„Alles hat seine Zeit.“ Mit ein bisschen Wehmut in der Stimme hat Landrat Berthold Gall (CDU) seinen Rückzug aus der Politik zum 30. September 2011 angekündigt. Mit dann fast 65 Jahren wäre es zwar möglich gewesen, nochmals eine Amtszeit als Landrat zu bestreiten, aber er wolle jüngeren Kräften Platz machen, kündigte der Flörsheimer an und fügte hinzu: Er könne nicht Chefärzte mit 65 Jahren aufs Altenteil schicken und für sich selbst eine Ausnahme machen.
Den innerhalb der CDU schon auserkorenen Nachfolgekandidaten unterstützte der Amtsinhaber: Der Kreisbeigeordnete Michael Cyriax sei ein Mann von großer Integrität und Solidität. Er verfüge über Fachwissen, und „auf ihn ist zu 100 Prozent Verlass.“ Er habe durch eine geänderte Dezernatsverteilung, die dem 40 Jahre alten Juristen größere öffentliche Präsenz ermögliche, die Weichen für seinen Wunschnachfolger schon gestellt.
Komlimente an die Kollegen
Ein Landrat leiste „Knochenarbeit“, sagte Gall. Wer den Hang zur „beleidigten Leberwurst“ habe oder in Selbstdarstellung verharre, sei in dieser Funktion fehl am Platz. Er habe Cyriax in den vergangenen acht Jahren aus nächster Nähe erlebt und wisse: „Den Job kriegt er hin.“
Komplimente verteilte Gall nicht nur an den Parteifreund, sondern auch an den Ersten Kreisbeigeordneten Hans-Jürgen Hielscher (FDP), mit dem es anfangs „intern kräftig gerumpelt“ habe. Inzwischen aber sei das Führungstrio ein schlagkräftiges Team – drei Männer, die „ohne Kumpanei Freunde sind“.
Ein Vierteljahhrundert Politik
Es falle ihm nicht leicht, nach zwölf Jahren an der Kreisspitze nicht mehr weiterzumachen, sagte Gall. Im August vergangenen Jahres habe er sich erstmals mit dem näherrückenden Termin beschäftigt. Nach den verlorenen Direktwahlen von CDU-Kandidaten sei er in seiner Entscheidung wieder unsicher geworden und habe neu überlegt, doch ein drittes Mal als Landratskandidat anzutreten. Etwas Abschiedsschmerz bleibe deshalb zurück.
Nach rund einem Vierteljahrhundert – acht Jahre als Sulzbacher und sechs als Bad Sodener Bürgermeister sowie zwölf als Landrat – kehre er der Kommunalpolitik nach dem Ablauf der zweiten Amtsperiode definitiv den Rücken. Gall schloss eine Kandidatur für ehrenamtliche Mandate oder Parteifunktionen in der CDU aus. Er werde das Landratsamt und dessen mehr als 1000 Mitarbeiter vermissen, mit Sicherheit nach dem Ausscheiden dort aber uneingeladen nicht mehr „auftauchen“.
„Kein Altenteil“
Dennoch werde er sich nach dem 30. September 2011 nicht auf das Altenteil zurückziehen, sagte Gall. Er könne sich eine Tätigkeit für die Region Rhein-Main oder in der Wirtschaft gut vorstellen – aber „Konkretes gibt es da nicht“.
Zunächst werde er bis zum letzten Tag der Amtszeit ohne Abstriche weitermachen. Es gebe noch zahlreiche Ideen und Vorhaben, die der Verwirklichung harrten, zum Beispiel strebe er eine weitere freundschaftliche Verbindung mit der italienischen Provinz Salerno an. Den Kampf gegen den Bau der Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen, den er gegen die Beschlüsse der eigenen Landespartei führte, gibt Gall dagegen verloren. Das Thema sei „gegessen“. Er könne sich nicht vorstellen, dass sich der Gang zum Verfassungsgericht noch lohne.
Im Falle eines Wahlsiegs von Cyriax riet Gall der Kreistagsmehrheit aus CDU und FDP, die Position des dritten hauptamtlichen Kreisausschussmitglieds abermals zu besetzten. Das Unternehmensportfolio des Kreises sei so breit gefächert, dass es weiterhin dreier starker hauptamtlicher Dezernenten benötigte.

