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Mainz Ordentlich auf die Ohren

05.06.2006 ·  Beim Mainzer „Open Ohr“-Festival wurde zwar wie immer auch heftig debattiert - über Freiheit und Sicherheit. Vor allem aber kriegten die 6000 Gäste etwas zu hören: Die Bands gehörten nicht zu den Leisetreter.

Von Marcus Schug
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„Sag' ich nicht“ und „Ebenso“ haben schnell gelernt. Nur weil sie sich beim Karaoke-Wettbewerb am Sonntag nachmittag in Mainz auf die Bühne wagten, sind die beiden etwa zwölf Jahre alten Mädchen längst noch keine Stars, zweifellos keine Persönlichkeiten von öffentlichem Interesse. Eben deshalb wollten sie dem Moderator und den neugierig gewordenen Besuchern des 32. Open Ohr Festivals auch partout nicht ihre Namen verraten. „Sag' ich nicht“ sagte „Sag' ich nicht“ auf die entsprechende Frage des Programmverantwortlichen - und „Ebenso“ fügte dem ein unmißverständliches „Ebenso“ hinzu. Ein bißchen Privatsphäre muß schon sein - auf einem Jugendkulturfestival unter dem Motto „Privatsache!“ allemal.

Schließlich wurden gerade Talk-Sendungen wie „Vera am Mittag“ bei der viertägigen Veranstaltung auf dem Gelände der Zitadelle als abschreckende Beispiele angeführt: Dabei werde mit tatsächlichen oder konstruierten Einzelschicksalen der Gäste im Fernsehen doch nur billige Unterhaltung gemacht. Statt dessen hatten die schätzungsweise 6000 Besucher des „Ohr“ an Pfingsten Gelegenheit, selbst mit außergewöhnlichen Typen zu sprechen: Mit dem ehemaligen Obdachlosen Michael Heidler etwa, dem früheren Langzeithäftling und Autor Dimitr Todorov und der Bauwagensiedlungsbewohnerin Romy Schnölzer. Drei Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen, die sich allerdings die Erfahrung einer „extremen Privatheit“ teilen.

Balance zwischen Freiheit und Sicherheit

Neben solchen, eher persönlich gehaltenen Begegnungen setzt die von der Stadt Mainz bei der Organisation unterstütze Freie Projektgruppe, die für das Open-Ohr-Programm verantwortlich zeichnet, traditionell auf Podiumsveranstaltungen, bei denen aktuelle Entwicklungen in Deutschland diskutiert werden sollen: Dabei stand die Frage nach dem idealen Verhältnis von Sicherheit und Freiheit der Bürger im Mittelpunkt. Solange es in der Bundesrepublik erwiesenermaßen einige hundert gewaltbereite Islamisten gebe, müsse der Staat - insbesondere nach den in Deutschland vorbereiteten Terroranschlägen vom 11. September 2001 - auch Daten über solche Gruppierungen sammeln und auswerten dürfen, forderte die aus Wiesbaden stammende Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler (CDU) beim Forum „Der gläserne Bürger“.

Dadurch gerate der Grundsatz, „daß der Bürger zunächst einmal unverdächtig ist“, jedoch ins Wanken, erwiderte die rheinland-pfälzische Grünen-Politikerin Friedel Grützmacher. Die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit werde derzeit leider meist zuungunsten der Freiheit ausgelegt - nicht zuletzt bei der anstehenden Fußball-WM. Daß Terroranschläge letztlich nie ganz zu verhindern seien, und allen Kontrollen beim Kartenverkauf zum Trotz wohl auch ein Usama Bin Ladin ins Stadion gelangen könnte, wenn er das wollte, war denn auch beim Forum „Abseits der WM“ unstrittig.

Zelthaut als „Diskussionsstoff“

Zur Beantwortung der Frage, ob größtmögliche Sicherheit am besten durch vollständige Transparenz zu erreichen sei, hatten die Open-Ohr-Macher für ihre Gäste zudem eine ungewöhnliche Anregung vorbereitet: Für die ultraleichte Neuheit „Safer Camping T 100“, ein Ein- bis Zwei-Personen-Zelt aus durchsichtigem Nylon, spreche nicht nur der traumhafte Blick in den Sternenhimmel und das hautnahe Naturerlebnis, so die Botschaft der auf dem Gelände verteilten Werbe-Postkarte. Vielmehr könnten mit dem durchsichtigen Zelt auch gewaltsame Übergriffe und Diebstähle sowie etwaige Verwechslungen der Schlafstätte verhindert werden. Schade eigentlich, daß sich die tagelang angepriesene neue Zelthaut gegen Ende des Festivals dann doch nur als ein weiterer „Diskussionsstoff“ herausgestellt hat.

Auf dem für Festivalbesucher ausgewiesenen Zeltplatz an der Windmühlenstraße geriet in der Nacht zum Pfingstsonntag dagegen eine rund 60 Jahre alte Esche in Brand. Die Feuerwehr mußte den offenbar durch Unachtsamkeit am Stamm geschädigten Baum aus Gründen der Sicherheit fällen.

Auftritte von „Sick of it all“ und „Muff Potter“

Dies dürfte jenen als Argument dienen, die in den Tagen vor Pfingsten Kritik daran geübt hatten, daß die denkmalgeschützte Zitadelle überhaupt für ein Jugendfestival bereitgestellt werde. Die in den Jahren zuvor meist üblichen Lärmbeschwerden von Anwohnern blieben dagegen nahezu aus. Dabei standen unter anderem mit „Sick of it all“ am Samstag und „Muff Potter“ tags darauf Gruppen auf der Hauptbühne, die alles andere als musikalische Leisetreter sind.

Wie es mit dem Open Ohr Festival, für das ein Etat von rund 200.000 Euro zur Verfügung stand, weitergehen soll, werde man zu einem späteren Zeitpunkt besprechen, sagte Marcus Becker, Mitglied der Freien Projektgruppe. Nach mehr als drei Jahrzehnten sei es jedoch erlaubt, alles in Frage zu stellen: den Veranstaltungsort, die Dauer des Festivals sowie den Termin an Pfingsten. Möglicherweise werde man sich nach ausführlicher Diskussion dann aber doch dafür entscheiden, trotz immer geringerer finanzieller Möglichkeiten am bisherigen Konzept festzuhalten.

Mit schnellen Antworten ist dabei wohl nicht zu rechnen. Schließlich darf beim Open Ohr grundsätzlich jeder seine Meinung sagen und zunächst einmal alles „angedacht“ werden.

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