eines „Erneuerungskonzepts“ um eine Konsolidierung. In diesem Jahr soll das Defizit auf unter zehn Millionen Euro sinken und bis spätestens 2010 ganz verschwinden.
Abbau von bis zu 580 Stellen
Mit einer Rationalisierung der betrieblichen Abläufe, mit Kostensenkungen und einem Abbau von bis zu 580 Stellen versucht sich das Klinikum selbst aus der misslichen Lage zu befreien. Allein darauf will sich das Land aber nicht verlassen. Der inzwischen nach Berlin gewechselte Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner (SPD) hat einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der die Zukunft des Klinikums regelt.
Zunächst ist eine Fusion mit dem Fachbereich Medizin der Gutenberg-Universität zur „Hochschulmedizin“ vorgesehen. Eine solche „Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Anstaltscharakter“ könnte selbständiger agieren und privatrechtliche Dienstverhältnisse eingehen. Im zweiten Schritt ist die Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft möglich, an der sich Privatunternehmen beteiligen könnten.
Dem Vernehmen nach waren die großen privaten Klinikbetreiber in die Vorbereitung des Gesetzestextes einbezogen. Dass eine Privatisierung bereits beschlossene Sache wäre, streitet Zöllners Nachfolgerin Doris Ahnen (SPD) aber ab. Ziel der Landesregierung sei es, die „wissenschaftliche Exzellenz und internationale Wettbewerbsfähigkeit des Universitätsstandorts Mainz zu fördern, die Krankenversorgung auf höchstem medizinischen Niveau zu sichern und die klinische Medizin als bedeutenden Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsfaktor in der Rhein-Main-Region zu stärken“. Zwar sei die Möglichkeit zur Privatisierung im Gesetz vorgesehen. Ob die Regierung davon Gebrauch mache, werde aber zu einem späteren Zeitpunkt entschieden.
Kritik: Freiheit von Forschung und Lehre gefährdet
Kritiker sehen in einer Privatisierung den Anfang vom Ende des Universitätsklinikums. Unter privater Regie wäre die Freiheit von Forschung und Lehre gefährdet, meinen sie. Ein Investor strebe nach Profit und habe kein Interesse an teurer Spitzenmedizin. Nach Art des „Rosinenpickens“ würde nur in diejenigen Einrichtungen investiert, bei denen Gewinne zu erwarten seien, wird befürchtet.
Solche Unterstellungen weisen die Klinikbetreiber zurück. Sana-Geschäftsführer Schwarz nennt die Vereinigten Staaten als Beispiel dafür, dass Spitzenmedizin in privaten Händen gut aufgehoben sei. Für sein Unternehmen mache es gar keinen Sinn, einen „Leuchtturm der Medizin“ erst zu erwerben und dann herunterzuwirtschaften. Für Rhön komme ein „Rosinenpicken“ schon aus Eigeninteresse nicht in Frage, sagt Prokurist Hamann. Die Patienten schätzten ein Universitätsklinikum wegen der Breite und Tiefe des Angebots. Wenn dieses Alleinstellungsmerkmal nicht mehr vorhanden sei, wanderten sie zu gewöhnlichen Krankenhäusern ab, von denen es in Mainz und Umgebung genügend gebe.