10.08.2009 · Freiheit für Gaststätten: Bayern lockert das Rauchverbot, doch die Wirte sind nicht froh. Sie kritisieren einen „Zickzackkurs“, loben die alte Regelung und wollen nichts ändern.
Von Agnes SchönbergerDie Traditionsgaststätte „Schlappeseppel“ im Herzen der historischen Altstadt galt in Aschaffenburg über Generationen hinweg als gastronomische Bastion der Raucher. Auf den Tischen und der Theke reihten sich dicht an dicht die Aschenbecher, Qualm trübte die Sicht. Als Anfang 2008 in Bayern das strengste aller deutschen Rauchverbote in Kraft trat, meinten viele, der „Schlappeseppel“ werde diesen Angriff auf das vermeintliche bayerische Lebensgefühl nicht überleben. Doch zur Überraschung vieler ist „das Schlappe“ nach wie vor eine der beliebtesten Kneipen Aschaffenburgs. Und obwohl sich das Rauchverbot nach Ansicht der Gastwirte bewährt hat, haben CSU und FDP das Nichtraucherschutzgesetz gelockert.
Seit Anfang dieses Monats darf wieder in kleineren Gaststätten, Diskotheken und Bierzelten gequalmt werden. Damit werde der bayerischen Philosophie „Leben und leben lassen“ Rechnung getragen, hatte Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) das neue Gesundheitsschutzgesetz als „Regelung mit Augenmaß“ verteidigt. Er musste sich daraufhin sagen lassen, als Spruch würde besser der Titel des James-Bond-Films „Leben und sterben lassen“ passen.
Kein Jubel unter Gastwirten
Auch unter den Gastronomen am bayerischen Untermain haben die neuen „Rauch“-Zeichen aus München keinen Jubel ausgelöst. Peter Gemeinhardt vom Aschaffenburger Hotel „Wilder Mann“ spricht aus, was viele denken. „Das ist ein Skandal, was die Koalition in München gemacht hat“, sagt der Geschäftsführer, der selbst CSU-Mitglied ist. Nach seinen Worten hatte sich das strikte Rauchverbot etabliert. Nicht nur die Gäste, sondern auch die Mitarbeiter hätten davon profitiert. Im „Wilden Mann“ wird sich jedenfalls nichts ändern: Raucher müssen ins Freie. Niemand habe sich über diese, inzwischen alte Regelung beschwert. Man werde deshalb beim Rauchverbot bleiben.
„Essen und Rauchen verträgt sich sowieso nicht“, sagt der Kellner des Speiselokals „Zum Fegerer“. Auch im „Schlappeseppel“ soll alles so bleiben, wie es war. „Wir haben intelligente Gäste. Die wissen, dass wir zu groß sind, um das Rauchen zu erlauben“, sagt die Kellnerin, die nicht glaubt, dass die alten Diskussionen wiederaufflammen könnten.
Die Gesetzesnovellierung bietet Eckkneipen mit einer Gastfläche unter 75 Quadratmetern die Möglichkeit, sich als Rauchergaststätte zu kennzeichnen. Auch in abgetrennten Nebenräumen von Gaststätten ist das Rauchen wieder erlaubt. Gleiches gilt für Diskotheken. Allerdings darf sich in den Raucherzimmern keine Tanzfläche befinden. Generell erlaubt ist der Nikotingenuss in Bier-, Wein- und Festzelten. Das neue Gesetz bedeutet allerdings das Ende der zahlreichen Raucherclubs, in denen das Rauchverbot umgangen worden war. Allein in Aschaffenburg soll es mehr als 40 gegeben haben. Die CSU hatte die Lockerung des Rauchverbots auch mit dem „Wildwuchs“ an Raucherclubs begründet. Tatsächlich dürfte jedoch die Schlappe bei den Kommunal- und Landtagswahlen 2008 den Sinneswandel bei den Abgeordneten beschleunigt haben.
Ständiges „Hüh und Hott“
CSU-Stadtrat Peter Schweickard, dem die Schlossweinstuben in Aschaffenburg gehören, hat für den „Zickzackkurs“ der Politik kein Verständnis. Ein solches Verhalten sei unglaubwürdig, sagt er. Auch in den Schlossweinstuben bleibt alles beim Alten. Von durchweg positiven Erfahrungen mit dem alten Gesetz weiß auch Cornelia Seubert vom Hotel Post in Aschaffenburg zu berichten. Sie ist sogar einen Schritt weiter gegangen und bietet seit Ostern nur noch Nichtraucherzimmer an. Ihre Gäste müssen eine Nichtraucher-Vereinbarung unterschreiben. Wer dagegen verstößt, „kriegt eine saftige Rechnung“, sagt Seubert.
Das ständige „Hüh und Hott“ in Sachen Rauchverbot kritisiert auch der Präsident des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands, Siegfried Gallus. „Bayern kam von der liberalsten Gesetzgebung, verabschiedete dann das strengste Rauchverbot Deutschlands, lockerte dies wieder nach den Kommunalwahlen, um nun innerhalb von zweieinhalb Jahren Plan D vorzusetzen“, sagt Gallus und fordert Rechtssicherheit. Denn jede Variante habe für den Wirt zum Teil hohe Investitionen zur Folge gehabt.
„...und deshalb ändert sich bei uns auch nichts“
Lothar Hinzer vom Aschaffenburger Ordnungsamt weist darauf hin, dass die Reform schon bald überholt sein könnte. Denn die ÖDP in Bayern plane ein Volksbegehren zum Nichtraucherschutz, und auch die EU habe dem Tabakqualm längst den Kampf angesagt. Er hält eine Kontrolle des neuen Gesetzes für schwierig. Denn allein in Aschaffenburg gibt es 430 Gaststätten, und schon die alte Regelung hatte sich nicht bei allen herumgesprochen. Der Wirt von der Eckkneipe „Zur Hoffnung“ ist jedenfalls überrascht, dass das Rauchen verboten gewesen sein solle. Er wisse davon nichts, „und deshalb ändert sich bei uns auch nichts“.
Diese ewige Weltverbesserei!
Sam Tyler (InYourDreams)
- 10.08.2009, 20:21 Uhr
Rauchverbot ja oder nein?
Gabriele Müller (Baggymops)
- 10.08.2009, 21:05 Uhr
massenmörder!!!
Sven Kaulbars (faz-kaule)
- 10.08.2009, 22:16 Uhr
Agnes Schönberger Jahrgang 1956, freie Autorin für die Rhein-Main-Zeitung in Aschaffenburg.
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