26.12.2008 · Die Kronberger Geschichte leuchtet über den Köpfen der Spaziergänger: Die örtliche Laienspielschar lässt den Laternenweg und seine Geschichten lebendig werden, wenn sie als Nachtwächter zum Rundgang durch die Taunusstadt bitten.
Von Bernhard BienerGewöhnlich dienen Laternen dazu, den Weg zu erhellen. Doch Besucher der Kronberger Altstadt sollten den Blick nicht nur auf das Pflaster vor ihren Füßen, sondern gelegentlich auch nach oben zur Lichtquelle richten. Dort entdecken sie streitende Ritter, eine Kaisergattin, Musiker oder murmelspielende Kinder. Szenen aus der Kronberger Geschichte und dem heutigen Leben der Stadt zieren als Scherenschnitte das Laternenglas.
47 Motive hat der in Trendelburg lebende Künstler Albert Völkl inzwischen geschaffen. Die schönste Art, sie kennenzulernen, ist eine Führung der 1. Kronberger Laienspielschar wie zuletzt Ende November. Morgen steht die nächste auf dem Programm.
Bis zu 120 Besucher pro Führung
„Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen“, klingt es von fern, als sich der Nachtwächter durch die Dunkelheit nähert. Etwa 35 Menschen haben sich am Treffpunkt, dem Recepturhof, versammelt. Obwohl die Nacht kalt ist, Schneetreiben einsetzt und es nicht die erste derartige Führung ist. Bis zu 120 Teilnehmer hat die Laienspielschar schon an einem Abend gezählt. Als der Nachtwächter angekommen ist, entpuppt er sich als zwei Nachtwächterinnen: Petra Nauheim, Vorsitzende der Laienspielschar, und Annette Reinhardt haben sich das schwarze Cape übergeworfen, den passenden Hut dazu aufgesetzt und tragbare Lichter in die Hand genommen.
Schon an den Laternen rund um die Receptur haben sie allerhand zu zeigen: Eine Cellistin als Hinweis auf die Kronberg Academy, ein Hochzeitspaar wegen des Standesamts und das Wappen des Mainzer Erzbischofs Lothar von Schönborn, der 1720 die sogenannte Westerburg der Kronberger Ritter durch ein Kellereigebäude ergänzen ließ, um dort Abgaben zu erheben.
Rebstöcke im Rathausgarten
Dann zieht der Tross weiter zum gegenüberliegenden Gasthaus Adler, und schon wird deutlich, warum gerade die Laienspielschar die Führungen entlang des Laternenwegs übernommen hat. Im Wirtshauseingang, hinter dem heute eine Pizzeria betrieben wird, steht Walter Wegefahrt in weißem Kittel und rotem Künstlerbarett. In der Hand einen Pinsel und vor sich eine Staffelei erinnert er daran, dass der „Adler“ einst ein beliebter Treffpunkt der Malerkolonie war.
Ein Stück weiter steht unvermittelt ein Mann in Winzerschürze auf der Bruchsteinmauer und dirigiert eine kleine Sängerschar, die ein Lied über den Wein singt. Der Scherenschnitt an der Laterne deutet an, dass auch in Kronberg Rebstöcke im Rathausgarten wachsen, weil die Stadt mit Guldental an der Nahe eine innige Beziehung unterhält.
Streit um katholische Kirche
Von der fröhlichen Weinseligkeit geht es durch das inzwischen dichte Schneetreiben weiter zu einer traurigen Gestalt, die in Ketten hinter Gittern sitzt. Denn, so zeigen Laienspieler als auch Scherenschnitt, war der Burckhartsturm einst das Gefängnis. Am Fritz-Best-Platz erzählt Nachwächterin Nauheim nicht nur etwas über den Bildhauer und Maler als aktuellen Namensgeber, sondern auch, dass hier früher die Kinder mit Murmeln gespielt haben. Alte Kronberger sprechen daher immer noch vom „Klicker-Plätzi“. Zurück an der Schirn, zeigen Seiltänzer auf dem Laternenglas und Bauersfrauen, dass sich hier der alte Marktplatz befand.
Die Abbildung streitender Pfarrer erläutert an der nahen Streitkirche, woher das Bauwerk seinen Namen hat: Kurmainz wollte 1737 ein repräsentatives katholisches Gotteshaus im evangelischen Kronberg durchsetzen, noch dazu direkt neben der Johanniskirche. Das ließen sich die Protestanten nicht bieten, und sie trugen den Streit bis vor den Regensburger Reichstag. Der gab ihnen recht, und auf einem weiteren Laternenglas ist zu sehen, wie 1756 der Turmreiter abgebrochen wurde, weil die Kirche nicht als solche diente.
Fotografierende Tauben
Nauheim und Reinhardt haben noch mehr Kronberger Geschichten zu berichten, etwa die vom Apotheker Julius Neubronner und seinen fotografierenden Brieftauben: Eine von ihm konstruierte Minikamera mit Selbstauslöser band er den Vögeln um. Sie lieferte 1904 so gute Luftaufnahmen, dass sich das Militär dafür interessierte. Am Eichentor, dem letzten erhaltenen Stadttor Kronbergs, wartet ein Wächter in Uniform auf die Gruppe.
Jetzt geht es eine steile Treppe hinab zur Steinstraße, und am Schauplatz der Thäler Kerb, unter den von einer Laterne herableuchtenden Augen des Thäler Bürgermeisters, endet die Führung, die nur für einen Teil der Motive gereicht hat.
Scherenschnitte an Laternen
An der Entstehung des Laternenwegs waren viele beteiligt, vor allem der Altstadtkreis. Die Idee dazu hatte Dorothée Arden vom Kronberger Kulturkreis aus Heppenheim mitgebracht. In dem Ort an der Bergstraße hatte Völkl schon zum Hessentag 2004 die Straßenbeleuchtung entlang der alten Gassen mit Scherenschnitten gestaltet. 150 gibt es dort, und auch sie werden bei Dunkelheit mit Führungen den Besuchern nahegebracht.
Arden trat mit dem Künstler in Kontakt, und der ließ sich von den Kronberger Sagen, Geschichten und Begebenheiten schnell inspirieren. Im Frühjahr dieses Jahres konnte dann die erste Führung organisiert werden. Im nächsten Frühjahr wird der Weg um einen „Märchenpfad“ genannten Schlenker erweitert. Völkl baut außerdem ein tragbares Schattentheater, um mit diesem Bauchladen-Theater die Geschichte von der „Höhle im Altkönig“ zu erzählen. Sie soll am 10. Mai 2009, dem Tag der Literatur, öffentlich vorgeführt werden.
Termine der Laternenführungen und weitere Informationen finden sich unter www.kronberger-kulturkreis.de im Internet.
Bernhard Biener Jahrgang 1964, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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