19.08.2005 · Literatur, vor allem die deutsche, ist die Leidenschaft des in Nanking geborenen Germanisten Hongjun Cai. Die Sprache hat er in der Schule gelernt, an der Universität vertieft und schließlich in Deutschland und der Schweiz gefestigt. Vor 16Jahren kam er zum ersten Mal nach Frankfurt. "Ich wollte hierbleiben und nicht so schnell zurück."
Zu Günter Grass hat Cai ein besonderes Verhältnis. Als er den Schriftsteller 1979 das erste Mal bei einer Lesung in Schanghai hörte, studierte er im dritten Semester Germanistik. "Ich verstand fast nichts", sagt Cai. Sechs Jahre später arbeitete er für eine Zeitschrift mit dem Namen "Weltliteratur" und sollte für sie "Katz und Maus" übersetzen.
Um Lizenzen oder eine Freigabe des Verlags habe sich in China damals niemand gekümmert. Cai hatte schon Novellen von Arthur Schnitzler vom Deutschen ins Chinesische übertragen, doch Grass sei "eine Nummer größer" gewesen. Weil sich das Magazin gerne mit einem Vorwort des jeweiligen Autors schmückte, leitete er einen Brief mit der entsprechenden Bitte über einen befreundeten Theaterkritiker an Grass weiter.
Drei Bücher von Günther Grass übersetzt
Einige Wochen danach kam dann tatsächlich eine Antwort des Schriftstellers, der sich über das Interesse aus dem fernen Land wunderte. Inzwischen lebt Cai in Deutschland und hat mit "Mein Jahrhundert" und "Im Krebsgang" weitere Bücher von Grass übersetzt und zahlreiche andere an chinesische Verlage vermittelt. Bei einem Übersetzertreffen saß er einmal direkt neben ihm. "Ich hatte die meisten Fragen", sagt Cai. Beim Treffen im Jahr darauf hielt man ihm schon den Platz neben Grass frei.
In Frankfurt und Würzburg studierte Cai Kinder- und Jugendliteratur. Fünf Jahre hat er als Lektor gearbeitet, kurzzeitig auch als Redakteur für die geplante chinesische Ausgabe einer Zeitschrift. Doch seine Hauptbeschäftigung ist die Vermittlung von Büchern deutscher Autoren nach China. Für mehr als 80 Verlage arbeitet Cai und schätzt, daß er mehr als die Hälfte der 400 deutschen Titel verantwortet, die jedes Jahr in China veröffentlicht werden.
Nur ein geringes Honorar
Bis 1992 habe es keine offiziellen Lizenzausgaben gegeben. Das sei inzwischen anders, doch der Buchmarkt werde streng kontrolliert. Auch Raubkopien seien im Umlauf, allerdings nicht von den ausschließlich staatlichen Verlagen, sondern von Druckereien. Die Marge für Cai ist angesichts der niedrigen Bücherpreise in China klein, nur wenige Cent bleiben ihm je Buch.
Dabei seien die Auflagen meist nicht hoch. Kaum mehr als 5000 Exemplare erschienen von Romanen gewöhnlich. Als Ausnahme nennt der Literaturagent die Bücher von Elfriede Jelinek. Befördert durch den Nobelpreis, gebe es einen regelrechten Boom.
Kinderbücher besonders begehrt
Gefragt seien außerdem Kinderbücher. Der erfolgreichste deutschsprachige Schriftsteller in China sei der österreichische Kinderbuchautor Thomas Brezina. Er sei dort kaum weniger bekannt als die "Harry Potter"-Schöpferin Joanne K. Rowling.
Meist stelle er schnell fest, welches Buch für welchen Verlag geeignet sei, sagt Cai. Gerade ist er zur Buchmesse in Peking, wo er mit seiner Agentur "Hercules" erstmals einen eigenen Stand hat. Sein Vorteil ist, daß er in seinem Katalog die deutschen Bücher mit einer chinesischen Inhaltsangabe vorstellen kann. Auch in Rezensionen für chinesische Zeitungen präsentiert er sie.
Vermittlung chinesischer Werke bleibt die Ausnahme
Etwa zwei Dutzend Bücher hat Cai auch selbst übersetzt, wobei er sich diese Werke selbst aussucht. Die Vermittlung chinesischer Werke nach Deutschland ist bisher die Ausnahme. Er stehe kurz vor dem Abschluß für den ersten chinesischen Roman, sagt der Literaturagent. Die chinesischen Germanisten hätten mehr für die Vermittlung deutscher Literatur nach China getan als die deutschen Sinologen für den umgekehrten Weg, ist sein Eindruck.
Nach Stationen in Offenbach und München sind Cai und seine Frau in Kelkheim heimisch geworden. Obwohl er auch in China gut leben könne, wolle er hierbleiben, sagt der Literaturagent. Als Konsequenz daraus ist er seit anderthalb Jahren deutscher Staatsbürger.
Inzwischen hat auch Bürgermeister Thomas Horn (CDU) von den deutsch-chinesischen Kulturbeziehungen gehört, die von seiner Stadt ausgehen. Daher hat er den darob überraschten Cai jüngst ins Rathaus eingeladen. Dieser bot prompt seine Hilfe an, sollte Kelkheim einmal eine chinesische Partnerstadt suchen.