09.02.2007 · Die Heag Südhessische Energie AG (HSE) will ihre Beteiligung an den Kraftwerken Mainz-Wiesbaden (KMW) veräußern. Der Verkauf der Hälfte des Aktienpakets an die Stadtwerke Mainz wurde bereits vertraglich vereinbart.
Von Rainer HeinDie Heag Südhessische Energie AG (HSE) will ihre Beteiligung an den Kraftwerken Mainz-Wiesbaden (KMW) veräußern. Wie der Vorstandsvorsitzende Albert Filbert auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz mitteilte, wurde am Vormittag bereits der Verkauf der Hälfte des Aktienpakets an die Stadtwerke Mainz vertraglich vereinbart. Die andere Hälfte habe die HSE vor zehn Tagen dem zweiten Gesellschafter der KMW, der Wiesbadener Eswe, angeboten, die nun zwei Monate Zeit habe, um über die Offerte zu befinden.
Der Anteil der HSE an dem Mainzer Kraftwerksbetreiber, der auf der Ingelheimer Aue ein neues Kohlekraftwerk mit einer Leistung von rund 800 Megawatt bauen möchte, beläuft sich auf insgesamt 33,3 Prozent. Das entspricht einem Aktienpaket im Wert von 100 Millionen Euro. Sollte die Eswe das Angebot ablehnen, sind Filbert zufolge die Mainzer Stadtwerke bereit, den noch verbliebenen Darmstädter Anteil zu übernehmen. In diesem Fall würden die Mainzer Mehrheitsaktionär. Andernfalls hielten Mainz und Wiesbaden je gleich große Anteile an KMW.
Der vollständige Rückzug überrascht
Dass die HSE ihren Anteil, der erst 2004 von 22 auf 33 Prozent aufgestockt worden war, wieder reduzieren wollte, ist schon seit September vergangenen Jahres bekannt. Allerdings war bisher stets die Rede von 16 Prozent, die veräußert werden sollten. Der avisierte vollständige Rückzug überraschte daher. Filbert führte für die Entscheidung vor allem Unterschiede in der Unternehmensphilosophie an. Während die HSE generell der Idee von Gemeinschaftskraftwerken folge, die ihren Strompreis für die Gesellschafter auf Basis der Produktionskosten berechneten, verstehe sich die KMW als „unabhängiger Energieerzeuger“, der seinen Strom grundsätzlich zu Marktpreisen abgebe. Zwar führe dies bei gut verlaufenden Geschäftsjahren am Ende zu Dividendenzahlungen für die Gesellschafter. „Dividenden sind aber nicht unser Ziel. Dort, wo wir investieren, wollen wir die Energie nach Erzeugerkosten beziehen und nicht nach schwankenden Marktpreisen. Wir verstehen uns als einen Erzeuger auf allen Wertschöpfungsstufen“, so Filbert.
Diese Differenzen waren offensichtlich auch der Grund, warum die HSE auf der Gesellschafterversammlung der KMW den Anträgen des Vorstands auf eine Erhöhung des Investitionsbudgets um 300 Millionen Euro und der Ermächtigung zum Abschluss eines Vorvertrags für den Bau des Kraftwerks nicht zugestimmt hat.
(Siehe: „Jetzt wird bestellt und gebaut“.)
Die Gespräche über die Konditionen für die Stromlieferungen aus der geplanten Anlage, aus der die HSE gern 120 Megawatt beziehen möchte, seien „nicht zu einem Ergebnis gekommen, das uns ein positives Votum ermöglicht hätte“, so der HSE-Chef.
Investitionen beabsichtigt
Dass er bei einer Beteiligung an einem 1,2 Milliarden Euro teuren Kraftwerksprojekt wissen wolle, „unter welchen Konditionen wir von dort Strom beziehen können“, sei jedoch nur folgerichtig. Als weiteren Grund für den Aktienverkauf führte Filbert an, es sei sinnvoll, die Unternehmensentscheidungen dort zu treffen, „wo auch die lokalen Lasten zu tragen sind“. Mit dem Angebot an Wiesbaden und Mainz komme man beiden Partnern entgegen, so dass sie ihren „Standortinteressen“ gerecht werden könnten.
Die 100 Millionen Euro, die aus der Transaktion abfallen, will die HSE nutzen, um ihre Energieerzeugung auf breitere Basis zu stellen. Beabsichtigt seien Investitionen in unterschiedliche Projekte. So werden Filbert zufolge schon in einigen Tagen Verträge mit dem geplanten Gaskraftwerk im bayerischen Irsching geschlossen. Auch regenerative Energien werde die HSE weiter ausbauen. Sollte ein Liefervertrag mit der KMW über die gewünschte Menge von 120 Megawatt nicht zustande kommen, sei er überzeugt, dass bis zur Inbetriebnahme des Kohlekraftwerks auf der Ingelheimer Aue im Jahr 2012 andere Alternativen bestünden. „Die Situation für die HSE verschlechtert sich auf keinen Fall.“