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Mainz Schokoladenkugeln statt Schallplatten

Es klebt, glänzt und schützt: Die Wurzeln der deutschen Schellack-Industrie liegen in Mainz, wie eine Sonderschau über das Naturprodukt zeigt.

© Cornelia Sick Vergrößern Tonträger: Frühe Schallplatten, die mit einem Trichtergrammophon abgespielt wurden, bestanden zum Teil aus Schellack.

Wenn ein Apfel im Supermarkt besonders schön glänzt, die Schokoladenkugel erst im Mund und nicht in der Hand schmilzt oder sich eine Filmtablette genau an jener Stelle im Körper auflöst, wo sie am meisten wirkt, ist vermutlich Schellack im Spiel. Das aus Süd- und Südostasien stammende Naturprodukt – eine harzige Substanz, die aus den Ausscheidungen des Insekts Kerria Lacca gewonnen wird – glänzt, klebt und schützt derartig gut, dass es in der Pharma-, Kosmetik- und Lebensmittelindustrie, aber auch bei der Lack- und Farbenherstellung nahezu 1000 Verwendungsmöglichkeiten dafür gibt; dementsprechend liegt die Jahresproduktion bei mehr als 30.000 Tonnen.

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Bis zu 300.000 Lackschildläuse werden gebraucht, um ein Kilogramm Schellack zu ernten, was vorrangig in Indien, Burma, Thailand und China passiert. Auf das Veredeln und Bleichen des hellgelb bis dunkelorange schimmernden Ausgangsstoffs verstehen sich auch andere Länder; spätestens seitdem die East India Company das anfangs vor allem bei Möbelschreinern und Instrumentenbauern als Politur begehrte Material nach Europa brachte. Dass Mainz seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und fast 150 Jahre lang eine führende Rolle bei der Herstellung von Schellack spielte, dürfte aber kaum noch bekannt sein.

Einer der bedeutendsten Anbieter in Europa

Eine Wissenslücke, die sich durch den Besuch des Stadthistorischen Museums, das sich im Bau D der Mainzer Zitadelle befindet, schließen lässt. Dort ist bis 30. Oktober die Sonderausstellung „Schellack in Mainz“ zu sehen. Für Sonntag von 16 Uhr an lädt Kurator Manfred Penning, der sich seit einem Vierteljahrhundert mit dem Rohstoff beschäftigt, Besucher zu einer Extraführung, für die keine Anmeldung erforderlich ist. Das Angebot gehört zum Programm der „Tage der Industriekultur Rhein-Main“, bei denen das Thema „Chemie“ im Mittelpunkt steht. Das passt, da laut Penning „die deutsche Lackindustrie ihre Wurzeln in Mainz hat“.

Mit dem Bleichen von Schellack, für das einst Georg Büchners jüngerer Bruder Wilhelm ein Verfahren entwickelte, soll um 1845 die Mainzer Lackfabrik Ludwig Marx begonnen haben. Diese war mit Werken in St. Petersburg und Gaaden bei Wien bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges einer der bedeutendsten Anbieter dieser Ware in Europa. Außerdem gingen etliche weitere Unternehmen aus dem Marxschen Urbetrieb hervor; nicht zuletzt die Wilhelm Zinsser & Co. in New York, die bis heute als größtes Schellackunternehmen der Welt gilt.

1988 ging die Ära zu Ende

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren es vor allem die aus Steinmehl, Ruß, Tierhaar oder Baumwolle sowie einem gut zwanzigprozentigen Schellack-Anteil gefertigten Schallplatten, die der Branche gute Geschäfte bescherte. Allerdings nur bis 1958, dann wurden die leicht zerbrechlichen Scheiben in Deutschland von der Vinyl-Platte abgelöst. Für den an Bäumen nachwachsenden Rohstoff, der in den Ursprungsländern zweimal im Jahr geerntet wird, fanden sich aber bald schon genügend andere Einsatzgebiete: So verhindert Schellack im Handel nicht nur das Austrocknen von gewaschenem Obst, er lässt zudem die Zitrusfrüchte prächtig aussehen, hilft beim Eierfärben und wirkt als Glühlampen-Klebemittel zwischen Glas und Metall; noch dazu findet man ihn in Haarsprays, Lippenstiften und Nagellack sowie als Mikroverkapselung von Vitaminpräparaten.

Nur aus Mainz, wo sich früher mehrere Betriebe mit der Weiterverarbeitung des harzartigen Sekrets beschäftigt hatten, ist er verschwunden: Mit dem Verkauf der aus der Kalkhof GmbH hervorgegangenen Resart GmbH an die BASF ging 1988 die Ära der Schellackherstellung zu Ende.

Quelle: F.A.Z.

 
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